Gegen den Strich

von

Joris-Karl Huysmans




Einleitung.

Wenn man nach den Porträts urteilen sollte, die im Schloß Lourps aufbewahrt werden, müßte die Familie Floressas des Esseintes in alten Zeiten aus athletischen alten Haudegen und rauhen Kriegsmannen hervorgegangen sein.

Gedrängt und eingeengt in ihre alten Rahmen, die sie mit ihren breiten Schultern gänzlich ausfüllen, könnten sie uns mit ihren starren Augen, den à la yatagans gedrehten Schnurrbärten und ihrer mit gewölbtem Panzer bedeckten Brust nahezu erschrecken.

So sahn die Ahnen der berühmten Familie des Esseintes aus; die Bilder der Nachkommen fehlen, da die Reihenfolge unterbrochen ist. Ein einziges Gemälde dient als Mittelglied und verbindet die Vergangenheit und die Gegenwart. Es war dies ein gar eigentümliches, schlaues Gesicht mit bleichen, schlaffen Zügen, die Backenknochen wie rot punktiert, das Haar wie angeklebt und von Perlen durchflochten, mit ausgestrecktem, geschminktem Hals, der aus den tiefen Falten einer steifen Krause hervortritt.

Schon auf diesem Bilde eines der intimsten Vertrauten des Herzogs von Epernon und des Marquis d'O machten sich die Gebrechen einer untergrabenen Gesundheit wie der Einfluß des lymphatischen Blutes bemerkbar.

Der Verfall dieser Familie hatte zweifellos seinen regelmäßigen Verlauf genommen; die Verweichlichung der männlichen Linie war immer mehr hervorgetreten, und als ob die des Esseintes das Werk der Zeit hätten selbst vollenden wollen, hatten sie während zweier Jahrhunderte ihre Kinder unter sich verheiratet, wodurch der Rest ihrer Kraft in naher verwandtschaftlicher Verbindung noch mehr geschwächt worden war.

Von dieser einst so zahlreichen Familie, die fast das ganze Gebiet von Isle-de-France und Brie bewohnte, lebte nur noch ein einziger Nachkomme, der Herzog Jean, ein schmächtiger junger Mann von dreißig Jahren, blutarm und nervös, mit eingefallenen Backen, kalten stahlblauen Augen, gerader feiner Nase und dürren schmalen Händen.

Durch ein seltsames Vorkommnis der Vererbung hatte dieser letzte Sprosse eine ganz auffällige Ähnlichkeit mit dem Urahnen, von dem er den spitzen Bart von außerordentlich hellem Blond und den doppelsinnigen Ausdruck des sehr ermüdeten und doch lebendigen Gesichtes hatte.

Seine Kindheit war traurig gewesen; bedroht von Skrofeln und heimgesucht von hartnäckigen Fiebern, war er doch in der frischen Luft und bei sorgfältiger Pflege so weit gediehn, daß er die Klippen der Reifezeit überschreiten konnte. Von da ab hielten seine Nerven stand, so daß er die Schwächen der Bleichsucht überwand und es schließlich bis zur vollständigen Reife brachte.

Seine Mutter, eine sehr blasse Frau, still und schweigsam, starb an Entkräftung. Sein Vater erlag einer unbestimmbaren Krankheit, als Jean des Esseintes eben sein achtzehntes Jahr erreicht hatte.

Von seinen Eltern war ihm nur eine Erinnerung verblieben, die einer gewissen Furcht, die jedes kindliche Gefühl erstickte. Seinen Vater, der fast immer in Paris gelebt hatte, kannte er kaum; und seine Mutter vermochte er sich nur in einem dunkeln Zimmer des Schlosses von Lourps unbeweglich auf dem Schlummerbette liegend vorzustellen. Selten nur waren die Gatten vereint gewesen, und aus jenen Tagen erinnerte er sich nur noch der gar einförmigen Zusammenkünfte, wo beide einander gegenüber saßen, zwischen sich einen Tisch, auf dem eine große Lampe brannte, die durch einen Lampenschirm tief verhängt war, da die Frau Herzogin weder Licht noch Lärm zu ertragen vermochte, ohne einer Nervenkrisis zu verfallen. Hier im Halbdunkel wechselten die Gatten wohl einige wenige Worte, bis der Herzog aufstand, sich verabschiedete und gleichsam erleichtert den nächsten besten Zug nahm, der ihn wieder nach Paris zurückführte. –

Bei den Jesuiten, zu denen Jean zur Erziehung ge schickt wurde, fand er wohlwollend freundliche Aufnahme. Die Pater gewannen das Kind, dessen Fassungskraft sie in Erstaunen setzte, recht lieb. Dennoch aber vermochten sie nicht, es trotz all ihrer Bemühungen dahin zu bringen, daß es sich den geregelten Studien widmete. Wohl fand es Geschmack an gewissen Arbeiten, so daß es frühzeitig der lateinischen Sprache mächtig ward, dagegen war es aber unfähig, nur zwei Worte Griechisch zu erklären. Es hatte durchaus keine Befähigung für das Erlernen der lebenden Sprachen und zeigte sich geradezu stumpf, sobald man sich bemühte, es in die Anfangsgründe der exakten Wissenschaften einzuführen.

Die Familie kümmerte sich wenig um Jean; dann und wann besuchte ihn sein Vater auf einen Augenblick in der Pension: »Guten Tag! – Adieu! – Sei artig! Arbeite tüchtig!« – das war alles, was er zu hören bekam.

Die Sommerferien verbrachte er im Schlosse von Lourps; doch vermochte seine Gegenwart nicht, die Mutter ihrem träumerischen Zustande zu entreißen. Sie bemerkte ihn oft kaum oder betrachtete ihn während einiger Sekunden mit fast schmerzlichem Lächeln und versenkte sich dann wieder von neuem in die durch dicke Gardinen erzeugte künstliche Nacht.

Die Dienstboten waren langweilig und alt. Der Knabe, sich selbst überlassen, durchstöberte an Regentagen die Bücher der Bibliothek und streifte bei schönem Wetter in der Umgegend umher.

Seine größte Freude war, in das kleine Tal hinunterzugehn bis nach Jutigny, einem kleinen Dörfchen, das sich am Fuße der Hügel ausdehnte und aus wenigen kleinen Häusern und Hütten bestand, die, meist mit Stroh bedeckt, gleichsam aus dem Moos herauswuchsen. Er warf sich dann wohl auf die Wiese im Schatten eines hohen Heuschobers nieder und lauschte dem dumpfen Geplätscher der Wassermühle und sog die frische Luft der Voulzie in die Lungen. Manchmal dehnte er seinen Spaziergang bis zum Torfmoor oder bis zu dem grünen und schwarzen Weiler von Longueville aus, oder er kletterte gar die Anhöhen hinauf, wo der Wind schärfer wehte und von wo er eine schönere Aussicht genoß. An der einen Seite hatte er das Seine-Tal unter sich, das sich in weiter Ferne mit dem Blau des Himmels mischte; an der andern Seite hatte er den Blick hoch oben gen Westen auf die Kirchen und den Turm von Provins, die in der Sonne und dem goldigen Luftstaub zu zittern schienen.

Er las oder träumte, in vollem Genuß der Abgeschlossenheit, wohl bis zur Dunkelheit; und da er sich immer grübelnd denselben Gedanken hingab, konzentrierte sich sein Geist, und seine bis dahin noch unbestimmten Ideen begannen vorzeitig zu reifen. Nach den Ferien kam er jedesmal nachdenklicher und störrischer zu seinen Lehrern zurück, denen diese Veränderung keineswegs entging. Scharfsinnig und schlau – durch ihren Beruf daran gewöhnt, die Seelen bis ins Innre zu ergründen – ließen sie sich durch seine aufgeweckte, doch unlenksame Intelligenz durchaus nicht hinters Licht führen. Sie erkannten wohl, daß dieser Schüler niemals zum Ruhme ihrer Anstalt beitragen werde; da aber seine Familie reich war und sich wenig um seine Zukunft bekümmerte, verzichteten sie vollständig darauf, ihn auf den einträglichen Schulberuf hinzulenken, obgleich er gern die theologischen Doktrinen mit ihnen erörterte, die ihn durch ihre Spitzfindigkeit und ihren Scharfsinn reizten. Dachten sie doch nicht einmal daran, ihn für ihren Orden zu gewinnen; denn trotz aller ihrer Bemühungen blieb sein Glaube schwach, weil sie ihn, aus Klugheit und Furcht vor etwas Unvorhergesehnem, auch ruhig die Studien verfolgen ließen, die ihm eben zusagten, und andre dagegen vernachlässigen, damit ihnen sein selbständiger Charakter nicht durch die Plackereien weltlicher Studienlehrer noch mehr entfremdet werde.

So lebte er vollständig zufrieden und fühlte das väterliche Joch der Priester kaum. Er setzte seine lateinischen und französischen Studien ganz in seiner Weise fort. Und obgleich Theologie nicht auf dem Schulplan stand, widmete er sich doch theologischen Lehren, deren Studium er bereits im Schlosse Lourps in der vom Urgroßonkel, dem Domherrn Prosper, dem vormaligen Prior der Ordensstiftsherrn von Saint-Ruf, hinterlassenen Bibliothek begonnen hatte.

Als er die Erziehungsanstalt der Jesuiten bei Eintritt seiner Großjährigkeit verlassen mußte, wurde er Herr seines Vermögens; sein Vetter und Vormund, der Graf von Montchevrel, legte ihm Rechenschaft über seinen Besitz ab. Die Beziehungen zwischen ihnen aber waren nur von kurzer Dauer, da es keinen Berührungspunkt zwischen beiden gab, weil der eine alt, der andre jung war. Aus Neugier, Langeweile und Höflichkeit setzte der junge Herzog dennoch eine Weile den Umgang mit der Familie fort. Er machte einige Besuche in ihrem Palais in der Rue de la Chaise; entsetzlich langweilige Abende, an denen die steinalten Verwandten sich über adelige Familien, heraldische Monde und veraltetes Zeremoniell unterhielten.

Mehr noch als diese vornehmen alten Damen hier schienen ihm die hochadeligen Herren, die die Whisttische umsaßen, verknöcherte, höchst unbedeutende Menschen zu sein.

Die Nachkommen der alten Helden, die letzten Zweige der feudalen Geschlechter erwiesen sich dem Auge des Herzogs Jean des Esseintes nach Lüftung ihrer Maske meist nur als vom Katarrh geplagte arg verschrobene Käuze, die immer wieder dieselben faden Redensarten und hundertjährigen Phrasen im Munde führten.

Nachdem er einige Abende in ihrer Gesellschaft zugebracht hatte, faßte er den Entschluß, trotz aller Einladungen und Vorwürfe nie wieder dort hinzugehn.

Jetzt fing er an, mit jungen Leuten seines Alters und seines Standes zu verkehren.

Einige von ihnen waren mit ihm in der Ordensschule erzogen und hatten durch diese Erziehungsweise gleichsam einen besondern Stempel aufgedrückt erhalten. Sie gingen regelmäßig zur Messe, beichteten zu Ostern, besuchten die katholischen Kreise und hielten jeden ihrer Angriffe, die sie auf schöne Mädchen niedergeschlagenen Auges unternahmen, geheim wie ein Verbrechen. Es waren dies meist geistlos unselbständige Zierpuppen, die die Geduld ihrer Lehrer ermüdet hatten, die aber trotzdem ihren Wünschen soweit nachgekommen waren, daß sie nun in der menschlichen Gesellschaft als gehorsame und fromme Wesen dastanden.

Die andern, meist Schüler der Staats-Gymnasien, waren weniger Heuchler und im allgemeinen freier, aber sie waren weder interessanter noch aufgeweckter als jene. Sie liebten die Vergnügungen jeder Art, waren große Freunde der Operette und des Turfs, waren an jedem Spieltisch zu finden und verwetteten ihr Vermögen auf Pferde und Karten.

Nach Verlauf eines Jahres war der junge Herzog dieser Gesellschaft müde und überdrüssig. Ihren Ausschweifungen sich hinzugeben, die sie ohne Unterscheidung, ohne fieberhafte Vorbereitung, ohne wirkliche Wallung und Aufregung des Blutes und der Nerven durchmachten, erschien ihm mehr als flach und geradezu gemein.

Nach und nach zog er sich daher von ihnen zurück und schloß sich den Literaten an, bei denen er mehr geistige Verwandtschaft zu finden und sich wohler zu fühlen hoffte. Dies aber führte nur neue Enttäuschungen mit sich, denn er war empört, ihre kleinlichen und rachsüchtigen Urteile zu erkennen, ihre banale Unterhaltung und ihre widerlichen Streitigkeiten zu hören, wonach der Wert eines Werkes einfach nach der Zahl der Auflagen und dem Ertrag des Verkaufs bemessen wurde.

Er lernte zu gleicher Zeit die Freidenker wie die Prinzipienreiter des Bürgerstandes kennen, Leute die alle Freiheit beanspruchten, um die Meinungen der andern zu ersticken; habsüchtige, schamlose Puritaner, deren Bildung er noch geringer schätzte als die des ersten besten Eckenstehers.

Seine Menschenverachtung nahm immer mehr zu; er erkannte, daß die Menschheit zum großen Teil aus leeren Prahlhänsen und Dummköpfen besteht, so daß er die Hoffnung aufgab, bei andern wahre Seelengröße oder reinen Haß zu entdecken. Er verzichtete darauf, einer Fassungskraft zu begegnen, die sich wie die seine in einer arbeitsamen Abgeschlossenheit gefiel, oder in einem Schriftsteller oder Gelehrten den scharf durcharbeiteten Geist zu finden, der sich dem seinen anschließen konnte.

Er fühlte sich nervös und mehr als unbehaglich, war von der Flachheit der Ideen, die man gegenseitig austauschte, angewidert und wurde wie die Leute, von denen Pierre Nicole sagt, daß sie überall empfindlich und gereizt seien. Es kam so weit, daß er sich fortwährend seine Haut aufritzte. Geradezu unerträglich litt er bei der Lektüre patriotischer und sozialer Torheiten, die jeden Morgen von den Zeitungen unter die Leute gebracht und mit denen die ehrsamen Leser abgespeist wurden.

Er begann schon von einer abgeschiedenen Thebaïde, einer komfortabeln Wüstenei, einer unbeweglichen und angenehm durchwärmten Arche zu träumen, wohinein er sich vor der wachsenden Flut des schon mehr unmenschlichen Blödsinns zu flüchten gedachte.

Eine einzige Leidenschaft, das Weib, hätte ihn von dieser allgemeinen Verachtung, die ihn erdrückte, zurückhalten können, aber diese Saite war ja leider auch verbraucht.

Hatte er doch an dieser Fleischestafel mit dem launenhaften Heißhunger eines Menschen gelagert, der an krankhafter Eßlust leidet und dessen Gaumen bald abgestumpft und übersättigt ist. Während der Zeit, in der er mit den Junkern verkehrte, hatte er an ihren tollen Gelagen teilgenommen, bei denen trunkene Dirnen sich zum Nachtisch die Kleider lüften und mit dem Kopfe, wenn nicht unter, so doch auf dem Tische liegen. Selbstredend war er hinter den Kulissen gewesen; er hatte es mit Schauspielerinnen und Sängerinnen versucht und außer der den Frauen angeborenen Dummheit die rasende Eitelkeit elender Künstlerinnen zu ertragen gehabt; er hatte mit galanten, ihrer Schönheit wegen berühmten Frauenzimmern in Verbindung gestanden und gewaltiges Geld an gewisse Agenturen bezahlt, wofür er sehr zweifelhafte Vergnügungen genossen hatte, um sich schließlich übersättigt und dieses gleichförmigen Luxus, dieser erkünstelten Zärtlichkeiten überdrüssig, in die untersten Schichten der Gesellschaft zu stürzen. Hier hoffte er seine nimmersatte Gier durch den Kontrast neu aufstacheln und seine schlummernde Sinnlichkeit durch die aufreizende Unreinheit des Elends wieder anfachen zu können.

Doch was er auch versuchen mochte, ein ungeheurer Weltschmerz drückte ihn nieder. Er gab dennoch den Kampf nicht auf. Er nahm seine letzte Zuflucht zu den gefährlichen Liebkosungen der Virtuosinnen; seine Gesundheit wurde schwach, und seine Nerven zermürbten mehr und mehr. Sein Nacken wurde empfindlich, und seine Hand fing schon zu zittern an. Allerdings hielt er sie noch gerade, sobald er einen schweren Gegenstand ergriff, doch war sie kraftlos, sobald er etwas Leichtes, zum Beispiel ein Glas zu Munde führen wollte.

Die Prognose der Ärzte beunruhigte ihn. Es war Zeit, diesem Leben Einhalt zu tun und auf jene Experimente zu verzichten, die nur die letzten Kräfte raubten. Während einiger Zeit verhielt er sich ruhig; aber sein Gehirn erhitzte sich bald von neuem und rief ihn wieder zu den Waffen. Wie die jungen Mädchen in der Reife ein Verlangen nach allen möglichen aufreizenden Dingen empfinden, kam er dahin, sich ganz absonderlich sinnliche Freuden und Genüsse auszumalen und sich ihnen hinzugeben. Dies aber war der Anfang vom Ende. Übersättigt und erschöpft von allem verfielen seine überreizten Sinne einer Art Lethargie – das sichre Anzeichen eines herannahenden Unvermögens.

Er kam dann wieder von seinen Verirrungen ernüchtert, entsetzlich ermattet zurück, ein Ende herbeisehnend, vor dem die Feigheit seines in Sinnlichkeit versunkenen Charakters zurückschauderte.

Seine Idee, sich irgendwo fern von der Welt niederzulassen, sich gleichsam in einem Winkel einzunisten und wie ein Kranker zu leben, der die Straße mit Stroh bedecken läßt, um den Lärm des unerbittlichen Lebens zu dämpfen, wurde immer stärker in ihm.

Zudem war auch der Zeitpunkt gekommen, einen Entschluß zu fassen, denn seine Vermögensverhältnisse erschreckten ihn. Den größten Teil seines Erbgutes hatte er törichterweise längst vergeudet, und der Rest steckte in Ländereien, die ihm lächerlich wenig einbrachten.

Er entschloß sich daher, Schloß Lourps zu verkaufen, wohin er doch nicht mehr ging, und woran ihn keine Erinnerung und kein Bedauern fesselte; er verkaufte ebenso seine andern Güter, kaufte sich Staatspapiere und schaffte sich auf diese Art ein jährliches Einkommen von 50,000 Franken. Er behielt außerdem noch eine ansehnliche Summe zurück, die er für den Kauf und die Einrichtung des Häuschens bestimmte, in dem er in völliger Stille und Zurückgezogenheit leben wollte.

Er suchte die Umgegend von Paris ab und entdeckte ein kleines Häuschen hoch oben in Fontenay-aux-Roses, das billig zu verkaufen war, weil es an einem entlegenen Platz ganz ohne Nachbarn in der Nähe der Festung lag. Sein Traum erfüllte sich, denn in diesem Orte, der wenig von Parisern heimgesucht ist, war er ziemlich sicher, die gewünschte Zurückgezogenheit zu finden. Die Schwierigkeit der unzuverlässigen Verbindung durch die Eisen- und Pferdebahn, die am Ende des Städtchens stationiert waren und die gingen und kamen, wie es ihnen paßte, beruhigte ihn sehr. Wenn er an diese neue Existenz dachte, die er sich hier gründen wollte, empfand er eine große Freude, und dies um so mehr, als die Wohnung ziemlich weit vom Seineufer entfernt lag, so daß ihn der Menschenstrom selbst nicht erreichte, während er dennoch in der Nähe der Hauptstadt blieb, so daß ihm seine Zurückgezogenheit nicht gerade fühlbar wurde.

Er schickte die Maurer in das neu erstandne Haus, und eines Tages, ohne irgend jemandem etwas von seinen Plänen zu verraten, verkaufte er sein Mobiliar, entließ seine Diener und verschwand, ohne seine Adresse zu hinterlassen.

Erstes Kapitel.

Mehr als zwei Monate vergingen noch, bevor sich Herzog Jean in die stille Zurückgezogenheit seines Häuschens in Fontenay vergraben konnte. Einkäufe aller Art nötigten ihn, noch eine Weile in Paris zu verweilen und die Stadt oft von einem Ende bis zum andern zu durchlaufen.

Lange hatte er nachgeforscht und gegrübelt, ehe er die neue Wohnung endlich den Tapezierern überlassen konnte. –

Vormals, da er noch schöne Frauen zu sich kommen ließ, hatte er ein Boudoir nach seiner Angabe einrichten lassen, wo sich inmitten kleiner geschnitzter Möbel aus hellem japanischen Kampferholz unter einem Zelt von indischem Rosa-Atlas der nackte Körper beim künstlichen Widerschein des bauschigen Stoffes noch zarter färbte.

Jenes Gemach, dessen große Spiegel sich beständig reflektierten und so eine ganze Reihe von Rosa-Boudoirs darstellten, war bei den Damen der galanten Welt sehr berühmt gewesen; denn es machte ihnen großes Vergnügen, ihre Nacktheit in dieses sanfte Inkarnat zu tauchen, wie auch den starken Duft der Möbel einzuatmen.

So hatte er unter anderm aus Haß und Verachtung seiner Kindheit unter dem Plafond dieses Boudoirs einen kleinen Käfig aufgehängt, in dem ein kleines Heimchen zirpte, wie ers oft in der Asche der hohen Kamine im Schlosse Lourps gehört hatte, während jener langen stillen Abende, die er bei seiner Mutter zubringen mußte; und die Erinnerung daran, wie an das Alleinsein in seiner traurigen Jugend stieg in wirrem Durcheinander vor ihm auf. Bei den Bewegungen des Weibes, das er liebkoste und dessen Geschwätz oder Lachen seine Vision verscheuchte und ihn plötzlich in die Wirklichkeit versetzte, – in diesem so weltlichen Boudoir entstand ein Kampf in seiner Seele, ein Bedürfnis, alle die erlittenen Trübsale zu rächen, eine Wut, durch schändliche Gemeinheiten die Familienerinnerungen zu besudeln, das rasende Verlangen, auszukeuchen auf diesem Menschenleib, bis zum letzten Tropfen die wahnsinnigsten der sinnlichen Verirrungen auszukosten.

Dann wieder einmal, wenn ihn der Spleen packte und wenn ihn bei nassem Herbstwetter der Widerwille gegen sein Heim und gegen den trüben wolkenschweren Himmel draußen erfaßte, dann flüchtete er sich an das verborgene Plätzchen, bewegte leise den Käfig und beobachtete, wie sich der Käfig ringsherum unzählige Male widerspiegelte, bis es seinen trunkenen Augen endlich vorkam, als ob sich der Käfig nicht mehr bewegte, daß aber das ganze Boudoir schwanke und sich drehe wie in einem sanften rosa Walzer.

Ein andres Mal, als sich Jean des Esseintes wieder durch seine Sonderbarkeit auszeichnen wollte, hatte er ein Meublement nach seltsamem Geschmack zusammengestellt. Er teilte seinen Salon in eine Reihe von Nischen, die alle verschieden ausgeschmückt waren und die miteinander vereinigt werden konnten. Es waltete hier eine tolle Übereinstimmung von freundlichen und düstern, von zarten und krassen Farben. Dann ließ er sich in einer dieser Nischen nieder, deren Dekoration ihm am besten mit der Eigenart des Werkes, das er gerade las, zu harmonieren schien.

Schließlich hatte er noch einen hohen Saal herrichten lassen, in dem er seine Lieferanten empfing. Sie mußten sich nebeneinander in eine Art von Kirchenstühlen setzen. Hier bestieg er eine hohe Kanzel, von der herab er ihnen eine Predigt über die Eitelkeit und das Geckentum der Welt hielt. Er forderte von hier aus seinen Schuhmacher und Schneider feierlich auf, sich aufs genaueste nach seinem päpstlichen Schreiben hinsichtlich des Schnittes zu richten, wobei er sie mit einem pekuniären Kirchenbann bedrohte, so sie nicht die in seinem väterlichen Ermahnungsschreiben und seinen Enzykliken gegebenen Anweisungen buchstäblich zur Ausführung brächten.

So erlangte er bald den Ruf eines höchst exzentrischen Menschen, den er dadurch zu krönen suchte, daß er sich Anzüge aus weißem Sammt anfertigen ließ; wie er auch Westen aus Goldbrokat trug und statt der Krawatte einfach einen großen Veilchenstrauß in den weiten Ausschnitt seines Hemdes steckte. Dann gab er den Literaten oft großartige Diners, unter anderm ein Trauerdiner nach dem Muster des achtzehnten Jahrhunderts, um ein ganz unbedeutendes kleines Mißgeschick, das ihm zugestoßen war, klassisch zu feiern.

Der Eßsaal war ganz schwarz ausgeschlagen. Er führte nach dem völlig umgestalteten Garten hinaus, dessen Alleen zu diesem Zweck mit feinem Kohlenstaub bestreut waren; das kleine mit Basaltstein umrandete Wasserbecken war mit schwarzer Tinte gefüllt, die Gebüsche bildeten Fichten und Zypressen. Die Mahlzeit wurde auf einem schwarzen Tischtuch serviert, auf dessen Mitte sich Blumenkörbe, mit Veilchen und Skabiosen gefüllt, befanden. In hohen Kandelabern brannten grünliche Flammen, und Wachskerzen in Armleuchtern erhellten den Saal. Ein unsichtbares Orchester spielte Trauermärsche, und die Gäste wurden von nackten Negerinnen, bekleidet mit Pantoffeln und kleinen Strümpfen aus Silbergewebe, die mit glänzenden Kügelchen besät waren, bedient.

Man aß von Tellern mit schwarzem Rande: Schildkrötensuppe, russisches Schwarzbrot, reife türkische Oliven, Kaviar, Seebarben (ein im Süden von Frankreich sehr beliebtes Gericht), Wildbret in schwarzer Sauce, so schwarz als wärs Lakritzensaft und Stiefelwichse, Trüffelpüree, Schokoladenpudding, dem dann ganz dunkle Blutpfirsiche, blauschwarze Trauben, Maulbeeren und schwarze Kirschen folgten. Man trank aus dunkeln Gläsern die Weine von Limagne und Roussillon, von Tenedos, Val de Peñas und Porto und labte sich schließlich nach dem Kaffe mit Nußschnaps, Kwas, Porter und Stout.

Die Einladungen zu diesem Diner waren auf Papier mit breitem, schwarzem Trauerrand geschrieben. – –

Aber diese Extravaganzen und Tollheiten, in denen er früher seinen Ruhm suchte, hatten sich erschöpft.

Heute gedachte er nur mit Verachtung jener kindlichen Albernheiten und veralteten Prahlereien, jener absurden Kleidung und seltsamen Ausschmückungen seiner Wohnung. Jetzt beabsichtigte er, sich einfach ein bequemes Heim zu seinem persönlichen Vergnügen zu schaffen und nicht das Staunen andrer zu wecken. Er hatte jetzt nur vor, sich eine ruhige, wenn auch barocke Wohnung einzurichten, die sich für seine künftige einsame Lebensweise am besten eignen sollte.


* * *


Als das Haus in Fontenay von seinem Architekten schließlich hergestellt und nach seinen Wünschen und Plänen eingerichtet war und als ihm nur noch die innre Ausschmückung zu erledigen übrigblieb, stellten sich ihm die ersten Schwierigkeiten in den Weg.

Das was er wollte, waren nämlich Farben, die beim Lampenlicht Stich hielten. Ob sie bei Tage hart oder unschön schienen, war ihm gleich, da er die Nacht zum Tage zu machen gedachte, da er sich sagte, daß man dann erst ganz allein sei und der Geist erst wirklich bei der nähern Berührung der Schatten der Nacht belebt und erregt werde. Er fand eine gewisse Befriedigung darin, sich ganz allein in einem großen, hell erleuchteten Raume aufzuhalten, während alles um ihn herum wie ausgestorben war.

Sorgfältig überlegend wählte er die Farben.

Blau wird bei Licht ein ungewisses Grün; und wenn es Kobalt oder Indigoblau ist, wird es schwarz aussehn; ist es hell, verändert es sich in Grau, und ist es blau wie der Türkis, nimmt es eine trübe eisige Färbung an, es sei denn, daß man es mit einer andern Farbe mische; sonst kann man es kaum in einem Raum verwerten. Andrerseits nimmt das Eisengrau ebenfalls eine unfreundlich schwere Färbung an; Perlgrau verliert seine Zartheit und verwandelt sich in schmutziges Weiß; Braun wirkt trüb und erkaltend; und was Dunkelgrün, Kaisergrün und Olivengrün anbelangt, hat es denselben Nachteil wie Dunkelblau und verschmilzt mit Schwarz; bleiben also nur noch die blaßgrünern Farben wie Pfauengrün, dann Zinnober, die Lackfarben, hier aber verjagt das Licht das Blau und läßt das Gelb hervortreten, das wieder einen unnatürlich verschwommenen Ton annimmt.

Es war auch nicht daran zu denken, Lachsfarbe, Maisgelb oder Rosenrot zu nehmen, denn diese weichen Farben standen im Widerspruch mit den Gedanken seiner Abgeschiedenheit; unmöglich war ebenfalls Veilchenblau, da es bei Licht verschwimmt und das Rot darin allein des Abends hervortritt, doch was für ein Rot! Dick und klebrig! Es schien ihm außerdem überflüssig, zu dieser Farbe seine Zuflucht zu nehmen, denn wenn man ein wenig Santonine einmischt, so erscheint es violett; diese Farbe ist nicht leicht zur Wandbekleidung zu verwenden.

Er nahm daher von diesen Farben Abstand, und so blieben ihm nur noch drei übrig: Orangegelb, Zitronengelb und Rot.

Er zog das Orangegelb vor, indem er durch sein eigenes Beispiel die Wahrheit einer Theorie bestätigte, die er im übrigen für mathematische Richtigkeit erklärte: nämlich, daß eine Harmonie zwischen der sinnlichen Natur eines Menschen, der wirklich Künstler ist, und der Farbe existiere, die sein Auge besonders lebhaft sieht.

Wenn man die große Menge beiseite läßt, deren grobe Netzhaut weder die eigenartige Harmonie der Farben bemerkt, noch den geheimnisvollen Reiz ihrer Abstufungen und ihrer Zusammenstellung kennt; wenn man gleichfalls die Bürger-Philister beiseite läßt, die unempfänglich für die Pracht und den Sieg der starken kräftigen Nuancen sind, und um sich nur auf die zu beschränken, deren Augen durch die Literatur und die Kunst verfeinert sind, erscheint es zweifellos, daß das Auge dessen, der Ideales träumt und der Illussionen bedarf, gewöhnlich eine Vorliebe für Blau und dessen Abstufungen, sowie für die lila und perlgraue Farbe habe, vorausgesetzt, daß diese Nuancen weich und verschwommen bleiben und nicht die Grenze überschreiten, wo sie in ein bestimmtes Violett und scharfes Grau übergehn.

Die aber, die frei und ungebunden leben, kräftige Sanguiniker, starke energische Menschen sind, gefallen sich meistens in schimmernden Farben, wie Rot und Gelb, wie sie auch die Zimbelschläge des Zinnobers und der Chromfarben lieben, die sie blenden und berauschen.

Die geschwächten und nervösen Menschen dagegen, deren sinnlicher Appetit nach Speisen sucht, die scharf gewürzt sind, – die Augen dieser hektischen, überreizten Naturen lieben fast alle die krankhaft aufregende Farbe mit täuschendem Glanze, mit scharfem, unruhigem Wechsel: das Orangegelb.

Die Wahl, die der Herzog Jean treffen würde, ließ also kaum Zweifel zu; dennoch aber entstanden neue Schwierigkeiten, denn wenn auch das Rot und Gelb sich bei Lichte glänzend bewährten, so geschieht das nicht immer bei ihrer Zusammenstellung. Das Orangegelb verschärft und verwandelt sich oft in Dunkelrot oder gar in Feuerrot.

Bei Kerzenlicht versuchte er alle seine Farbenzusammenstellungen und entdeckte eine, die gleich zu bleiben und sich nicht den Anforderungen zu entziehn schien, die er an sie stellte. Nachdem diese Vorkehrungen beendet waren, bemühte er sich, so viel es eben möglich war, für sein Arbeitszimmer die orientalischen Farben und Teppiche zu vermeiden, die prahlend und gewöhnlich geworden sind, seit Parvenus sie sich in den großen Modemagazinen zu herabgesetzten Preisen leicht verschaffen können.

Nach reiflicher Überlegung entschloß er sich dazu, die Wände wie seine Bücher mit Saffian-Leder mit breitgedrückten Narben oder mit satiniertem Kap-Leder bekleiden zu lassen.

Als das Getäfel derartig geschmückt war, ließ er die Leisten und Gesimse mit dunkler Indigofarbe und einer blauen Lackfarbe bestreichen, so, wie sie die Wagenbauer für das Äußere der Wagen verwenden; und der etwas gewölbte Plafond, ebenfalls mit Saffi an-Leder bezogen, öffnete sich wie ein ungeheures rundes Fenster, eingefaßt von orangegelbem Leder: ein kreisförmiges Himmelszelt von königblauer Seide, in dessen Mitte silberne Seraphine mit ausgebreiteten Flügeln schwebten.

Er hatte richtig kalkuliert: Das Getäfel veränderte sein Blau nicht, es wurde gehalten und erwärmt durch das Orangegelb, das ebenfalls Farbe hielt, unterstützt und belebt durch den kräftigen Zug der blauen Farben.

Was die Möbel anbetrifft, hatte Herzog Jean keine allzu große Mühe, da der einzige Luxus dieses Zimmers nur aus Büchern und seltenen Blumen bestehn sollte; er begnügte sich damit, an den Wänden Bücher- und Fachschränke aus Ebenholz aufzustellen, indem er sich für später vorbehielt, die frei gebliebenen Zwischenräume mit einigen Bildern und Zeichnungen zu schmücken. Dann ließ er den getäfelten Fußboden mit Fellen von wilden Tieren belegen. In der Nähe eines großen massiven Tisches aus der Mitte des 15. Jahrhunderts standen tiefe Lehnstühle und ein altes Kirchenpult aus Schmiedeeisen – eines jener antiken Chorpulte, auf das ehemals der Diakonus das Chorbuch gelegt und auf dem jetzt einer der schweren Folianten des Glossarium mediae et infimae latinitatis von dem Gerichtsschreiber du Cange stand.

Die Fenster, mit Scheiben aus bläulichen Flaschenböden von rissigem Schmelz und Goldrand, schnitten die Aussicht auf das Land ab und ließen nur ein gedämpftes Licht eindringen; sie wurden außerdem mit Vorhängen aus alten Messgewändern verhängt, deren dunkles, fast rauchiges Gold sich in einem matt rotgelben Gewebe verlor.

Und endlich noch befand sich auf dem Kamine, dessen Bekleidung ebenfalls aus einem prachtvollen florentinischen Meßgewand hergestellt war, zwischen zwei Monstranzen aus vergoldetem Kupfer byzantischen Stils, die der alten Abtei Bois-de-Bievre entnommen waren, eine wunderbar schöne Meßtafel mit drei getrennten Fächern von außerordentlicher Zartheit; unter dem Glas ihres Rahmens sah man ferner auf Pergament in entzückender Meßbuchschrift kopiert und mit kostbarer Ausmalung versehn drei Werke von Baudelaire: zur Rechten und Linken Sonette mit dem Titel »Der Tod der Verliebten«, »Der Feind« – und in der Mitte in Prosa: »Any where out of the world.«

Zweites Kapitel.

Nach dem Verkauf seiner Güter nahm Herzog Jean die alten verheirateten Dienstleute zu sich, die seine Mutter gepflegt und die zu gleicher Zeit dem Amte als Verwalter und Kastellane in Schloß Lourps vorgestanden hatten, das bis zur Feststellung des gerichtlichen Verkaufs unbewohnt und leer geblieben war.

Er ließ das Ehepaar nach Fontenay kommen. Sie waren an die Tätigkeit der Krankenwärter, an die Regelmäßigkeit, mit der von Stunde zu Stunde die Arzneien verabreicht wurden, wie an das starre Schweigen des Klosterslebens gewöhnt. Ohne mit der Außenwelt im geringsten zu verkehren, verblieben sie stets in geschloßnen Zimmern hinter verschloßnen Fenstern.

Dem Mann wurde die Reinigung der Zimmer und das Einholen übertragen, die Frau mit dem Kochen beauftragt. Er überließ ihnen den ersten Stock des Hauses, doch mußten sie dicke Filzschuhe tragen. Er ließ Windfänge vor den gut geölten Türen anbringen, und ihre Fußböden mit dicken Teppichen belegen, so daß er ihre Schritte über seinem Kopfe nicht hörte.

Er verabredete ebenfalls mit ihnen eine gewisse Art zu klingeln und bestimmte die Bedeutung der einzelnen Klingelzeichen nach ihrer Kürze und Länge; bezeichnete auf seinem Schreibtisch den Platz, wo sie jeden Monat das Rechnungsbuch hinlegen mußten – kurz er richtete sich so ein, daß er nicht oft genötigt war, sie zu sehn.

Ebensowenig wollte er, da die alte Dienerin manches Mal am Hause vorübergehn mußte, um aus einem kleinen Schuppen Holz zu holen, daß ihn ihr Schatten störe, der dann durch die Scheiben seiner Fenster fiel. Er ließ ihr daher ein besondres Kostüm aus flandrischer Seide mit weißer Mütze und niedergeschlagener breiter schwarzer Kapuze anfertigen, in der Art, wie sie die Frauen des Beguinenklosters in Gent tragen.

Wenn der Schatten dieser Kopfbedeckung in der Dämmerung an seinen Fenstern vorüberglitt, gab er ihm das Gefühl, daß er sich in einem Kloster befinde. Es erinnerte ihn an die stillen frommen Dörfer, die toten und versteckten Stadtviertel einer tätigen und lebhaften Stadt.

Er regelte und stellte auch die Stunden der Mahlzeiten fest, die übrigens wenig gewählt, vielmehr überaus einfach waren, denn die Schwäche seines Magens erlaubte ihm nicht, verschiedne oder schwere Gerichte zu genießen.

Um fünf Uhr im Winter, beim Herannahn der Dunkelheit, nahm er ein leichtes Frühstück ein, das aus zwei Eiern, kaltem Fleisch und Tee bestand. Um elf Uhr hielt er seine Hauptmahlzeit; manchmal trank er etwas Kaffee, Tee oder Wein während der Nacht, und gegen fünf Uhr morgens naschte er wohl noch ein paar leichte Sachen, worauf er sich schlafen legte.

Er nahm diese Mahlzeiten, deren Anordnung und Reihenfolge ein für allemal zu Anfang jeder Jahreszeit festgesetzt wurde, an einem Tisch in der Mitte eines kleinen Zimmers ein, das von seinem Arbeitszimmer durch einen ganz mit dickem Stoff ausgeschlagnen Korridor getrennt und ganz hermetisch verschlossen war, so daß weder Geruch noch Lärm in die beiden andern Gemächer dringen konnte.

Dieses Eßzimmer glich einer Schiffskajüte mit gewölbtem Plafond, im Halbkreis mit Balken, Wänden und Fußböden aus hellem Fichtenholz versehn, mit dem kleinen, runden, ins Holz eingelaßnen Fenster, das der Luftöffnung an den Seiten eines Schiffes nicht unähnlich war.

Gleich japanischen Schachteln, von denen die eine immer in die andre hineinpaßt, war dieser Raum vom Architekten in einen größern eingeschaltet, der als eigentlicher Eßsaal erbaut war.

Dieser hatte zwei Fenster, eines unsichtbar durch eine leichte Bretterwand den Blicken entzogen, das aber durch eine Feder nach Wunsch niedergelassen werden konnte, damit frische Luft durch die Öffnung eindringe, um die Fichtenholzkajüte zirkuliere und sich hier verbreite. Das andre sichtbare Fenster befand sich grade gegenüber dem runden Kajütenfensterchen in der Holzbekleidung, jedoch zugesetzt durch ein großes Aquarium, das den ganzen Raum zwischen dem kleinen runden und dem wirklichen Fenster in der Mauer ausfüllte. Das Tageslicht drang also durch das große Fenster, durch das Wasser und schließlich durch das runde Fenster in die Kajüte.

Wenn dann der Samowar auf dem Tische dampfte und die Sonne im Herbste unterging, rötete sich das Wasser im Aquarium trübe und gläsern und warf einen leichtfeurigen Schimmer auf das helle Getäfel.

Nachmittags manchmal, wenn der Herzog Jean zufällig wach war und aufstand, setzte er den Betrieb der Wasserröhren, die das Aquarium leerten, in Bewegung und ließ es sich wieder von neuem mit frischem Wasser füllen. Indem er dann einige Tropfen farbiger Essenz hineintat, erzeugte er grünliche und gelbliche, milchweiße oder silberne Färbungen, wie sie die natürlichen Gewässer je nach der Farbe des Himmels, der mehr oder minder starken Glut der Sonne oder des nahenden Regens haben, mit einem Wort: wie es die Jahreszeit der Atmosphäre verursacht.

Er bildete sich dann ein, in dem Zwischendeck einer Brigg zu sein; und neugierig betrachtete er wunderbar gearbeitete Fische, die, aufgezogen durch ein Uhrwerk, vor der Scheibe des runden Kajütenfensters vorbeischwammen und in dem künstlichen Gras hängen blieben. Oder er betrachtete, während er den Teergeruch einsog, mit dem man den Raum besprengt hatte, bevor er ihn betrat, die an den Wänden aufgehängten farbigen Stiche, die – wie in den Agenturen der Schiffahrtsgesellschaften – Dampfschiffe auf dem Weg nach Valparaiso oder La Plata vorstellten. Oder er besah die eingerahmten Tabellen, auf denen die Reiseroute der Linie der Postdampfer der Kompanien Lopez und Valéry, die Frachtgelder, die Häfen des Postdienstes im Atlantischen Meer verzeichnet waren.

Dann, wenn er müde war, diese Fahrpläne zu Rate zu ziehn, ließ er seine Blicke über die Chronometer und Kompasse schweifen, über die Winkelmesser und Zirkel, die Fernrohre und Karten, die zerstreut auf dem Tisch lagen, auf dem sonst nur ein einziges Buch aufgestellt war, gebunden in Seehundsleder: Arthur Gordon Pyms Abenteuer, das besonders für ihn auf streifiges Papier reinster Faser gedruckt war, jedes Blatt sorgfältig ausgesucht und mit einer Schwalbe als Wasserzeichen.

Da waren außerdem Fischereigeräte, durch Lehm gezogene Netze, aufgerollte braune Segel, ein kleiner schwarz gestrichner Anker aus Kork, zu einem Haufen nahe der Tür vereinigt, die durch einen kleinen ausgepolsterten Flur in die Küche führte und der ebenso wie der Korridor den Eßsaal mit dem Arbeitszimmer verband, um die Gerüche und den Lärm aufzusaugen.

Auf diese Art verschaffte er sich ohne große Mühe sofort die augenscheinlichsten Eindrücke einer Seereise. Besteht doch das Vergnügen der Abwechslung im Grunde genommen einzig in der Erinnerung und fast niemals in der Gegenwart, in dem Augenblicke selbst. Er kostete sonach diese Abwechslung in vollen Zügen, mit aller Bequemlichkeit, ohne jede Anstrengung und ohne die sonst unvermeidlichen Verdrießlichkeiten in dieser erdachten Kajüte.

Bewegung schien ihm zudem überflüssig, da ihm die Einbildung leicht die gewohnte Wirklichkeit des Lebens zu ersetzen vermochte.

Nach seiner Ansicht war es nämlich möglich, sich die Wünsche, die für die schwierigsten gelten, im normalen Leben künstlich selbst zu befriedigen und dies mittels Täuschung durch eine genaue Fälschung der erwünschten Gegenstände zu tun. Ist es doch klar, daß jeder Feinschmecker heutzutage entzückt ist, wenn er in einem wegen der Vortrefflichkeit seines Kellers berühmten Restaurant die teuern Weine schlürft, die nach Pasteurs Methode aus leichten billigen Weinen hergestellt sind. Falsch oder echt, diese Weine haben ganz dasselbe Aroma, dieselbe Farbe, dieselbe Blume und verursachen also auch dasselbe Vergnügen, das man beim Kosten und Genießen echter und reiner Weine empfindet, die infolge starker Nachfrage schließlich für Gold kaum aufzutreiben wären.

Es unterliegt nach alledem keinem Zweifel, daß sich diese berauschende Abweichung, diese geschickte Lüge und Täuschung des Geistes in die Welt des realen Verstandes übertragen lassen und daß man mithin ebenso leicht wie in der materiellen Welt eingebildete Wonnen genießen kann, die fast in allen Punkten den wirklichen gleichen. Kein Zweifel zum Beispiel, daß man im Notfall dem störrisch langsamen Geiste nachhelfen, beim Lesen einer fesselnd geschriebenen Reisebeschreibung ruhig am Kamin verweilen und sich erfolgreich angenehmen Forschungen hingeben kann. Wie man sich auch – ohne Paris zu verlassen – das wohltuende Gefühl eines Seebades suggerieren kann, da es ja genügt, sich nach Vigier zu begeben, dessen Bäder mitten in der Seine liegen.

Wenn man dort das Wasser der Wanne salzen läßt und nach der Vorschrift des Arzneibuches schwefelsaures Sodasalz und Magnesia hinzufügt und ein kleines Ende Kabeltau aus einer Seilerei mitnimmt und dann den Duft, den dieses Tau noch bewahrt hat, einsaugt und dabei eifrig Joannes Handbuch liest, das die Schönheiten des Strandes, an dem man sein möchte, beschreibt; und wenn man sich dann schließlich noch leise von den Wellen schaukeln läßt, die die Dampfschiffe, die an der schwimmenden Badeanstalt vorbeifahren, in der Badezelle aufwerfen, wenn man das Ächzen des Windes hört, der sich unter den Brücken fängt, und dem dumpfen Lärm der Omnibusse lauscht, die wenige Schritte weiter über Pont-Royal hinwegrollen – ist da nicht die Illusion des Meeres unleugbar da?

Es handelt sich eben nur darum, seinen Geist auf einen bestimmten Punkt zu richten.

Da ist nicht eine ihrer Erfindungen, möge sie für noch so feinsinnig oder noch so großartig gelten, die das Genie des Menschen nicht zu schaffen imstande wäre! Da ist kein Wald von Fontainebleau, kein Mondschein, den nicht eine von elektrischem Licht überflutete Dekoration hervorzuzaubern vermöchte; kein Wasserfall, den die Wasserleitungskunst nicht täuschend nachahmen könnte, kein Felsen, der nicht durch Papiermaché herzustellen wäre, keine Blume, die nicht durch besonderen Taffet und zart bemaltes Papier genau so wiedergegeben werden könnte!

Unzweifelhaft hat diese uralte Schwätzerin Natur die gutmütige Bewunderung der wirklichen Künstler erschöpft, und der Augenblick ist gekommen, sie verbessert zu ersetzen, soweit es sich eben durch die Kunst ermöglichen läßt.

Und dann, um ehrlich zu sein: das ihrer Werke, das fraglos als das künstlichste gilt, die ihrer Schöpfungen, deren Schönheit nach Aller Ansicht die ursprünglichste und vollkommenste ist, das Weib – hat der Mensch nicht seinerseits ein ebenso künstliches Wesen voll von Leben geschaffen, das vom Gesichtspunkt der plastischen Schönheit aus ihr vollkommen gleichwertig ist? Gibt es wohl hienieden ein Wesen, das, in Freuden der Brunst empfangen und mit Schmerzen aus der Mutterschaft hervorgegangen, an Form und Rasse strahlender und prächtiger sei, als das der beiden Lokomotiven, die auf der Nordbahn ihren Dienst verrichten?

Die eine, die Crampton, eine entzückende Blondine, mit scharfer Stimme, von hohem, schlankem Wuchs, eingeschnürt in ein glänzendes Kupferkorsett, geschmeidig – nervös wie eine Katze – eine schmucke goldige Blondine, deren außergewöhnliche Anmut nahezu erschreckt, wenn sie ihre Stahlmuskeln steift und den Schweiß ihrer warmen Schenkel dadurch erhöht, daß sie die ungeheure Rosette ihres zarten Rades in Bewegung setzt und wie rasend an der Spitze des Schnellzuges vorwärts stürmt!

Die andre, die Engerth, eine monumentale, dunkle Brünette mit dumpfen rauhen Tönen, mit stämmigen Lenden, eingepreßt in ihren gußeisernen Panzer, ein unförmiges Wesen mit wilder Mähne schwarzen Rauches und mit sechs niedrigen gepaarten Rädern; welche erdrückende Macht, wenn sie die Erde erzittern macht und plump und langsam den schweren Güterzug hinter sich drein schleppt!

Sicherlich gibt es unter den zarten blonden und den majestätischen brünetten Schönheiten keine derartigen Typen zarter Schlankheit und erschreckender Kraft; auch kann man mit Recht sagen: der Mensch hat, in seiner Art, ebenso Gutes geschaffen wie Gott. –

Diese Betrachtungen kamen des Esseintes, wenn ihm der Wind das sanfte Pfeifen der kleinen Eisenbahn zutrug, die sich wie ein Kreisel zwischen Paris und Sceaux hin und her bewegt.

Sein Haus war ungefähr zwanzig Minuten von der Station Fontenay entfernt; aber die Höhe, auf der es stand, und seine einsame Lage ließen nicht den Lärm des gemeinsamen Lebens bis zu ihm dringen.

Das Dorf selbst kannte er kaum. Durch seine Fenster hatte er eines Nachts die stille Landschaft betrachtet, die sich vor ihm ausbreitete und hinunterzog bis zum Fuß des Hügels, auf dessen Spitze die Batterien des Gehölzes von Verrières aufgepflanzt sind.

In der Dunkelheit rechts und links stiegen verworrne Massen stufenweise auf, in der Ferne von andern Batterien und andern Forts überragt, deren hohe Böschungen im Mondlicht wie in Wasserfarben mit schimmerndem Silber auf dunkelm Himmelsgrund gemalt erschienen.

Zusammengeschrumpft im Schatten der Hügel er schien die Ebene in der Mitte wie mit Mehl bestreut und mit weißem Cold-cream bestrichen. In der warmen Luft, die leise die farblosen Gräser fächelte und würzigen Duft verbreitete, schüttelten die wie mit Kreide übertünchten Bäume im Mondlicht ihr fahles Laubwerk und vergrößerten ihre Stämme, deren Schatten den Gipsboden mit schwarzen Streifen furchten, auf dem die Kieselsteine wie Tellerscherben glänzten. Ihres verkünstelt geschminkten Aussehns wegen mißfiel dem Herzog Jean diese Landschaft nicht. Seit dem Nachmittag, den er auf der Suche nach dem Hause im Dörfchen von Fontenay zugebracht hatte, war er niemals mehr am Tage den Weg gegangen. Das grüne Laub dieser Gegend flößte ihm außerdem kein Interesse ein, bot es doch nicht einmal den zarten melancholischen Reiz dar, der der oft rührend kränklichen Vegetation entströmt, die notdürftig zwischen dem Schutt des Weichbildes nahe den Wällen hervorschießt.

Überdies waren ihm an jenem Nachmittage im Dörfchen einige dickbäuchige Einwohner mit Backenbärten und Leute in Gehröcken mit Schnurrbärten begegnet – Köpfe, die ohne Zweifel der Obrigkeit oder dem Militär angehörten; und seit dieser Begegnung hatte sein Widerwille gegen jedes menschliche Gesicht noch mehr zugenommen.

Während der letzten Monate seines Aufenthalts in Paris, als er alles überwunden hatte, empört durch die allgemeine Heuchelei und vom Weltschmerz niedergedrückt, war die Überreiztheit seiner Nerven derartig gestiegen, daß sich der Anblick mancher Gegenstände oder Wesen seinem Gehirn so tief einprägte, daß es mehrerer Tage bedurfte, um nur die Spuren davon zu verwischen. Unangenehme Gesichter, die sein Blick auf der Straße streifte, waren ihm zur wahren Qual geworden.

So litt er entschieden beim Anblick gewisser Physiognomien, deren hausbackner unfreundlicher Typus ihm wie eine Beleidigung erschienen; es wandelte ihn eine wahre Lust an, die zu ohrfeigen, die da langsamen Schrittes mit gelehrter Miene und gesenkten Augen über die Straße gingen, wie auch die, die sich in den Hüften wiegen und sich gar wohlgefällig in Spiegelscheiben zulächeln, oder die andern wieder, die eine ganze Welt von Gedanken zu bewältigen scheinen, indem sie mit der wichtigsten Miene den albernsten Klatsch und den haarsträubendsten Blödsinn der Tagesblätter verschlingen und einfach wiederkäuen.

Er witterte bei allen eine so eingewurzelte Dummheit, einen solchen Abscheu gegen seine eignen Ideen, eine solche Verachtung der Literatur, der Kunst, kurz, was er verehrte, als wäre es ihnen erblich angeboren oder in ihre beschränkten Krämerseelen eingeankert, die, schließlich nur auf Gaunerei und Geld erpicht, wie alle unbedeutenden und schwachen Geister, nur für niedrige Zerstreuungen der gemeinen Politik eingenommen sind, so daß er wütend nach Hause ging, um sich mit seinen Büchern einzuschließen.

Kurz, er haßte mit ganzer Kraft die neuen Generationen, diese Vertreter moderner Flegelei, die das Bedürfnis haben, überall in den Speisesälen und Kaffeehäusern laut zu schrein und unverschämt zu lachen, die uns auf der Straße wüst anrennen, ohne um Verzeihung zu bitten, oder einem auch wohl einen Kinderwagen zwischen die Beine schieben, ohne sich zu entschuldigen oder kaum den Hut zu lüften.

Drittes Kapitel.

Ein Teil der Büchergestelle, die an den Wänden seines orangegelben und blauen Arbeitszimmers aufgestellt waren, enthielten ausschließlich lateinische Werke; doch nur solcher Autoren, die von den in der Sorbonne gedrillten Fachgelehrten mit dem Sammelnamen »Dekadenten« abgetan werden.

War doch die lateinische Sprache so, wie sie Mode war zu jener Zeit, die die Gelehrten hartnäckig als das große Jahrhundert zu bezeichnen belieben, in der Tat wenig dazu angetan, ihn zu reizen. Jene lackierte Sprache mit ihren berechneten, fast unveränderlichen Wendungen, ohne irgendeine Geschmeidigkeit der Syntax, ohne Farbe, ohne Unterscheidungen. Jene an allen Nähten abgetragne, von holperigen Ausdrücken befreite, wenn auch zuweilen bilderreiche Sprache vermag ebenfalls die seichten Redensarten, die unbestimmten Gemeinplätze amtlicher Perückenstöcke und Laureat-Poeten auszudrücken, erzeugt aber eine solche Langeweile, daß man sich beim Studium ihres Stils fast ins große Jahrhundert des französischen Sonnengottes – Ludwigs XIV. – versetzt wähnen dürfte, wo man einzig einer gleichen Kraftlosigkeit und Entmannung begegnet.

Da ist unter andern der sanfte Virgil, den Schulfüchse gern den Schwan von Mantua nennen, wahrscheinlich darum, weil er nicht in dieser Stadt geboren ist. Virgil kam ihm als einer der schrecklichsten Pedanten und unausstehlich langweiligsten Schwätzer vor, den jemals das Altertum erzeugt hat; was waren denn seine so sauber gewaschnen und herausgeputzten Schäfer, die sich der Reihe nach ganze Töpfe voll gezierter, eiskalter Verse über den Kopf schütten? Vergleicht er seinen Orpheus doch mit einer weinenden Nachtigall! Sein Aristeus, der Sohn des Apollo, ist ein jammernder Bienenzüchter, und sein Äneas eine überaus verwaschne schmächtige Persönlichkeit, die mit steifen Gebärden wie ein Schattenbild in dem fadenscheinigen, lose gebundnen und öligen Gedicht umherwandelt. Alles dieses brachte ihn natürlich außer sich.

Die langweiligen Albernheiten, die diese Gliederpuppen in den Kulissen austauschen, hätte er wie die unverschämten Entlehnungen, die bei Homer, Theokrit, Ennius und Lucrez gemacht sind, selbst nach dem Plagiat, das uns Makrobius als fast wörtliche Abschrift eines Gedichts von Pisander nachweist, – kurz, all die unaussprechliche Leere seiner als klassisch geltenden Gesänge noch allenfalls ruhig hingenommen. Wobei ihn aber wirklich die Gänsehaut überlief, das waren seine sechsfüßigen Verse, dieses wahre Blech, wie eine leere Kanne klingend.

Jene starre Verskunst, der Meisterschmiede des Catull entnommen, phantasiearm, einförmig, vollgestopft mit unnützen Wörtern und Lückenbüßern, eine Anhäufung feststehender Wendungen und dem Homer sklavisch nachgebildeter Epitheta, die schließlich nichts bezeichnen und nichts zeigen – dieser ganze armselige Wortschwall klanglos platter Vergleiche spannte ihn geradezu auf die Folter.

Es muß noch hinzugefügt werden, daß, wenn seine Bewunderung für Virgil schon mehr als mäßig war, der offne Unflat des Ovid noch geringere Anziehungskraft für ihn hatte, wie auch sein Widerwille gegen die ungeschlachte Grazie und das hohle Geschwätz des Horaz, jenes trostlosen Tölpels, der sich mit übertüncht alten Clown-Zoten zierte, schon mehr als grenzenlos war.

Auch Ciceros und Cäsars berühmter Lakonismus vermochte ihn wenig zu begeistern, denn da zeigte sich eine Trockenheit des Redestils, eine Armut des Gedächtnisses, eine unglaubliche Hartleibigkeit.

Somit fand er seine Rechnung weder hier noch dort, ebensowenig bei den Lieblingsschriftstellern, die als Tonangebende falscher Gelehrsamkeit in den Himmel gehoben wurden, wie bei den übrigen allen: Sallust, der weniger farblos als die andern; Titus Livius, der sentimental und schwülstig ist; Seneka, aufgedunsen und matt; Suetonius, lymphatisch und fiebernd; Tacitus, der nervöseste, obgleich in seiner Kürze der schärfste und der muskulöseste von allen.

In der Poesie ließen ihn Juvenal trotz seiner zeitweilig gestiefelten und gespornten Verse, Persius trotz seiner geheimnisvollen Zuflüsterungen völlig kalt. Indem er Tibull und Properz, Quintil und Plinius, Statius und Martial gern überging, vermochte ihm Terenz und selbst Plautus, deren Kauderwelsch von neugebildeten Wörtern und zusammengesetzten Diminutiven wimmelte, schon eher zu gefallen; aber die niedrige Komik und das grobe Salz widerten ihn an.

Herzog Jean fing erst beim Lucan an, sich für die lateinische Sprache zu interessieren, denn da war sie schon reicher und ausdrucksvoller. Seine sorgfältig gearbeiteten, mit Schmelz bedeckten und mit Juwelen gezierten Verse fesselten ihn; aber diese ausschließliche Pflege der leidigen Form, dieser Klang hellschreiender Töne, dieser metallische Glanz verdeckte ihm keineswegs die arge Gedankenleere, das Geschwollne und Aufgeblasne.

Der Schriftsteller aber, den er wirklich gern hatte und der ihn für immer vom Lesen der tönenden Schriften eines Lucan entfernte, war Pretonius.

Dieser war ihm ein scharfsichtiger Beobachter, ein zarter Analytiker, ein vortrefflicher Maler; ruhig, ohne vorgefaßte Meinung und ohne Haß beschreibt er das tägliche Leben in Rom, die Sitten seiner Zeit als muntrer satirischer Erzähler.

Er zeichnet Tatsachen im richtigen Licht und Verhältnis, er stellt sie in der bestimmten Form und Ordnung fest, enthüllt das Kleinleben des Volkes, seine Erlebnisse, seine Roheiten wie sein sinnliches Treiben.

Hier ist es ein Inspektor, der im Hotel garni die Namen der kürzlich angekommenen Reisenden zu wissen verlangt; da sind es verrufne Häuser, in denen Männer um nackte Weiber herumschleichen, während man durch die schlecht schließenden Türen der Kammern den Belustigungen der Paare zusieht; dann wieder in den Villen des tollen Luxus und der unsinnigen Pracht übermütigen Reichtums, wie in den armen Herbergen mit ihren durchwühlten Gurtbetten voll Wanzen bewegt sich die Gesellschaft der Zeit: Schurken wie Ascyltus und Eumolpus auf der Suche nach einem unverhofften Fund; alte Knabenschänder im aufgeschürzten Kleide mit weiß und rot bemalten Backen; sechzehnjährige Liederlinge, feist mit gekräuseltem Haar; Weiber, die eine Beute ihrer hysterischen Anfälle werden; Erbschaftsjäger, die ihre Knaben und Mädchen den Ausschweifungen der Erblasser überliefern – alle diese Typen folgen einander auf der Straße streitend, die Bäder besuchend, sich krumm und lahm schlagend, wie das wohl in einer Pantomime zu geschehn pflegt.

Und dies mit einer Frische erzählt, in schönstem Kolorit und kräftigem Stil aller Mundarten, die Ausdrücke allen in Rom untergegangnen Sprachen entlehnt, alle Grenzen und alle Fesseln des sogenannten großen Jahrhunderts überschreitend. Er läßt jeden seinen Jargon reden: die Freigelaßnen und jeglicher Bildung Baren das Pöbellatein und gemeine Kauderwelsch, die Fremden ihre barbarischen Mundarten, vermischt mit Afrikanisch, Syrisch und Griechisch, und die pedantischen Dummköpfe, wie den Agamemnon des Buches, seine gemachte Redeweise zum besten geben. Diese Menschen sind alle mit einem Federstrich gezeichnet; sie lagern um einen Tisch, tauschen den abgestandnen Ideenbrei Trunkener aus und überbieten sich in der Verausgabung verschimmelter Grundsätze und alberner Sticheleien, das Maul stets gegen Trimalchio gerichtet, der sich in den Zähnen stochert, über die Gesundheit seines Innern und seine Blähungen spricht, indem er die Gäste einladet, es sich bequem zu machen und sich ja keinen Zwang anzutun.

Dieser realistische Roman, dieses aus dem vollen Fleisch des römischen Lebens geschnittne Stück, ohne ängstliche Sorge, wie man darüber urteilen werde, voll von lebendiger Satire, ohne Schielen nach Sitte noch Moral, diese Geschichte, ohne Intrige, fast ohne Handlung, die dieses sodomitische Treiben darstellt und mit seltner Feinheit die Freuden und Schmerzen der Liebeleien in farbenprächtiger Sprache malt, ohne daß der Verfasser nur ein einziges Mal in den Vordergrund tritt – sie packte den Herzog Jean, denn er ersah in der Verfeinerung des Stils, in der Schärfe der Beobachtung, in der Festigkeit der Methode eine eigentümliche Ähnlichkeit mit den wenigen modernen französischen Romanen, die er erträglich fand.

Ernstlich bedauerte er, »Eustion« und »Albutia« nicht zu besitzen, jene beiden Werke des Petronius, die auf immer verloren sind; aber der Bücherliebhaber in ihm tröstete den Gelehrten, besaß er doch die prächtige Ausgabe in Oktav des »Satyricon« mit der Jahresziffer 1585 und dem Drucker J. Dousa, Leyden.

Von Petronius ab leitete seine lateinische Sammlung in das zweite Jahrhundert der christlichen Zeitrechnung über, zu dem schwülstigen Phrasenhelden Fronto sowie zu den Attischen Nächten des Aulus Gellius, seines Schülers und Freundes, den er ebenfalls überging, um Halt zu machen bei Apulejus, von dem er eine erste Ausgabe in Folio aufbewahrte, gedruckt zu Rom 1469.

Dieser Afrikaner machte ihm Vergnügen. Die lateinische Sprache zeigte sich in seinen »Metamorphosen« in ihrem vollen Glanze.

Er öffnete nur noch selten Tertullians »Schutzrede der Christen« und die »Abhandlung über die Geduld«; höchstens las er einige Seiten aus »De cultu feminarum«, worin Tertullian die Frauen rügt, die sich mit Kleinodien und kostbaren Stoffen putzen, und ihnen den Gebrauch von Schönheitsmitteln verbietet, weil sie zu täuschen versuchen, indem sie die Natur zu verbessern und zu verschönern sich bemühn.

Diese Ideen, die den seinigen schnurstracks widersprachen, machten ihn lächeln. Doch die Rolle, die Tertullian in seiner bischöflichen Residenz Karthago spielte, schien ihn zu süßen Träumereien zu verleiten; mehr als seine Werke zog ihn in Wirklichkeit aber der Mann selbst an.

Hatte er doch während der aufrührerischen Zeiten gelebt, heimgesucht von schrecklichen Aufständen unter Caracalla, unter Macrin, unter dem sonderbaren Hohenpriester-Heliagabal, dessen Predigten und dogmatischen Schriften, dessen Verteidigungsreden und Auszüge aus den Homilien der Kirchenväter er verfaßte, während das Kaiserreich in all seinen Fugen krachte. Mit größter Kaltblütigkeit lehrt er die fleischliche Enthaltsamkeit, Genügsamkeit beim Mahl und Einfachheit der Kleidung, während zur selben Zeit Heliagabal in Silberstaub und Goldsand herumspazierte, auf dem Kopfe die dreifache päpstliche Krone trug, seine Kleider mit kostbaren Steinen besetzte und, umgeben von Eunuchen, sich mit weiblichen Handarbeiten beschäftigte, sich Kaiserin nennen ließ und jede Nacht den Kaiser, den er mit Vorliebe unter Barbieren, Köchen und Zirkusleuten auswählte, wechselte.

Dieser Gegensatz entzückte den Herzog; denn die lateinische Literatur, unter Pretonius zur höchsten Reife gelangt, fing an sich aufzulösen. Die christliche Literatur brach sich Bahn und brachte mit neuen Ideen nie gebrauchte Ausdrücke und neue Satzbildungen, sowie bislang unbekannte Zeit- und Eigenschaftswörter mit weit hergeholten Bedeutungen, abstrakte Begriffe, die in der römischen Sprache selten angewendet und von denen Tertullian als einer der ersten Gebrauch gemacht hatte.

Alles, was nach dem Tode Tertullians von seinen Schülern, dem heiligen Cyprianus, von Arnobius und dem unklaren Lactantius verfaßt wurde, war ohne Reiz für ihn. Jene unvollkommne schwerfällige Mache war ein linkischer Rückschritt zum ciceronianisch hochtrabenden Ton. Ihr fehlte jener besondere Duft des vierten wie der folgenden Jahrhunderte, jener Duft des Christentums, der der heidnischen Sprache den Hautgout des Wildbrets verliehn hatte, der aber mit der Zivilisation der alten Welt gleichzeitig aufhörte.

Ein einziger Dichter, Commodian aus Gaza, vertrat in seiner Bibliothek die Kunst des dritten Jahrhunderts.

Das »Carmen apologeticum«, im Jahre 259 geschrieben, ist eine Sammlung von Sprüchen in den beliebten Hexametern, die hier manchmal gereimt sind und schon an das Kirchenlatein spätrer Zeiten erinnern.

Seine überspannt dunklen Verse, voll von Ausdrücken der Tagessprache, von Wörtern ursprünglich verdrehter Bedeutung, fesselten ihn mehr als der reife gesättigte Stil der Geschichtschreiber: Ammianus Marcellinus und Aurelian Victor, der berühmte Briefschreiber Symmachus und der Kompilator und Grammatiker Macrobius; er zog sie sogar den wirklich skandierten Versen jener buntscheckig herrlichen Sprache vor, wie sie Claudius, Rutilius und Ausonius sprachen.

Waren die doch damals die Meister der Kunst. Sie erfüllten das untergehende Reich mit ihren Warnungen, der christliche Ausonius mit seinem Cento nuptialis und seiner üppigen Dichtung von der Mosella; Rutilius mit seinen Hymnen zum Ruhme Roms, seiner Verfluchung der Juden und Mönche, der Reisebeschreibung von Italien nach Gallien, in der es ihm gelingt, bestimmte Eindrücke des Geschehnen gut wiederzugeben: Landschaften, die sich zitternd im Wasser spiegeln, aufsteigende Nebel, schwere Wolken, die um die Berge brauen.

Endlich im fünften Jahrhundert Augustin, Bischof von Hippo. Diesen kannte Herzog Jean nur zu gut, denn er ist ja der angesehnste Schriftsteller der Kirche, der Gründer der christlichen Orthodoxie, der den Katholiken als ein Orakel gilt, und vor dem sie sich alle beugen. Diesen öffnete er nicht mehr, obgleich Augustin in seinen »Bekenntnissen« den Widerwillen gegen das Irdische ebenfalls besungen und in seiner »Gottesstadt« versucht hatte, das entsetzliche Elend des Jahrhunderts durch Vertröstung auf eine beßre Zukunft zu besänftigen.

Die zweite Hälfte des fünften Jahrhunderts war gekommen, die entsetzliche Zeit, in der die gewaltigsten Stöße die Erde erschütterten.

Die Barbaren verwüsteten Gallien; Rom, der Plünderung der Westgoten preisgegeben, fühlte sein Leben erstarren, sah seine äußersten Grenzen, den Okzident und den Orient, sich im Blute wälzend von Tag zu Tag mehr erschöpfen und dem Untergange verfallen.

In dieser allgemeinen Auflösung, diesem Meuchelmorde der Cäsaren, die rasch aufeinander folgten, in diesem Lärm bluttriefenden Gemetzels, das sich von einem Ende Europas zum andern wälzte, ertönte ein fürchterliches Hurrageschrei, das allen Unwillen und alles Geheul zum Schweigen brachte.

An dem Ufer der Donau erschienen Tausende von Männern auf kleinen Pferden, eingehüllt in weite Oberkleider von Rattenfell, scheußliche Tataren mit enormen Köpfen, platter Nase, das Kinn durch Schmarren und Narben entstellt, bartlose, zitronengelbe Gesichter stürzten sich vorwärts im gestreckten Galopp, alle Reiche gleichsam in einen Wirbelwind einhüllend und niederreißend.

Alles verschwand in den Staubwolken dieser wilden Reiter wie in Rauch von Feuerbrünsten. Die Finsternis verbreitete sich, und die bestürzten Völker erzitterten, wenn sie diesen entsetzlichen Staubwirbel mit dem Getöse des Donners vorübersausen hörten. Die Hunnenherde machte Ost-Europa dem Erdboden gleich, stürzte sich auf Gallien, wo sie in den Ebenen von Châlons durch den römischen General Aetius niedergeworfen und im Sturm vernichtet wurde. Die mit Blut überschwemmten Wiesen kräuselten sich wie ein Purpurmeer; zweihunderttausend Leichen versperrten den Weg und brachen den Anlauf dieser aus der Richtung gekommenen Lawine, die wie mit Donnerschlägen in Italien einfiel, wo die zerstörten Städte gleich Heuschobern brannten.

Das weströmische Reich brach unter dem Stoß zusammen; sein mit dem Tode ringendes Dasein, das es stumpfsinnig im Kot hingeschleppt hatte, erlosch; es schien überdies das Ende der Welt nahe; die Städte, die von Attila vergessen worden waren, wurden durch Hungersnot und Pest dahingerafft, das Latein schien unter den Ruinen der Welt mit zu versinken.

Jahre vergingen; die barbarischen Idiome fingen an, sich zu regeln und wirkliche Sprachen zu bilden. Das Latein, das während der allgemeinen Zerrüttung in die Klöster geflüchtet war, verblieb dort, wie in den Pfarrhäusern; hier und da erstanden einige Poeten, frostig und träge: der Afrikaner Dracontius mit seinem »Hexameron«; Claudius Mamertius mit seinen liturgischen Poesien; Avitus von Wien. Dann die Biographen, wie Ennodius, der die Wunder des heiligen Epiphanias erzählt, jenes scharfsichtigen, verehrten Diplomaten, des biedern und umsichtigen Seelsorgers; wie Eugippius, der uns das unvergleichliche Leben des heiligen Severinus wieder vor Augen führt, diesen geheimnisvollen Einsiedlers und demütigen Asketen, der den trostlosen, vor Furcht und Schmerz wahnsinnigen Völkern wie ein Engel der Barmherzigkeit erschien; Schriftsteller wie Veranius du Gévaudan, der eine kleine Abhandlung über die Enthaltsamkeit verfaßte; wie Aurelian und Ferreolus, die die kirchlichen Satzungen zusammengestellt haben; Geschichtschreiber wie Rotherius, berühmt durch ein Geschichtswerk, das aber verloren gegangen ist.

Die Werke der nachfolgenden Jahrhunderte wurden in der Bibliothek des Herzogs Jean spärlicher. Indessen war das sechste Jahrhundert noch durch Fortunatus, Bischof von Poitiers, durch Boëthius, den alten Gregor von Tours, und Jornandes vertreten.

Wenig entzückt von der Schwerfälligkeit der karolingischen Lateiner, wie Eginhart und Alcuin, begnügte er sich als Sprachprobe des neunten Jahrhunderts mit den Chroniken des Anonymus von St. Gallen, des Frechulf und des Regino, mit dem Gedichte von der Belagerung von Paris, verfaßt von Abbo le Courbé, mit dem »Hortulus«, mit der Dichtung von Ermold le Noir, der die Taten Ludwigs des Frommen preist, und einigen nicht zu klassifizierenden moderneren Werken ohne Jahreszahl, Werken der Geheimlehre, der Arzneikunde, der Pflanzenkunde, einzelnen Bänden der Kirchenväterkunde von Migne, die nirgends mehr zu findende christliche Poesien enthielten, und mit der Blumenlehre der kleinen lateinischen Poeten von Wernsdorff.

Mit dem Anfang des zehnten Jahrhunderts hörte seine lateinische Bibliothek auf.

Die alten Ausgaben, die Herzog Jean sorgfältig gesammelt hatte, waren hiermit erschöpft, und mit einem jähen Sprung über Jahrhunderte hinweg leiteten seine Bücher direkt zu der französischen Sprache des jetzigen Jahrhunderts über.

Viertes Kapitel.

Eines Nachmittags hielt ein Wagen vor dem Hause in Fontenay. Da Herzog Jean keine Besuche empfing und sich selbst der Briefträger nicht einmal in dieser unbewohnten Gegend zeigte, weil er niemals einen Brief oder eine Zeitung zu bestellen hatte, zögerten anfänglich die beiden alten Dienstboten, da sie nicht wußten, ob sie öffnen durften. Auf das laute Geklingel der Glocke, die mit aller Kraft gezogen wurde, wagten sie es endlich, durch das kleine Schiebfenster, das in der Tür angebracht war, zu sehn; vor der Türe stand ein Herr, dessen ganze Brust vom Hals bis zum Leib mit einem ungeheuern goldnen Schild bedeckt war.

Sie benachrichtigen hierauf ihren Herrn, der am Frühstückstisch saß.

»Ganz richtig, führen Sie ihn herein,« sagte er – denn er erinnerte sich, daß er vor einiger Zeit einem Edelsteinhändler, der eine schwierige Bestellung für ihn ausführen sollte, seine Adresse gegeben hatte.

Der Herr grüßte und setzte ohne Umstände auf den Boden des Eßzimmers seinen Schild nieder, der sich bewegte, sich dann ein wenig erhob, unter dem der kleine schlangenartige Kopf einer Schildkröte hervorlugte, um sich plötzlich wieder erschrocken unter die Schale zurückzuziehn.

Diese Schildkröte war eine phantastische Idee des Herzogs Jean, die ihm einige Zeit vor dem Verlassen von Paris gekommen war.

Eines Tags, da er einen orientalischen Teppich besah und die Reflexe bewunderte, die je nach dem Silberglanz, der über das Gewebe lief, bald aladingelb, bald pflaumenblau leuchteten, sagte er sich, daß es sich nicht übel ausnehmen müsse, etwas Bewegliches auf den Teppich zu setzen, um den Farbenreiz durch einen dunkeln Ton zu erhöhn.

Von dieser Idee ganz eingenommen, war er aufs Geratewohl durch die Straßen geschlendert und bis zum Palais-Royal gekommen. Als er hier im Schaufenster bei Chevet eine Schildkröte in einem Bassin bemerkte, schlug er sich vor die Stirn, wie jemand, dem plötzlich ein Gedanke gekommen ist.

Er kaufte das Tier, setzte es dann auf den Teppich und sich davor. Lange hatte er das Tier mit halbgeschloßnen Augen aufmerksam betrachtet.

Das harte Braun des Rückenschilds verdunkelte die Reflexe des Teppichs, ohne sie zu beleben; der vorherrschende Silberglanz strahlte jetzt kaum und streifte mit seinem kalten zinkfarbnen Ton den Rand dieser harten glanzlosen Schale.

Er biß sich auf den Finger und suchte ein Mittel, diese Mißverbindung zu versöhnen und die offenbare Scheidung der Töne zu verhindern, wobei er schließlich entdeckte, daß seine erste Idee, die darin bestand, die Flammen des Gewebes mit einem darauf gesetzten beweglichen dunkeln Gegenstand zu schüren, falsch war. Im Grunde genommen war dieser Teppich noch zu auffällig, zu lebhaft und zu neu. Die Farben waren noch nicht genügend abgestumpft und gedämpft; es handelte sich darum, den Satz umzukehren, die Töne abzuschwächen, sie durch den Kontrast eines glänzenden Gegenstandes zu erlöschen, alles um sich zu erdrücken und goldiges Licht auf das mattsilberne zu werfen.

In dieser Weise dargestellt, war die Frage leichter zu entscheiden. Er beschloß infolgedessen, den Panzer der Schildkröte mit einer Goldglasur überziehn zu lassen.

Als das Tier von dem Praktikus, der es in Arbeit gehabt hatte, wieder zurückgekommen war, leuchtete es wie die Sonne.

Anfänglich war Herzog Jean ganz entzückt von der Wirkung; dann kam ihm der Gedanke, daß dieses riesengroße Schmuckstück bis jetzt nur flüchtig entworfen und daß es erst vollendet wäre, wenn es mit eingelegten seltnen und kostbaren Steinen besetzt wäre.

Er wählte aus einer japanischen Sammlung eine Zeichnung, die ein Arrangement von Blumen vorstellte, die von einem dünnen Stengel wie Raketen ausgingen. Er brachte das Muster zu einem Goldschmied, zeichnete eine Einfassung darum, die das Bukett in einen ovalen Rahmen einschloß, und erklärte dem verdutzten Juwelenhändler, daß die Blätter und die Kelche jeder der Blumen in Edelsteinen ausgeführt und in das Schild des Tieres selbst eingelassen werden sollten.

Die Wahl der Edelsteine war nicht leicht: der Diamant ist zu gewöhnlich geworden, seit die Kaufleute ihn am kleinen Finger tragen; die Smaragde und die Rubinen des Orients sind weniger entwürdigt, aber sie erinnern zu sehr an die grünen und roten Omnibus-Laternen. Was die Topase anbelangt, geglüht oder roh, sind sie nur wohlfeile Steine, der kleinen Bürgersfrau überaus wert, die ihre Schmucksachen noch mit Wohlgefallen in ihren Leinenschrank verschließt; anderseits hat der Amethyst, obgleich ihm die Kirche den priesterlich-ernsten Charakter bewahrt, in den roten Ohren und an den feisten Händen der Schlächterfrauen, die sich für einen bescheidnen Preis gern mit schwerfälligem Schmuck behängen, an Wert sehr verloren. Dem Saphir allein ist sein unverletztes Feuer nicht durch spekulative Ausnutzung genommen. Seine Strahlen rieseln wie klares kaltes Wasser und haben sozusagen seinen zurückhaltenden und hochmütigen Adel gegen jeden Schmutz bewahrt. Unglücklicherweise funkeln seine frischen Farben nicht bei Licht; das blaue Wasser geht in sich selbst zurück, scheint einzuschlafen, um erst wieder beim Anblick des Tages aufzuwachen und zu blitzen.

Schließlich befriedigte nicht einer von diesen Steinen den Herzog Jean; außerdem waren sie zu zivilisiert und zu bekannt. Er ließ wunderlichere und seltsamere Steine durch seine Finger gleiten, und zuletzt suchte er eine Serie von wirklichen und künstlichen Steinen aus, deren Mischung eine bezaubernde und überraschende Harmonie hervorbringen sollte.

Er setzte in folgender Weise das Bukett seiner Blumen zusammen: die Blätter wurden von klarem bestimmten Grün gefaßt mit dem Chrysoberill, einem spargelgrünen Edelstein; grünem Chrysolith; dunkelgrünem Olivin. Diese hoben sich von den Zweigen aus Almadin und Ouwarovit ab, einem blauroten Stein, der in kaltem Glanze flimmert, wie etwa das Glimmen des Weinsteins im Innern der Fässer ist.

Für die Blumen, die strahlenförmig vom Stengel ausgehn, benutzte er bläuliche Aschfarbe; aber er vermied streng den orientalischen Türkis, den man für Busennadeln und Ringe verwendet und der mit der alltäglichen Perle und der abscheulichen Koralle das Entzücken des Kleinbürgertums ist. Dagegen wählte er schließlich die Türkise des Abendlandes, Steine, die im eigentlichen Sinne des Wortes nur fossiles Elfenbein sind, von einer kupferfarbigen Substanz durchdrungen, wie von schmachtendem Blau erfüllt, undurchsichtig, schwefelhaltig und wie mit Galle gefärbt.

Als dies geschehn war, machte er sich daran, die Kelche seiner aufgeblühten Blumen mitten im Strauße einzufassen und für die Blumen, die dem Stengel am nächsten standen, durchsichtige Steine mit gläsern-krankhaftem Glanz, mit fieberhaft scharfem Strahl zu wählen.

Er setzte sie einzig und allein aus indischen Katzenaugen, Cymophanen und saphirartigen Steinen zusammen.

Von diesen drei Steinen ging in der Tat ein geheimnisvoll-wunderlicher Schimmer aus, der schmerzlich aus dem kalten Grunde trüben Wassers herausgerissen schien: das Katzenauge von einem grünlichen Grau, von schwachen Adern durchzogen, die sich zu bewegen schienen und jeden Augenblick den Platz wechselten, je nach dem darauf fallenden Licht; der Cymophan mit dem moirierten Azurblau, das über die milchweiße Farbe hinläuft, die im Innern lebt; der Saphirin, der auf dunkelbraun-schokoladefarbigem Grund phosphorbläuliche Feuer entzündet.

Der Juwelenhändler machte sich Notizen über die Stellen, in die die Steine eingesetzt werden sollten.

»Und die Einfassung der Schale der Schildkröte?« fragte er schließlich.

Herzog Jean hatte zuerst an einige Opale und Hydrophane – eine Art Opal, der Wasser einsaugt und dadurch durchsichtiger und farbenspielender wird, – gedacht; aber die Verwendbarkeit dieser interessanten Steine ist wegen der Unbestimmtheit ihrer Farben und des Zweifelhaften ihres Feuers zu schwierig. Der Opal hat eine geradezu rheumatische Empfindlichkeit. Das Spiel seiner Strahlen verändert sich je nach der Feuchtigkeit, der Wärme oder Kälte; und was den Hydrophan anbelangt, blitzt er nur im Wasser und scheint seine Glut zu entzünden, wenn man ihn anfeuchtet.

Zuletzt entschloß er sich zu den Steinen, deren Reflexe abwechseln: zu dem Hiazinth von Compostella, einem rötlich-gelben Edelstein; Aquamarin, meergrün; Ballas-Rubin, blaßrot; Südermannlands-Rubin, rotgelb. Ihr schwaches Schimmern genügte, um die dunkeln Schatten des Rückenschilds zu erhellen und das Blühn der Edelsteine nicht zu beeinträchtigen, die sie mit einer schmalen Girlande von unbestimmter Leuchtkraft umgaben. –

Und nun setzte sich Herzog Jean in eine Ecke seines Eßzimmers und betrachtete mit Wohlgefallen die im Schatten goldglänzende Schildkröte.

Er fühlte sich vollkommen glücklich; seine Blicke berauschten sich an dem hellen Glanz der Blumenkronen auf goldnem Grund. Dann aber – ganz gegen seine Gewohnheit – stellte sich eine gewisse Eßlust bei ihm ein. Er tunkte seine gerösteten Brotschnitten, die mit einer ganz besondern Butter bestrichen waren, in eine Tasse Tee, eine treffliche Mischung von Si-a-Fayoune, Mo-you-tann und Khansky, gelben Teesorten, die von China nach Rußland durch besondre Karawanen geschickt werden, wodurch sie den famosen Kamelduft angenommen haben.

Der Herzog trank diese duftige Flüssigkeit aus dem feinsten chinesischen Porzellan, das man wegen seiner Durchsichtigkeit als Eierschalen bezeichnet. Zu diesen entzückenden Tassen benutzte er nur Bestecke aus altem vergoldeten Silber, das die Vergoldung schon etwas verloren hatte, so daß das Silber unter dem Gold ein wenig zum Vorschein kam und ihm so die Färbung vormaliger Zartheit ganz diskret wiedergab.

Nachdem er einen letzten Schluck genommen hatte, ging er in sein Arbeitszimmer zurück und ließ sich durch den Diener die Schildkröte bringen, die in ihrer hartnäckigen Unbeweglichkeit verharrte.

Der Schnee fiel in dichten Flocken. Bei dem Licht der Lampen bildeten sich Eisblumen hinter den bläulichen Scheiben, und der Reif, der in den Flaschenböden der mit Gold besprenkelten Fenster glänzte, glich geschmolzenem Zucker.

Ein tiefes Schweigen hüllte das Häuschen wie in Finsternis erstarrt ein.

Herzog Jean träumte; die brennenden Holzscheite im Kamin erfüllten mit ihrer wärmenden Ausströmung das Gemach; er öffnete halb das Fenster.

Wie ein hoher Vorhang verkehrten Hermelins hob sich der Himmel vor ihm schwarz mit weißen Tüpfchen ab. Ein eiskalter Wind wehte, der den Schneeflug beschleunigte. Der heraldische Vorhang des Himmels kehrte sich bald um und wurde ein wirklich weißer Hermelin, nun wieder schwarz getupft.

Er schloß das Fenster wieder. Der schroffe Wechsel von großer Hitze und der Kälte des Winters hatte ihn gepackt; er zog sich ans Feuer zurück. Es kam ihm der Gedanke, ein geistiges Getränk zu genießen, das ihn wieder erwärmen sollte.

Er ging ins Eßzimmer, wo ein Wandschrank in der Mauer angebracht war, in dem sich eine Reihe kleiner Tonnen dicht nebeneinander auf kleinen Blöcken von Sandelholz befanden, die alle mit kleinen silbernen Hähnchen am untern Ende versehn waren.

Er nannte diese Sammlung von Likören seine Mundorgel.

Eine Röhre konnte alle Hähne vereinigen. Wenn das Instrument richtig gestellt war, brauchte er nur auf den Knopf, der in dem Holzwerk verborgen war, zu drücken, um alle Hähne auf einmal aufzudrehn, worauf sich die winzigen Becher, die unter ihnen standen, mit Likör füllten.

Diese Orgel, auf die bezeichneten Stimmen Flöte, Waldhorn, Vox Divina u.s.w. gestellt, war stets zu seiner Benutzung bereit. Herzog Jean trank von diesem und jenem Likör einige Tropfen, spielte sich innre Symphonien vor, und es gelang ihm, seinem Gaumen ähnliche Genüsse zu verschaffen, wie sie die Musik dem Ohre bereitet. Außerdem stimmte jeder Likör seiner Ansicht nach mit dem Ton eines Instruments überein.

Der trockne Curaçao zum Beispiel mit der Klarinette, deren Töne spitz und weich sind; der Kornbranntwein mit der Hoboe, deren Klang näselt; der Pfefferminz und Anisette mit der Flöte, süß und scharf, schrill und sanft zugleich; das Kirschwasser mit der Trompete; Gin und Whisky erschreckten den Gaumen durch ihren schrillen Schall, wie Klapphorn und Posaune das Ohr heftig mitnehmen, während der Weinträberschnaps gleichsam den betäubenden Lärm der Tuba verursacht, und der russische Raky und der Mastic der Mundhaut die Schläge der Zimbel und der Pauke mitteilen.

Er meinte auch, daß diese Vergleiche sich auf Quartett-Saiteninstrumente übertragen lassen, indem unter dem Gaumengewölbe die Geige den alten Kognak vorstellt, berauschend und zart, scharf und spröde, während die Bratsche kräftiger, voller, dumpfer aus dem Rum zu hören ist; der Magenbitter zerreißend, melancholisch und schmeichelnd wie ein Violoncell erklingt, die Baßgeige dagegen schwer, stark und düster wie ein scharfer alter Bitter wirkt. Man könnte selbst – indem man ein Quintett bildet – die Harfe hinzufügen, die mit einer gleichen Wahrscheinlichkeit die mächtige Kraft und ihre silbernen Klänge, frei und zart wie der Kümmel wiedergäbe.

Diese Voraussetzungen hatte er einmal angenommen und war soweit gekommen, infolge rastloser Versuche auf seiner Zunge stille Melodien zu spielen, stumme Trauermärsche mit großem Gepränge aufzuführen, Soli von Pfefferminz, Duette zwischen Bittern und Rum zu hören.

Es gelang ihm so, in seine Kinnbacken wirkliche Musikstücke den Wünschen des Komponisten gemäß zu übertragen, er gab Takt für Takt die Gedanken, die Wirkungen, die Nuancen wieder und erzeugte durch nahe Verbindungen oder Kontraste der Liköre, durch geschickte Mischungen Akkorde.

Früher komponierte er seine Melodien selbst und führte seine Idyllen mit dem gutmütigen Johannisbeerlikör auf, der ihm den perlenden Gesang der Nachtigall in der Kehle trillern machte, oder er sang mit dem sanften Kakao-Chouva die süßlichen Schäferlieder, wie: die Romanzen von Estella und die »Ach! ich sag Ihnen, Mama« aus der alten Zeit.

Aber heute abend hatte der Herzog durchaus keine Lust, der Musik zu frönen; er begnügte sich damit, einen einzigen Ton auf der Klaviatur seiner Orgel anzuschlagen; er nahm seinen kleinen Becher, den er zuvor einfach mit echtem irländischen Whisky gefüllt hatte, machte es sich in seinem Sessel bequem und schlürfte ganz langsam den aus Hafer und Gerste gegorenen Saft, der seinen Mund mit einem starken Kreosotgeruch erfüllte.

Nach und nach beim Trinken folgten seine Gedanken wieder dem belebten Eindruck seines Gaumens; er erweckte so durch eine fatale Ähnlichkeit von Gerüchen eine seit Jahren verwischte Erinnerung.

Dieser scharfe Karbolduft erinnerte ihn an den gleichen Geruch, der zu einer Zeit, da die Zahnärzte an seinem Zahnfleisch herumarbeiteten, seinen Mund erfüllt hatte.

Einmal auf diesen Weg gebracht, erging er sich zuerst in Träumereien über all die Praktikusse, die er kennen gelernt hatte, er sammelte sich und konzentrierte seine Erinnerung auf einen, dessen seltsame Erscheinung ihm besonders im Gedächtnis verblieben war.

Es war vor drei Jahren, als er mitten in der Nacht von einem rasenden Zahnschmerz befallen wurde; er wickelte sich den Kopf ein, stieß in der Verzweiflung gegen alle Möbel und rannte wie ein Wahnsinniger im Zimmer umher.

Es war ein schon plombierter Backenzahn. Eine Heilung war nicht mehr möglich; die Zange des Zahnarztes allein konnte dem Übel abhelfen.

Fieberhaft erwartete er den Tag, entschlossen, die schrecklichsten Operationen zu erdulden, wenn sie nur seinem Leiden ein Ende machten.

Er hielt sich fortwährend den Mund zu und fragte sich, was er tun solle. Die Zahnärzte, die ihn gewöhnlich behandelten, waren reiche Leute, die man nicht so nach seinem Gefallen sprechen konnte; da mußten erst mit ihnen die Besuche und die Stunden der Konsultationen genau verabredet werden. Das war jedoch unmöglich. »Ich kann es nicht länger hinausschieben,« sagte er sich; und er entschloß sich, zu dem ersten besten zu gehn, zu einem Zahnausreißer gewöhnlichen Schlages; einem der Leute mit der eisernen Faust, die mit einer Geschwindigkeit ohnegleichen die hartnäckigsten Zahnstümpfe zu entfernen wissen. Sie sind vom frühen Morgen an zu sprechen, und bei ihnen braucht man nicht zu warten.

Endlich schlug es sieben Uhr. Er lief aus dem Hause, erinnerte sich des Namens eines bekannten Technikers, der sich »Volkszahnarzt« nannte und an der Ecke eines Quais wohnte. Er durchrannte die Straßen und biß voll Verzweiflung in sein Taschentuch, um die Tränen zurückzuhalten.

Er war eben vor dem Haus angelangt, das man schon von weitem an dem großen schwarzen Holzschilde erkennen konnte, auf dem mit riesig großen Buchstaben der Name »Gatonax« gemalt war; in zwei kleinen Glaskästen sah man Zähne in Zahnfleisch aus rosa Wachs sorgfältig aufgereiht und durch eine mechanische Feder aus Draht miteinander verbunden. Er keuchte, der Schweiß trat ihm auf die Stirn, und eine wahnsinnige Angst befiel ihn, ein Schauer durchrieselte seine Haut, worauf sich urplötzlich eine Linderung fühlbar machte: er litt nicht mehr, der Zahn tat nicht mehr weh.

Wie verdummt blieb er auf dem Trottoir stehn; schließlich aber stemmte er sich gegen die Angst und kletterte eine dunkle Treppe bis zum dritten Stock hinauf. Da stand er vor einer Tür; ein Porzellanschild mit himmelblauen Buchstaben: es war derselbe Name wie unten an der Tür.

Er zog die Klingel; doch entsetzt durch die Blutauswürfe, die er auf den Treppenstufen bemerkte, wollte er jetzt umkehren, entschlossen, sein ganzes Leben lang den Zahnschmerz zu erdulden, als ein Schrei das Treppenhaus erfüllte, der den Entsetzten auf seinen Platz bannte. Im selben Augenblick öffnete sich die Tür, und eine alte Frau bat ihn einzutreten.

Die Scham überwand die Furcht. Man führte ihn in das Eßzimmer, eine andre Tür ward zugeschlagen, und ein großer vierschrötiger Mann im schwarzen Gehrock und schwarzen Beinkleidern trat ein und forderte ihn auf, ihm in ein andres Zimmer zu folgen.

Seine Empfindungen wurden von diesem Augenblick ab undeutlich. Er erinnerte sich, sich auf einen Sessel neben dem Fenster niedergesetzt und etwas gestammelt zu haben, während er den Finger auf seinen Zahn legte: »Schon mal plombiert ... fürchte, es ist nichts zu machen ...«

Der Mann hob schnell die Auseinandersetzung auf, indem er dem Herzog seinen enormen Zeigefinger in den Mund schob und dann etwas in seinen gewichsten und spitz gedrehten Schnurrbart brummte. Er nahm ein Instrument vom Tisch, womit er die große Szene begann.

Herzog Jean hatte sich krampfhaft an die Lehne des Sessels geklammert und gefühlt, wie etwas Kaltes seine Backe berührte; hierauf hatte er vor den Augen nur Funken gesehn; er wurde von entsetzlichsten Schmerzen erfaßt, und so brüllte er, mit den Füßen strampelnd, wie ein wildes Tier.

Man hörte ein Knacken, der Backenzahn war beim Herausziehen abgebrochen; ihm war, als ob man ihm den Kopf abgerissen oder den Schädel eingeschlagen hätte. Er hatte aus Leibeskräften geheult und sich wütend gegen den Mann gewehrt, der sich von neuem auf ihn stürzte, als ob er ihm mit seinem Arm in den Leib dringen wolle.

Der Arzt war nach der zweiten Operation einen Schritt zurückgetreten, hatte den Herzog wieder in den Sitz zurückfallen lassen, worauf er an das Fenster ging, schwer Atem holte und am Ende seiner Zange einen blauen Zahnstumpf hielt, an dem etwas Rotes hing.

Wie vernichtet hatte Herzog Jean eine ganze Schale voll Blut ausgebrochen, mit einer heftigen Bewegung die Annahme des Zahnstumpfes verweigert, den ihm die alte Frau, in ein Stück Zeitungspapier gewickelt, darreichte, und war davongestürzt, nachdem er zwei Franken gezahlt hatte.

Auf der Straße war er ganz heiter, wie um zehn Jahre jünger und interessierte sich für alles und jedes. – – –

»Brr!« murmelte er jetzt, ganz erschreckt von dem Gang, den seine Gedanken genommen hatten.

Er stand auf, um diese Vision zu zerstören, und um in die Wirklichkeit zurückzukehren, fing er an, sich wieder mit der Schildkröte zu beschäftigen.

Sie rührte sich noch immer nicht, er befühlte sie, sie war tot. Sie war an eine ruhige Existenz, an ein demütiges Leben, das sie unter ihrer ärmlichen Schale zubrachte, gewöhnt; sie hatte den glänzenden Luxus, den man ihr aufdrang, den goldglänzenden Überzug, mit dem man sie bekleidet hatte, die Edelsteine, mit denen man ihr den Rücken gepflastert hatte, nicht vertragen können.

Fünftes Kapitel.

Zur selben Zeit, da sich sein Wunsch verschärfte, sich einem hassenswerten Zeitalter von unwürdigen Stockfischen zu entziehn, machte sich das Bedürfnis immer gewaltsamer geltend, keine Bilder mehr zu sehn, die das menschliche Antlitz darstellten, Bilder solcher Personen, die in Paris nur zwischen ihren vier Wänden herumkrauchen oder auf den Straßen auf der Suche nach Geld lungern.

Nachdem er sich mit dem Leben und Treiben seiner Zeit abgefunden hatte, hatte er sich vorgenommen, keine Larven, die ihm nur Widerwillen oder Bedauern einflößten, in seine Zelle einzuführen; er wünschte Gemälde, die zarte und köstliche Phantasien alter Zeit und klassischer Verderbtheit vorstellten, die unsern Tagen und Sitten fern liegen.

Er brauchte zum Ergötzen seines Geistes wie zur Freude seiner Augen einige Gemälde, die ihn in eine unbekannte Welt einführen, ihm die Spuren neuer Ideen enthüllen und sein Nervensystem durch hysterische Sensationen erschüttern sollten.

Da gab es einen Künstler vor allen, der ihn zu großer Begeisterung hinriß: Gustav Moreau.

Zwei seiner Meisterwerke befanden sich in seinem Besitz; und während der Nacht saß er oft träumend vor dem einen, dem Gemälde der Salome:

Ein Thron, dem Hochaltar einer Kathedrale gleich, stand unter gewaltigen Wölbungen, die aus niedrigen Säulen emporwachsen, ähnlich römischen Pfeilern, glasiert mit bunten Ziegeln, in Mosaik gefaßt und mit Lasursteinen und Sardonyxen eingelegt: ein Palast, einer Basilika ähnlich, in mohammedanisch-byzantinischer Architektur aufgeführt.

In der Mitte des Tabernakels, das den Altar überragte, zu dem einige Stufen in halbrunder Form hinaufführten, saß der Tetrarch Herodes, auf dem Kopfe die Tiara, die Beine emporgezogen und die Hände auf den Knien.

Sein Gesicht war gelb wie Pergament, alterzerstört und voller Falten; sein langer Bart wallte wie eine weiße Wolke über das Edelgestein, mit dem sein aus Goldstoff gefertigtes und die Brust bedeckendes Gewand besät war.

Um diese unbewegliche Statue, die in der eigentümlichen Stellung des Hindu-Gottes wie erstarrt dasaß, brannten Spezereien, die leichte Rauchwolken verbreiteten und den Glanz der Edelsteine, die in den Thronhimmel eingefügt waren, weckten. Der Dampf stieg höher und verbreitete sich unter den Bogengängen, wo sich der bläuliche Rauch mit dem Goldstaub der hellen Sonnenstrahlen mischte, die durch die Kuppel fielen.

In dieser heißen, von Wohlgerüchen geschwängerten Luft des Tempels steht Salome, den linken Arm gebieterisch ausgestreckt, den rechten gebogen, und hält eine große Lotusblume in Gesichtshöhe. Sie nähert sich langsam auf den Fußspitzen nach den Klängen einer Guitarre, deren Saiten eine am Boden hockende Frau schlägt.

Das Gesicht andächtig, feierlich, beginnt sie fast erhaben ihren wollüstigen Tanz, der die schlummernden Sinne des alten Herodes wecken soll. Ihr Busen wogt, und bei der Berührung der im Kreise wirbelnden Halskette richten sich ihre Brüste in die Höhe. Auf der feuchten Haut blitzen die Diamanten, ihre Armbänder, ihre Gürtel, ihre Ringe warfen strahlende Funken über ihr prunkhaftes, mit Perlen benähtes, mit Gold und Silber gesticktes Gewand.

Es ist ein zarter Panzer aus feiner Goldarbeit, dessen Maschen je ein Edelstein ziert, deren Feuer sich schlangenartig kreuzt über der matten, teerosen-zarten Haut, wie glänzende Insekten mit strahlenden Flügeldecken, rot marmoriert, hochgelb punktiert, stahlblau gefleckt, pfauengrün getigert.

Die Augen, denen einer Nachtwandlerin ähnlich, sind starr auf einen Punkt gerichtet und sehn weder den Tetrarchen, der erbebt, noch ihre Mutter, die entsetzliche Herodias, die sie beobachtet, noch den Eunuchen, der am Fuße des Thrones mit dem Säbel in der Hand unbeweglich dasteht, sein schreckliches Gesicht bis an die Backen verhüllt; seine Brust hängt wie ein vertrockneter Kürbis unter der gelbbunten Tunika hervor.

Dieses Urbild der Salome verfolgte seit Jahren den Herzog Jean. Wie oft hatte er in der alten Bibel, von Peter Variquet, dem Gottesgelehrten der Universität Löwen, übersetzt, das Evangelium des heiligen Matthäus gelesen, der in kurzen, naiven Sätzen die Enthauptung des Vorgängers Christi erzählt. Wie oft war er nicht in tiefes Nachdenken versunken beim Lesen jener Zeilen:

»Am Jahrestagfeste des Herodes tanzte die Tochter der Herodias und gefiel dem Herodes sehr.

Da versprach er ihr und schwurs mit einem Eide, ihr alles zu geben, was sie erbitte.

Und sie, von ihrer Mutter verleitet, sagte: Gib mir das Haupt Johannes des Täufers auf einer Schüssel.

Der König aber wurde betrübt; doch um des Eides und derer willen, die mit ihm am Tische saßen, befahl er, daß es ihr überbracht würde.

Und er schickte alsbald hin und ließ Johannes im Kerker enthaupten.

Und man brachte sein Haupt auf einer Schüssel und gabs dem Mägdelein; und diese überreichte es ihrer Mutter.«

Aber weder Matthäus, noch Markus, noch Lukas verbreiten sich über den berauschenden Zauber, über die moralische Versunkenheit der Tänzerin. Sie bleibt verwischt, geheimnisvoll und verloren in dem fernen Nebel der Jahrhunderte, unfaßbar für die realen, alltäglichen Geister, nur den erschütterten und geschärften Gehirnen zugängig, die durch Nervenkrankheit hellsehend waren; spröde auch gegenüber dem Maler des Fleisches, Rubens, der sie in eine flanderische Schlächtersfrau verwandelte; unverständlich allen Schriftstellern, die niemals die aufregende Begeisterung der Tänzerin, die raffinierte Geistesgröße der Mörderin darzustellen vermochten.

In dem Werk von Gustav Moreau, in seinem Entwurfe frei von aller Tradition, sah Herzog Jean endlich diese übermenschliche und seltsame Salome verkörpert. Sie war nicht allein die Tänzerin, die durch wollüstige Windungen ihrer Hüften einem geschwächten Greise den Schrei frivoler Begier entlockt, indem sie sich den Willen eines Königs durch die Bewegungen ihres Leibes und das Zittern ihrer Schenkel unterwirft; sie wurde sozusagen die sinnbildliche Gottheit unzerstörbarer Wollust, die Göttin der unsterblichen Hysterie; jenes einfache Sinnentier, ungeheuer, gefühllos, unempfindlich, die alles, was sich ihr nähert, sie berührt und sie sieht, vergiftet.

Ein unwiderstehlicher Zauber ging von diesem Bilde aus. Aber das Aquarell, betitelt »Die Erscheinung«, wirkte vielleicht noch aufregender.

Auf diesem Gemälde hob sich der Palast des Herodes ab wie eine Alhambra, auf schlanken regenbogenfarbigen Säulen von maurischen Kacheln, wie mit silbernem Mörtel, mit goldnem Zement zusammengefügt; Arabesken gingen von Lasursteinen aus, schlängelten sich um Kuppeln und auf den mit Perlmutter eingelegten Arbeiten entlang, die in regenbogenfarbige, prismatische Strahlen ausliefen.

Hier war der Mord vollzogen; der Henker stand jetzt unbeweglich und stützte die Hände auf den Knauf seines langen mit Blut befleckten Schwertes.

Das abgeschlagne Haupt des Heiligen hatte sich in der Schüssel, die auf den Steinplatten stand, in die Höhe gerichtet, fahl, den bleichen Mund offen, den Hals karmoisinrot, triefend von Blut. Eine Musivarbeit umgab den Kopf, von dem ein leuchtender Glorienschein seine Lichtstrahlen auf die Säulenhalle warf, die die schreckliche Erhebung des Kopfes beleuchten, die gläsernen Augäpfel entzünden, die sozusagen fest auf der Tänzerin haften.

Mit einer Gebärde des Entsetzens stößt Salome die schreckliche Vision zurück, die sie unbeweglich auf den Fußspitzen festhält. Mit weitgeöffneten Augen starrt sie die Erscheinung an, und ihre Hand umklammert krampfhaft den Busen.

Sie ist fast nackt; in der Aufregung des Tanzes haben sich die Schleier gelöst, die Goldstoffe sind herabgefallen; sie ist nur noch mit dem Goldschmuck und den durchsichtigen Juwelen behangen.

Der schreckliche Kopf strahlt, immer noch blutend, und setzt kleine dunkelpurpurne Kiesel an den Spitzen des Bartes und Haares an. Sichtbar ist es für Salome allein. Sie streift mit ihrem düstern Blick weder die Herodias, die an ihren endlich gestillten Haß denkt, noch den Tetrarchen, der, etwas vorgebeugt, die Hände auf den Knien, keuchend dasitzt und wahnsinnig betört ist durch die Nacktheit dieses jungen Körpers, der von wild aufregenden Wohlgerüchen, von Weihrauch und Myrrhen umduftet ist. –

So wie der alte König blieb auch Herzog Jean zermalmt und vernichtet, vom Schwindel ergriffen vor dieser Tänzerin, die weniger majestätisch, weniger hochmütig, aber verwirrender als die Salome des Ölgemäldes auf ihn wirkte.

Verloren in diese Betrachtungen versuchte der Herzog dem Ursprung dieses großen Künstlers, dieses mystischen Heiden, dieses Illuminaten, der sich so völlig von der Welt abzusondern vermochte, um mitten in Paris grausame Visionen, feenhafte Apotheosen der vergangnen Zeitalter erstrahlen zu sehn, auf die Spur zu kommen.

Mantegna und Jacopo de Barbarj, hie und da verworrne Verbindung mit Vinci, Farbenfieber à la Delacroix; aber der Einfluß dieser Meister blieb im ganzen genommen unmerklich. Ohne wirkliche Anlehnung blieb Moreau in der Kunst seiner Zeit einzig. Er stieg bis zu den ethnographischen Quellen hinauf, zu den Entstehungen der Götterlehre, deren blutige Rätsel er verglich und entwickelte; er vereinigte die Legenden des äußersten Orients, die sich danach mit dem Glauben der andern Völker zu einer einzigen verschmolzen.

Er rechtfertigte somit seine architektonischen Verschmelzungen, sein verschwenderisch unerwartetes Gemisch von Stoffen, seine unheimlich sinnbildlichen Darstellungen, verschärft durch die aufregende Deutlichkeit einer modernen Nervosität.

Es war in seinen Werken ein eigentümlicher Zauber, ein Reiz, der einen bis ins tiefste Innre bewegt, wie einige Dichtungen Baudelaires: man bleibt erstaunt, träumerisch und bestürzt vor dieser Kunst, die die Grenzen der Malerei überschreitet und der Dichtung ihre zartesten Gestaltungen entlehnt. Diese zwei Bilder der Salome, für die Herzog Jean eine Bewunderung ohne Grenzen hegte, lebten unter seinen Augen, an den Wänden seines Arbeitszimmers.

Aber darauf beschränkten sich keineswegs seine Bilderankäufe.

Obgleich er den ersten und einzigen Stock seines Hauses, den er selbst nicht bewohnte, geopfert hatte, hatte das Erdgeschoß allein schon eine ganze Reihe Bilder verlangt.

Das Erdgeschoß war folgendermaßen eingeteilt: Ein Ankleidezimmer, das mit dem Schlafzimmer in Verbindung stand, befand sich in einem Flügel des Hauses; von dem Schlafzimmer ging man in das Bibliothekzimmer, von dort ins Eßzimmer, das den andern Flügel bildete.

Diese Zimmer, die die eine Vorderseite der Wohnung darstellten, dehnten sich in gerader Linie aus, und die Fenster sahn auf das Tal von Aunay hinaus.

Die andre Seite der Behausung bestand aus vier, den ersten ganz gleichen Zimmern. Die Küche, auf der entsprechenden Seite, stand mit dem Eßzimmer in Verbindung; dann folgte ein großer Hausflur, der als Eingang in das Bibliothekzimmer diente; eine Art Boudoir in Verbindung mit dem Schlafzimmer.

Diese letzten Zimmer gingen nach der entgegengesetzten Seite des Tales hinaus und sahn auf den Turm von Croy und Châtillon.

Die Treppe war an einem der Flügel des Hauses von außen angebracht; Herzog Jean hörte dadurch die Tritte seiner Dienstboten weniger deutlich.

Er hatte das Boudoir mit einem lebhaft roten Stoff ausschlagen lassen, und an allen Wänden des Raumes hingen in schwarzen Ebenholzrahmen Kupferstiche von Johann von Luyken, einem alten holländischen Kupferstecher, der in Frankreich fast unbekannt war.

Er besaß von diesem phantastischen, unheimlichen und grausamen Künstler die Serie seiner »Religionsverfolgungen«, wahrhaft entsetzliche Blätter, die die Martern des religiösen Wahnsinns vorstellten, Bilder, auf denen der Anblick unheimlicher menschlicher Qualen geboten wurde: Körper auf Kohlenglut gebraten, der Schädelhaut beraubte Köpfe, von Nägeln durchbohrt, tiefe Einschnitte, die von Sägen herrührten, Eingeweide aus dem Leibe gerissen und auf Knäule gerollt, langsam mit Zangen losgelöste Fingernägel, ausgestochne Augäpfel, Augenlider, die mit spitzen Instrumenten umgekehrt waren, verrenkte Glieder, mit Sorgfalt gebrochen, bloßgelegte Knochen, langsam mit der Klinge des Messers abgeschabt.

Diese Werke, abscheuliche Phantasiegebilde, die nach verbranntem Menschenfleisch rochen, Blut schwitzten und erfüllt waren vom Schrei des Entsetzens und der Verfluchung, ließen dem Herzog Jean, den sie mit verhaltnem Atem in dieses rote Kabinett bannten, geradezu eine Gänsehaut überlaufen.

Aber außer dem Schauder, den sie ihm bereiteten, außer der gewaltigen Begabung dieses Künstlers, dem außerordentlichen Leben seiner Figuren, entdeckt man bei seinem erstaunlichen, seltnen Talent zur Gruppierung, die er mit einer an Callot erinnernden Geschick lichkeit und Schärfe zur Ausführung bringt, wunderbare Fähigkeiten zur Wiedergabe gewisser Zeitstadien: z.B. seine Architekturen, Kostüme und Sitten zur Zeit der Makkabäer, dann während der Christenverfolgung zu Rom; in Spanien, unter der Herrschaft der Inquisition; in Frankreich im Mittelalter, sowie zur Zeit der Pariser Bluthochzeit und der Dragonaden, die alle mit peinlicher Sorgfalt aufgefaßt und mit außerordentlicher Kunst wiedergegeben sind.

Diese Kupferstiche waren treffliche Quellen für mancherlei Aufschlüsse; man konnte sie stundenlang betrachten, ohne zu ermüden; sie führten zum Nachdenken und halfen dem Herzog Jean oft die Zeit töten, wenn er keinen Sinn zum Lesen hatte.

Auch das Leben von Luyken hatte einen gewissen Reiz für ihn. Eifriger Calvinist, verstockter Sektierer, vernarrt in Hymnen und Gebete, stellte er religiöse Poesien zusammen, die er gleichsam illustrierte. Er schrieb die Psalme in Verse um, vertiefte sich in die Bibel, von der er entzückt und gleichzeitig erschüttert wurde.

Dabei verachtete Luyken die Welt, überließ all seinen Besitz den Armen und lebte von trocknem Brot; schließlich hatte er sich mit einer alten, durch ihn fanatisierten Dienerin eingeschifft. Er fuhr aufs Geratewohl hinaus, lief mit seinem Schiff hier und dort an und predigte überall das Evangelium, versuchte selbst ohne Essen zu leben, bis er beinahe verrückt wurde. –

In dem größern Raum nebenan, in der mit Zedernholz in Zigarrenkistenfarbe bekleideten Vorhalle hingen andre Kupferstiche, andre Zeichnungen übereinander.

Die »Todes-Komödie« von Bresdin. In einer unmöglichen Landschaft, mit Bäumen, Dickicht und Gehölz bedeckt, die die Formen von Dämonen und Gespenstern angenommen hatten und zwischen denen sich Vögel mit Rattenköpfen mischten, auf einem Boden, der mit Rippen, Wirbelknochen und Schädeln besät war, richteten sich knorrige, gespaltne Weiden in die Höhe, von Skeletten überragt, die die Arme in der Luft bewegen; ein Strauch stimmt einen Siegesgesang an, während Christus in den mit Wölkchen bedeckten Himmel flieht, ein Einsiedler im Hintergrund einer Grotte, den Kopf in den Händen vergraben, nachdenkend sitzt, und ein Bettler, durch Entbehrungen und Hunger abgezehrt, ausgestreckt auf dem Rücken, die Füße in einem Pfuhl, der Entkräftung erliegt.

Der »Gute Samariter« von demselben Künstler, als große Federzeichnung auf Stein abgezogen. Ein wunderlicher Wirrwarr von Palmenbäumen, Ebereschen und Eichen, die nebeneinander wachsen, ohne Rücksicht auf Jahreszeit und Klima; ein Stück Urwald, voll von Affen, Eulen, Nachtfaltern und bucklig-alten Baumstümpfen, so mißgestaltet wie die Wurzeln des Alrauns.

Aber obgleich Herzog Jean die Feinheit der Details und die hohen Schönheiten dieses Kupferstiches schätzte, so hielt er sich doch noch öfter vor den Zeichnungen auf, die den Raum schmückten.

Es waren in ihren Leisten aus rohem Birnbaumholz mit schmalem Goldrand unbegreifliche Erscheinungen von Odilon Redon. Das Haupt eines Merowingers auf einer Schale; das eines bärtigen Mannes, ein Mittelding zwischen einem chinesischen Priester und einem Volksredner, der mit seinem Finger eine kolossale Kanonenkugel berührt; dann eine abscheuliche Spinne, die in der Mitte ihres Körpers ein menschliches Angesicht trägt. Ferner Kohlenzeichnungen, die den Schrecken des Träumers darstellen, der von Verdauungsqualen gepeinigt wird.

Dann wieder ein großer Würfel, aus dem ein halbgeschloßnes trauriges Auge blinzelt; dort dürre unfruchtbare Landschaften, kalzinierte Ebenen, Umwälzungen des Erdbodens, vulkanische Aufruhre, vom Sturm gepeitschte Wolken und unbeweglich fahle Himmel; ein unnatürlicher Blumenreichtum entfaltet sich auf Felsen; überall erratische Blöcke, schmutzige Eisgruben, Gestalten, deren affenartiger Typus und dicke Backenknochen, deren hervorstehende Augenbrauen, schiefe Stirn und eingedrückte Schädel an die Köpfe unsrer Vorfahren erinnern.

Diese Zeichnungen waren ohne Beispiele in der Kunst, sie überschritten die Grenzen der Malerei und führten wunderlich phantastische Neuerungen ein, Gebilde der Krankheit und des Fieberwahns.

Diese Gesichter, diese maßlos vergrößerten und mißgestalteten wie durch eine Karaffe gesehnen Körper riefen bei Herzog Jean Erinnerungen an Typhus wach, Erinnerungen, die ihm von fieberhaften Nächten und schrecklichen Visionen seiner Kindheit geblieben waren.

Erfaßt von einem unbeschreiblichen, durch diese Zeichnungen erzeugten Unbehagen, wie er es empfand bei gewissen »Sprichwörtern« Goyas, an die sie erinnerten, oder wie beim Schluß einer Lektüre von Edgar Poë, von dem Odilon Redon die Fata Morgana der Sinnestäuschungen und die Wirkungen der Furcht in verschiedenartiger Kunst ererbt zu haben schien, rieb er sich die Augen und betrachtete eine strahlende Figur, betitelt die »Schwermut«, die vor der Sonnenscheibe in einer gedrückten, trüben Stellung auf einem Felsen sitzt.

Wie durch Zauber verschwinden diese Schatten, eine sanfte Traurigkeit, eine kraftlose Verzweiflung bemächtigt sich seiner Gedanken, und er stellt lange Betrachtungen vor diesem Werke an.

Außer dieser Sammlung von Zeichnungen von Redon, die fast alle Wände des Vorzimmers zierten, hatte Herzog Jean in seinem Schlafzimmer eine sonderbare Skizze von Theocopuli: einen Christus. Es war ein Bild in unnatürlichen Farbentönen, von übertriebnen Linien und grausamer Färbung, ein Bild der zweiten Periode dieses Künstlers, als er die Idee aufgegeben hatte, nicht mehr Tizian ähnlich zu sein.

Diese unheimliche Malerei, die in Wachsfarbe und Leichengrün ausgeführt zu sein schien, entsprach nach des Herzogs Ansicht einer gewissen Übereinstimmung mit dem Mobiliar.

Seiner Meinung nach gab es nur zwei Arten, um ein Schlafzimmer einzurichten: entweder ein Alkoven, der Ort nächtlicher Ergötzung, oder ein Plätzchen der Ruhe und Einsamkeit, eine Zufluchtsstätte des Gedankens, eine Art Betzimmer.

Nachdem er die Frage von allen Seiten beleuchtet hatte, folgerte er, daß das zu erreichende Ziel sich darin zusammenfassen ließe: mit freundlichen Gegenständen eine traurige Sache zu schaffen, oder vielmehr, wenn man dem Schlafgemach auch den Charakter der Häßlichkeit läßt, doch dem Ganzen eine Art von Eleganz und Vornehmheit aufzudrücken. Durch die Optik des Theaters, dessen gemeiner Flitterkram wie kostbare und teure Gewebe aussieht, die absolut entgegengesetzte Wirkung zu erzielen, indem man sich prächtiger Stoffe bedient, um ihnen den Anstrich der Dürftigkeit zu verleihn; mit einem Wort eine Kartäuserklause herzustellen, die aussah wie eine wirkliche.

Er verfuhr in folgender Weise: um die ockerartige Mauerfarbe, das vorgeschriebne geistliche Gelb, nachzuahmen, ließ er die Wände mit safrangelber Seide bekleiden. Um aber die Schokoladenfarbe der Paneele wiederzugeben, ließ er sie mit violettfarbnen Holzleisten, die mit Amarantfarbe dunkel gebeizt waren, bekleiden. Die Wirkung war frappant; sie konnte von weitem an die düstre Starrheit des Vorbilds erinnern. Der Plafond wurde in Gelbweiß tapeziert, das den Kalk ersetzte, ohne dessen grellen Schein zu haben. Die kalten Steine der Zelle gelangen in der Nachbildung ziemlich gut durch einen Teppich, dessen Muster rote Fliesen vorstellte, mit weißlichen Stellen in der Wolle, die die Abnutzung durch Sandalen und die Reibung durch Stiefel darstellen sollten.

Er möblierte dieses Gemach mit einem kleinen eisernen Bett, einer Art Mönchsbett, aus antikem Eisen geschmiedet und poliert, am Fußende mit reich aufgetragnen Verzierungen versehn.

Die Stelle eines Nachttisches vertrat ein Betstuhl, dessen Innres ein Nachtgeschirr enthalten konnte und dessen Außenseite eine Kirchenagenda trug. Gegenüber an der Mauer ließ er einen Kirchenstuhl anbringen, der von einem durchbrochnen Altarhimmel überragt wurde, verziert mit vorspringenden Stützen. Die hohen Kirchenleuchter ersetzte er durch Lichter aus reinem Wachs, die er in einem besondern Geschäft kaufte, das nur Kirchenartikel führte, denn er hegte eine große Abneigung gegen Petroleum oder Stearin, kurz gegen alle und jede moderne Beleuchtung, da sie ihm zu grell und unzart erschien. –

Des Morgens in seinem Bett, ehe er einschlief, den Kopf auf dem Kopfkissen, versunken in die Betrachtung seiner Umgebung, stellte er sich leicht vor, daß er sich hundert Meilen von Paris befände, weit weg von der Welt, im Innern eines Klosters.

Und im Grunde genommen war die Täuschung leicht, da er ein Leben führte, das dem eines Mönchs fast gleichkam. Er hatte sich auf diese Weise die Vorteile der Abgeschlossenheit verschafft. Wie er seine Zelle zu einem warmen, angenehmen Zimmer gemacht hatte, hatte er sein Leben regelmäßig und bequem gestaltet, umgeben von Wohlbehagen, beschäftigt und dennoch frei. –

Vom Leben abgenutzt, von dem er nichts mehr erwartete, ward er einem Einsiedler gleich, reif für die Einsamkeit. Niedergedrückt wie ein Mönch und voll unendlicher Müdigkeit, war er beseelt von dem Bedürfnis nach Ruhe, von dem Wunsche, nichts mehr gemein zu haben mit den Profanen, die er für Nützlichkeitsfanatiker und Dummköpfe hielt.

Sechstes Kapitel.

Tief in seinen bequemen Lehnsessel vergraben, die Füße auf den vergoldeten Kugeln der Feuerböcke, die Pantoffel fast brennend von den Holzscheiten, die knisternd lebhafte Flammen ausstrahlten, legte Herzog Jean den alten Quartanten, in dem er las, auf einen Tisch, dehnte sich, zündete sich eine Zigarette an und verfiel dann in köstliche Träumereien, verfolgte mit verhängten Zügeln die Spur der Erinnerung, die ihm seit Monaten entfallen war und jetzt plötzlich wieder, durch das Einfallen eines Namens, hervorgerufen wurde.

Mit wunderbarer Deutlichkeit sah er nämlich die Verlegenheit seines Kameraden d'Aigurande vor Augen, als dieser in einer Versammlung standhafter Junggesellen die letzten Vorbereitungen zu einer Heirat offen gestehn mußte. Man protestierte laut dagegen, man malte ihm die Abscheulichkeit eines Zusammenschlafens in demselben Bett aus. Nichts half; vollständig in ihrem Banne glaubte er an die Intelligenz seiner künftigen Frau und behauptete sogar bei ihr außergewöhnliche Eigenschaften von Hingebung und Zärtlichkeit erkannt zu haben.

Herzog Jean war es, der von all den jungen Leuten allein den Freund in seinem Entschluß ermutigte, und dies von dem Augenblick ab, als er in Erfahrung gebracht hatte, seine Braut wünsche an der Ecke eines neuen Boulevards eine der modernen Wohnungen in Rotundenform zu beziehn.

Überzeugt von der unbarmherzigen Macht kleiner Miseren, die unheilvoller für starke Naturen sind als große, sowie im Hinblick auf die Tatsache, daß d'Aigurande kein Vermögen besaß und die Mitgift seiner Frau so gut wie Null war, sah er in diesem einfachen Wunsch eine unendliche Aussicht für lächerliche Unannehmlichkeiten.

D'Aigurande kaufte Möbel von runder Form, Spiegeltische, die, hinten ausgehöhlt, einen Kreis bildeten, die Gardinenstützen in Bogenform, Teppiche in Halbmondform, kurz ein ganzes Mobiliar, wie es eben auf Bestellung angefertigt wird.

Er bezahlte das Doppelte dafür. Als später seine Frau für ihre Toilette zu knapp bei Geld und endlich der Rotundenwohnung überdrüssig war und eine viereckige Etage beziehn wollte, paßte eben keins der Möbel mehr. Nach und nach wurde dieses lästige Mobiliar eine Quelle endlosen Verdrusses. Das frühere gute Einvernehmen, das schon durch das gemeinschaftliche Leben etwas locker geworden war, schrumpfte von Woche zu Woche mehr zusammen; sie gerieten in Zorn, warfen sich gegenseitig vor, nicht in einem Salon bleiben zu können, wo die Kanapees und Spiegeltische nicht einmal die Wände berührten und bei der geringsten Bewegung, trotz aller Keile, die man darunter gelegt hatte, wackelten. Auch fehlte das nötige Geld für die Ausbesserungen. Alles wurde ein Gegenstand des Streites und der Bitterkeit, von den Schubladen an, die sich in den nicht ordentlich feststehenden Möbeln gezogen hatten, bis zu den Spitzbübereien des Dienstmädchens, das von der Unachtsamkeit und den Zwistigkeiten profitierte, um die Kasse zu erleichtern. Mit einem Wort: das Leben wurde ihnen unerträglich. Er amüsierte sich außerhalb des Hauses; sie suchte daheim durch Übertretung des Ehegebots das Vergessen ihrer trüben und langweiligen Existenz zu ermöglichen.

»Mein Schlachtplan war richtig,« hatte sich damals der Herzog gesagt, der dies mit der Befriedigung eines Strategen vernahm, dessen Manöver gelungen waren. –

Er dachte jetzt vor seinem Feuer an die Trümmer dieses ehelichen Heims, deren Veranlassung sein guter Rat gewesen war. Er warf neue Scheite Holz in den Kamin und nahm flugs seine Träumereien wieder auf.

Andre Erinnerungen kamen ihm jetzt, die derselben Gedankenreihe angehörten.

Es war schon einige Jahre her, als er eines Abends in der Rue de Rivoli einem Laufburschen von ungefähr sechzehn Jahren begegnete, einem blassen, verschmitzt aussehenden Jungen, verführerisch wie ein Mädchen. Der sog mühevoll an einer Zigarette, deren Papier geplatzt war. Schimpfend rieb er gewöhnliche Küchenstreichhölzer an seiner Hose ab, die nicht fangen wollten, bis ihm keins mehr übrigblieb. Jetzt bemerkte er den Herzog, der ihn beobachtete. Er näherte sich ihm und bat ihn, an den Rand seiner Mütze greifend, um Feuer. Herr des Esseintes reichte ihm einige duftige Zigaretten von Dubêque, knüpfte dann eine Unterhaltung mit ihm an und veranlaßte ihn, seine Geschichte zu erzählen.

Die war äußerst einfach. Der Junge hieß Auguste Langlois und war bei einem Papparbeiter in der Lehre; er hatte seine Mutter früh verloren und wurde von seinem Vater oft nach Noten geprügelt.

Herzog Jean hörte ihn nachdenklich an: »Komm, wir wollen etwas zusammen trinken,« sagte er und führte ihn in eine Wirtschaft, wo er ihm starken Punsch vorsetzen ließ. Der Junge trank, ohne ein Wort zu sprechen. – »Möchtest du dich heute abend amüsieren?« fragte der Herzog. Dann hatte er den Kleinen zu Madame Laura, einer Dame geführt, die in der Rue Mosnier in der dritten Etage eine Auswahl von Blumenmacherinnen wie eine Reihe roter Zimmer, die mit runden Spiegeln, Kanapees, etc. etc. ausgestattet waren, hielt.

Dort hatte Auguste ganz verdutzt seine Mütze zwischen seinen Fingern gedreht und ein kleines Bataillon Frauenzimmer gesehn, die alle wie aus einem Munde riefen:

»Ach, der hübsche Junge!«

»Aber sag mal, Kleiner, du hast noch nicht das richtige Alter,« fügte eine stattliche Brünette mit gebogner Nase und großen dunkeln Augen hinzu, die bei Madame Laura die unvermeidliche Rolle der schönen Jüdin vertrat.

Herzog Jean schien dort zu Hause zu sein und unterhielt sich leise mit der Wirtin.

»Sei doch nicht bange, Dummkopf,« rief er dem Jungen zu. »Triff deine Wahl, ich bezahle.« Und er gab dem Kleinen einen leichten Stoß, so daß er auf den Diwan zwischen zwei der Schönen fiel.

Auf ein Zeichen der Wirtin rückten diese etwas zusammen, hüllten die Knie des Jungen mit ihren Röcken ein und hielten ihm ihre entblößten Schultern, die stark nach einem betäubenden Puder rochen, unter die Nase. Der arme Kleine rührte sich nicht mehr; sein Kopf wurde ganz heiß und rot, der Mund trocken; er schlug die Augen nieder und wagte nur verstohlen einige neugierige Blicke.

Wanda, die schöne Jüdin, küßte ihn und gab ihm gute Ratschläge, empfahl ihm, seinem Vater und seiner Mutter zu gehorchen, und zur selben Zeit glitten ihre Hände langsam über den Jungen hin, dessen veränderte Gesichtszüge konvulsivisch zuckten.

»Es ist also nicht deinetwegen, daß du heute abend kommst?« fragte Madame Laura den Herzog. »Aber zum Teufel, wo hast du nur den Schlingel aufgetrieben?« fing sie wieder an, als Auguste mit der Schönen in einem Nebenzimmer verschwunden war.

»Auf der Straße, meine Beste.«

»Du bist doch nicht betrunken?« murmelte die alte Wirtin. Und nach einiger Überlegung fügte sie mit einem mütterlichen Lächeln hinzu: »Du liederlicher Strick, dir steht nach frischer Ware der Sinn!«

Herzog Jean zuckte mit den Achseln. »Du irrst dich gehörig! ja vollständig,« entgegnete er. »Die Wahrheit ist, daß ich einfach versuche, mir einen Mörder zu bilden. Folge einmal aufmerksam meiner Beweisführung. Dieser Junge ist noch rein, doch hat er das Alter erreicht, wo das Blut zu wallen anfängt; er würde hinter den jungen Mädchen in seinem Viertel herlaufen, sich amüsieren und doch noch rechtschaffen bleiben, um schließlich sein bescheidnes Teil an einem momentanen Glück zu genießen, wie es den Armen eben beschieden ist. – So aber, wo ich ihn hierher führe, in die Mitte eures Paradieses, das er gar nicht ahnt und das ihm notgedrungen im Gedächtnis verbleibt, und indem ich ihm alle vierzehn Tage eine solch unverhoffte Wonne zuteil werden lasse, wird er sich an den Genuß des Fleisches gewöhnen. Es wird ihm systematisch zum Bedürfnis werden! Nehmen wir selbst an, daß er drei Monate braucht, bis der Genuß ihm absolut notwendig geworden ist – und mit den langen Zwischenräumen, die ich mache, laufe ich keine Gefahr, ihn zu übersättigen – nun, am Ende dieser drei Monate werde ich die kleine Rente, die ich dir einzahlen werde, aufheben, und dann wird er stehlen wie ein Rabe, um hierher kommen zu können; er wird alle Hebel in Bewegung setzen, um sich auf diesem Diwan und unter diesem Gas wälzen zu können.

Die Sache zum äußersten getrieben: er wird, wie ich hoffe, eines Tags seinem Herrn, der ihn dabei betrifft, wie er den Geldschrank öffnet, einfach den Hals umdrehn, und so ist, wie du siehst, mein schöner Zweck erreicht. Ich werde im Verhältnis meiner Mittel eben dazu beigetragen haben, einen Schurken mehr zu schaffen, ein Nahrungsmittel der edlen Justitia, was mir als Feind dieser verabscheuten Gesellschaft, die uns brandschatzt, gerade recht ist.« –

Die Frauenzimmer sahn ihn mit großen Augen an.

»Da bist du ja!« fing er wieder an, als er Auguste in den Salon zurückkommen sah, der sich rot und verlegen hinter der schönen Jüdin zu verstecken suchte.

»Nun, mein Junge, es ist schon spät, sag diesen netten Damen gefälligst Adieu.«

Und auf der Treppe teilte er ihm mit, daß er alle vierzehn Tage, ohne daß es ihn einen Heller koste, zu Madame Laura gehn könne; dann auf der Straße angelangt, sah er den ganz betäubten Jungen einen Augenblick lang an und schloß:

»Wir werden uns wohl nicht wieder sehn; geh schnell heim zu deinem Vater, dessen Hand untätig juckt und behalte das gewissermaßen schöne evangelische Wort: ›Tue den andern das, was du nicht willst, das sie dir tun‹ wohl im Gedächtnis. Mit dieser Lebensregel wirst du weit kommen. – Gute Nacht! Vor allen Dingen sei nicht undankbar, laß so bald wie möglich von dir hören, das heißt auf dem Wege der hochlöblichen Gerichtszeitung.« – –

»Der kleine Judas!« murmelte Herzog Jean vor sich, das Feuer schürend; – »sich sagen zu müssen, daß ich seinen Namen noch niemals unter Vermischtes gelesen habe! – Es sei denn, daß er schon mit dem Gericht zu tun gehabt hätte, seit ich in Fontenay bin, wo ich keine Zeitungen mehr lese.«

Er stand auf und ging ein paarmal im Zimmer auf und ab.

»Es wäre trotz alledem schade,« sagte er sich, »denn indem ich so handelte, machte ich das weltliche Gleichnis wahr, die Allegorie der allgemeinen Lehre, die nach nichts Geringerm strebt, als alle Menschen in einen ›Langlois‹ zu verwandeln, und sich den Kopf zerbricht, statt endlich den Elenden aus Mitleid die Augen auszustechen, um sie ihnen ganz und mit Gewalt zu öffnen, damit sie um sich herum nur unverdiente und mildre Schicksale sehn, verfeinerte und schärfre Genüsse wittern, die ihnen darum um so ersehnter und begehrenswerter erscheinen. –«

»Und die Tatsache ist,« fuhr der Herzog in seiner Schlußfolgerung fort, »die Tatsache ist die, daß der Schmerz eine Wirkung der Erziehung ist, daß er sich erweitert und schärft, je nachdem die Ideen entstehn: je mehr man sich also befleißigt, den Verstand und das Nervensystem der armen Teufel zu verfeinern, desto mehr wird man die gewaltig lebenskräftigen Keime des moralischen Leidens und Hasses in ihnen anfachen und entwickeln.« – –

Die Lampen kohlten. Er zog sie auf und sah nach der Uhr: drei Uhr morgens. – Er zündete sich eine Zigarette an und vertiefte sich von neuem in die durch seine Träumereien unterbrochne Lektüre des lateinischen Gedichts »De laude castitatis«, das unter der Regierung des Gondebald von Avitus, des Erzbischofs von Wien, geschrieben worden ist.

Siebentes Kapitel.

Seit jener Nacht, in der er ohne augenscheinliche Ursache die melancholische Erinnerung an Auguste Langlois wachgerufen hatte, lebte sein ganzes früheres Leben wieder in ihm auf.

Er war unfähig, ein Wort der Bücher zu verstehn, die er zu Rate zog; selbst seine Augen lasen nicht mehr; es war ihm, als wenn sein Geist, von Literatur und Kunst übersättigt, sich weigerte, mehr in sich aufzunehmen.

Er lebte nur noch in sich selbst, nährte sich von seinem eignen Mark, gleich Tieren während des Winterschlafes; denn die Einsamkeit hatte wie ein Schlaftrunk auf sein Gehirn gewirkt. Nachdem sie ihn anfangs entkräftet und hingehalten hatte, brachte sie schließlich eine Empfindungslosigkeit mit unbestimmten Träumereien in ihm hervor; sie vernichtete seine Absichten, brach seinen Willen, führte ihm eine Reihe von Träumen vor, die er passiv ertrug, ohne auch nur zu versuchen, sich ihnen zu entziehn.

Die verworrne und ungeregelte Lektüre, das künstliche Denken, dem er sich seit seiner Zurückgezogenheit hingegeben hatte, glich einem Damm, mit dem er seine alten Erinnerungen umgab; dieser Damm war plötzlich gewaltsam durchbrochen, die Flut setzte sich in Bewegung, riß Gegenwart und Zukunft mit sich, um alles gleichsam unter Wasser zu setzen und seinen Geist mit einer unendlichen Traurigkeit zu erfüllen, auf der unbedeutende Ereignisse seines Lebens und alberne Nichtigkeiten wie Strandgut umherschwammen.

Das Buch, das er in der Hand hielt, fiel oft achtlos auf den Boden; er ließ sich gehn, ließ voll Widerwillen und Scham die Jahre seines vergangnen Lebens an sich vorüberziehn.

Was war das für eine Epoche!

Er versetzte sich in die Zeit der vornehmen Abendgesellschaften, der Rennen, des Spiels, seiner Liebeleien. Er erinnerte sich der Gesichter, der Mienen, der nichtssagenden Worte, die ihn mit der Hartnäckigkeit trivialer Melodien verfolgten, die man wohl gegen seinen Willen summt, die sich aber schließlich mit einemmal, und ohne daß man daran denkt, wieder verlieren. Diese Periode war von kurzer Dauer. Es trat darauf Gedächtnisruhe ein; er versenkte sich aufs neue in seine lateinischen Studien, um die Rückblicke selbst bis zum Eindruck zu verwischen.

Doch der Reigen war eröffnet, fast unmittelbar folgte eine zweite Phase, nämlich die Erinnerungen seiner Kindheit, besonders an die Jahre, die er bei den Jesuiten zugebracht hatte.

Diese Erinnerungen waren die entferntesten und doch klarsten seines Gedächtnisses, ihm scharf und tief eingegraben: der schattige Park, die langen Alleen, die Blumenbeete, die Bänke – alle die kleinen Einzelheiten stiegen in seiner Einsamkeit vor ihm auf. Er sah die Gärten sich beleben, hörte das Geschrei der Schüler, das Lachen der Lehrer, die sich während der Erholungsstunden unter die Schüler mischten und sich, den hochgeschürzten Priesterrock zwischen den Knien haltend, dem Ballspiel hingaben oder auch mit den jungen Leuten ganz ungezwungen wie Kameraden unter den Bäumen plauderten.

Die Jesuiten erlangten durch diese Methode einen wirklichen Einfluß auf das Kind, brachten es dahin, die geistigen Gaben, die sie kultivierten, gewissermaßen zu kneten, sie in eine bestimmte Richtung zu lenken, sie gleichsam mit besondern Ideen zu pfropfen, ihre Gedankenzunahme durch eine eindringlich einschmeichelnde Methode zu fördern, indem sie sich bemühten, ihren Schülern später, beim Eintritt in die Welt, zu folgen und sie zu unterstützen, indem sie ihnen liebevolle Briefe sandten, wie sie der Dominikaner Lacordaire an seine ehemaligen Zöglinge zu schreiben verstand.

Herzog Jean gab sich von dem Erziehungsverfahren Rechenschaft, das er, wie er sich einbildete, ohne Resultat hatte über sich ergehn lassen; sein Charakter, der allen Ratschlägen gegenüber rebellisch, spitzfindig, argwöhnisch und zum Widerspruch geneigt war, hatte ihn verhindert, durch ihre Zucht gebildet, ihren Lehren unterworfen zu werden. Einmal dem Kollegium entwachsen, hatte sein Skeptizismus nur noch zugenommen; sein Weg durch eine legitimistisch-unduldsame und beschränkte Welt, die Unterhaltung mit unwissenden Kirchenvorstehern und niedrigen Geistlichen, deren Ungeschicktheit den Schleier zerrissen hatte, der so kunstgerecht von den Jesuiten gewebt war, bestärkten nur noch seinen unabhängigen Geist und vermehrten sein Mißtrauen gegen jeden Glauben.

Er erachtete sich im ganzen genommen frei von jedem Band, von jedem Zwang; er hatte einfach, anders als alle andern, die im Lyzeum oder in weltlichen Pensionaten erzogen waren, der Anstalt und seinen Lehrern ein vortreffliches Andenken bewahrt; und jetzt, wo er mit sich zu Rate ging, kam er dahin, sich zu fragen, ob der Same, bislang auf unfruchtbaren Boden gefallen, nicht anfinge aufzugehn.

Und wirklich, seit einigen Tagen befand er sich in einem unbeschreiblichen Seelenzustand. Während eines Augenblicks glaubte er sich instinktmäßig der Religion zugeführt; bei der geringsten Beweisführung aber verflog seine Hinneigung zum Glauben; trotzdem blieb er voll Unruhe und Verwirrung.

Er wußte indessen wohl, indem er in sich ging, daß er niemals den Geist der wahrhaft christlichen Demütigung und Reue hätte; er wußte, daß der Augenblick, von dem der Pater Lacordaire spricht, dieser Augenblick der Gnade, »wo der letzte Lichtstrahl in die Seele dringt und die dort zerstreuten Wahrheiten in einem gemeinsamen Zentrum wieder fixiert,« für ihn niemals käme; er fühlte nicht das Bedürfnis der Demütigung und des Gebetes, ohne die nach der Wahrheit der Priester keine Bekehrung möglich ist; er empfand nicht den Wunsch, Gott anzuflehn, dessen Barmherzigkeit ihm am wenigsten wahrscheinlich schien; und doch brachte es die Sympathie, die er für seine ehemaligen Lehrer bewahrte, dahin, ihn für sie und ihre Doktrinen zu interessieren. Diese unnachahmliche Sprache der Überzeugung, diese begeisternden Stimmen höherer Intelligenz fielen ihm wieder ein und hatten zur Folge, daß er an seinem Geist und seinen Kräften zweifelte. In seiner Einsamkeit, ohne neue Nahrung, ohne frisch empfundne Eindrücke, ohne Erneuerung der Gedanken und Austausch von Empfindungen, die von außen kommen, in dieser unnatürlichen Verbannung, in der er eigensinnig verharrte, stellten sich alle Streitfragen, die er während seines Aufenthaltes in Paris vergessen hatte, von neuem wie aufregende Rätsel vor seinem Geist dar.

Die Lektüre der lateinischen Werke, die ihm sonst angenehm war, Werke meist von Bischöfen und Mönchen verfaßt, hatte ohne Zweifel zu dieser Krisis beigetragen. Eingehüllt in eine Klosteratmosphäre, in einen Duft von Weihrauch, der ihm den Kopf benahm, hatten sich die Nerven aufgeregt; durch eine Ideenverbindung hatten diese Bücher die Erinnerungen an seine Jugendzeit bei den Jesuiten wieder ans Licht gefördert.

»Die Sache ist klar,« sagte sich der Herzog Jean, indem er vernünftig nachzudenken und dem Gang dieser Einführung des Jesuitenelements in Fontenay zu folgen versuchte – »ich habe seit meiner Kindheit, und ohne es je gewußt zu haben, diesen Stoff, der noch nicht gegärt hatte, in mir selbst; diese Vorliebe, die ich immer für alle religiösen Sachen gehabt habe, ist vielleicht ein Beweis dafür.«

Dennoch versuchte er sich vom Gegenteil zu überzeugen; unzufrieden, nicht mehr unumschränkter Herr über sich selbst zu sein, holte er Gründe herbei. Er hatte sich notgedrungen der Geistlichkeit zuwenden müssen, da die Kirche allein die verloren gegangene Kunst und Form der Jahrhunderte gesammelt hatte; sie hat selbst bis zu den gewöhnlichen modernen Erzeugnissen herab die Formen der Goldschmiedekunst bewahrt, den Zauber der schlanken Kelche und der Hostiengefäße in ihrer edeln Rundung auf uns gebracht, sie hat sogar in dem modernen Aluminium, in unedeln Metallen, in farbigem Glas die Grazie der mittelalterlichen Formen beibehalten.

Die meisten der kostbaren Gegenstände, die im Museum von Cluny klassifiziert und wie durch Wunder der gemeinen Raubgier der Sansculotten entgangen sind, stammen aus den alten Abteien Frankreichs her. Ebenso wie die Kirche im Mittelalter die Philosophie, die Geschichte und Sprache vor dem Verfall geschützt hat, so hat sie auch die plastische Kunst hinübergerettet.

Bis zu unsern Tagen haben sich jene wunderbaren Muster von Geweben und Goldschmiedekunst erhalten, die die Fabrikanten kirchlicher Gegenstände verhunzen, ohne ganz auf die ursprüngliche entzückende Form verzichten zu können. Es war daher durchaus nicht überraschend, daß er hinter antiken Nippsachen hergejagt, daß er mit Hilfe zahlreicher Sammler die Reliquien bei den Antiquitätenhändlern in Paris und den Trödlern auf dem Lande aufgestöbert hatte.

Aber vergebens berief er sich auf diese Gründe; es gelang ihm nicht, sich vollständig zu beruhigen. Gewiß, indem er alles kurz zusammenfaßte, beharrte er dabei, die Religion als eine herrliche Legende, als eine großartige Betrügerei zu betrachten, und doch trotz all seiner Auslegungen fing sein Skeptizismus an zu wanken.

Die seltsame Tatsache bestand: er war jetzt weniger sicher als in seiner Kindheit, wo die Fürsorge der Jesuiten unmittelbar auf ihn gewirkt hatte, als er in ihren Händen, ohne Familienbande, ohne Einfluß von außen her, ihnen sozusagen mit Körper und Geist angehörte. Sie hatten ihm ebenfalls einen gewissen Geschmack für das Wunderbare eingeflößt, der sich langsam und unbemerkt in seiner Seele verzweigt hatte und der jetzt in der Einsamkeit aufblühte.

Beim Prüfen dieser seiner Gedanken, beim Suchen, ihre Fäden zu verbinden, die Quellen und Ursachen zu entdecken, kam er zu der Überzeugung, daß seine Handlungsweise während seines gesellschaftlichen Lebens von seiner Erziehung herrührte. Waren nicht seine Neigungen für das Verkünstelte, sein Verlangen nach dem Exzentrischen die Resultate besondrer Studien und Raffiniertheit? Gewissermaßen theologische Forschungen? Es waren im Grunde Erregungen und Begeisterungen zum Idealen, zum unbekannten Weltall, zu einer fern ersehnten Glückseligkeit, wie die, die uns die heilige Schrift verspricht.

Er hielt plötzlich an und brach den Faden seiner Betrachtungen ab.

»Mir scheint,« murmelte er verdrießlich, »daß ich noch mehr getroffen bin, als ich glaubte, da ich mich selbst mit Worten, wie ein Kasuist, bekämpfe.«

Er verblieb nachdenklich, von einer unbestimmten Furcht bewegt.

»Ach! ich werde stumpfsinnig,« sagte sich der herzogliche Einsiedler; »die Furcht vor dieser Krankheit wird, wenn das so weitergeht, schließlich die Krankheit selbst herbeiführen.«

Es gelang ihm, diesen Einfluß etwas abzuschütteln; seine Erinnerungen ließen nach, aber andre krankhafte Symptome machten sich bemerkbar; jetzt waren es die Gegenstände der Streitigkeiten allein, die ihn heimsuchten. Der Park, die Lehrer, die Jesuiten waren entschwunden. Er war gänzlich vom Abstrakten beherrscht; gegen seinen Willen dachte er an die widersprechenden Auslegungen der Glaubenssätze, an die verloren gegangnen Lossagungen von den Klostergelübden, die Pater Labbe in dem Werk über die Konzilien erwähnt. Brocken von diesen Kirchenspaltungen, Überbleibsel dieser Ketzereien, die während mehrerer Jahrhunderte die Kirchen des Westens und des Ostens trennten, fielen ihm wieder ein. Hier war es Nestorius, der der Jungfrau Maria den Titel Muttergottes streitig machte, weil im Mysterium der Inkarnation nicht Gott, sondern nur die menschliche Kreatur vorhanden war, die sie in ihrem Leibe getragen habe; da war es Eutyches, der da erklärte, daß das Bildnis Christi nicht dem der andern Menschen gleichen könnte, da die Gottheit, in seinem Körper domizilierend, die Form ganz und gar verändert habe; dann waren es wieder andre Zänker, die behaupteten, daß der Erlöser gar keinen Körper gehabt habe, daß dieser Ausdruck der heiligen Schrift nur bildlich zu nehmen sei; während sich Tertullian in seinem berühmten, beinahe materialistischen Axiom äußert: »Nichts, das ist, ist unverkörpert; alles was ist, hat einen Körper, der ihm eigen ist;« und schließlich diese alte, während langer Jahre erörterte Frage: »Ist Christus allein ans Kreuz geschlagen worden, oder hat die Dreieinigkeit, eins in drei Personen, in ihrer dreifachen Persönlichkeit am Kreuze Golgathas gelitten?«

Alles das trieb ihn an, drängte ihn – und mechanisch wie eine einmal gelernte Aufgabe stellte er sich selber Fragen und suchte sie zu beantworten. –

Während einiger Tage war es in seinem Gehirn wie ein Wimmeln von Paradoxen, wie ein Flug von Haarspaltereien. Dann verwischte sich aber die abstrakte Seite und eine ganz plastische folgte ihr unter der Wirkung der Gustav Moreauschen Bilder, die an den Wänden aufgehängt waren.

Er sah eine ganze Prozession von Prälaten an sich vorüberziehn: Archimandriten, Patriarchen, die ihre goldbekleideten Arme emporheben, um die kniende Menge zu segnen, und ihre weißen Bärte beim Lesen und Gebeteleiern schütteln; er sah ganze Züge schweigender Büßer in die dunkeln Totengrüfte hinabsteigen, dann wieder sich unermeßliche Dome erheben, in denen weiß gekleidete Mönche von der Kanzel herunter donnerten.

Nach und nach verschwanden schließlich diese Gesichte. Er sah von der Höhe seines Geistes herab das Panorama der Kirche wie ihren erblichen Einfluß auf die Menschheit seit Jahrhunderten; er stellte sie sich verzweifelnd und großartig vor, wie sie dem Menschen das Schreckliche des Lebens und die Unfreundlichkeit des Schicksals dartue, Geduld, Reue und Aufopferung predige, versuche, die Schmerzen zu heilen durch den Hinweis auf die blutenden Wunden Christi, göttliche Vorrechte versichre, den Betrübten den besten Teil des Paradieses verspreche, die menschliche Kreatur zum Leiden ermahne, damit der Mensch Gott seine Trübsale und Sünden, seine Mißgeschicke und seine Sorgen als Sühnopfer darbringe.

Hier faßte Herzog Jean wieder Fuß. Gewiß war er durch dieses Geständnis der sozialen Schändlichkeit befriedigt, wieder aber empörte ihn das unbestimmte Heilmittel der Hoffnung auf ein beßres Leben.

Schopenhauer war ehrlicher, seine Doktrinen und die der Kirche gingen von einem gemeinschaftlichen Standpunkt aus; er stützte sich ebenfalls auf die Ungerechtigkeit und Schändlichkeit der Welt, er stieß auch mit seiner »Nachfolge Jesu Christi« den schmerzlichen Ruf aus: »Es ist wirklich ein Elend, auf der Welt zu sein!« Er predigte auch die Erbärmlichkeit der Existenz, die Vorteile der Zurückgezogenheit, warnte die Menschheit, daß, was sie auch tun möge und nach welcher Seite sie sich auch drehe, sie immer nur unglücklich bleibe: arm wegen der Leiden, die aus den Entbehrungen hervorgehn, reich im Verhältnis zu der unbesiegbaren Langeweile, die der Überfluß erzeugt; aber er pries kein Universalmittel an, vertröstete mit keinem Köder, um dem unvermeidlichen Übel abzuhelfen.

Er unterstützt nicht das empörende System der Erbsünde; versucht nicht zu beweisen, daß der ein allgütiger Gott sei, der die Spitzbuben beschützt, der den Dummköpfen hilft, die Kindheit vernichtet, das Alter verdummt und die Unschuldigen bestraft; er rühmt nicht die Wohltaten einer Vorsehung, die diese nutzlose, unverständliche, ungerechte und alberne Abscheulichkeit, das physische Leiden, erfunden hat; er versucht keineswegs wie die Kirche die Notwendigkeit der Qualen und Prüfungen zu rechtfertigen. Ruft er doch in seiner empörten Barmherzigkeit aus: »Wenn ein Gott diese Welt gemacht hat, so möchte ich nicht dieser Gott sein; das menschliche Elend bräche mir das Herz!«

Ach! er allein hatte das Richtige getroffen! Was waren alle die evangelischen Quacksalber neben seinen Abhandlungen von geistiger Gesundheitspflege? Er beabsichtigte nichts zu heilen, bot dem Kranken keine Entschädigung, keine Hoffnung an; aber seine Theorie des Pessimismus war im Grunde genommen die große Trösterin der auserwählten Geister, aller erhabnen Seelen. Sie offenbarte die Gesellschaft, so wie sie ist und hob die angeborne Dummheit der Frauen hervor.

Diese Betrachtungen erleichterten den Herzog von einer schweren Last. Dieser große Deutsche bannte seinen Gedankenschauer und brachte ihn durch die Berührungspunkte seiner beiden Doktrinen dahin, daß er diesen ebenso poetischen wie rührenden Katholizismus, in dem er erzogen war und von dem er in seiner Jugend die Essenz in allen Poren eingesogen hatte, nicht zu vergessen vermochte.

Diese Rückgänge zur Gläubigkeit quälten ihn, besonders seit sich Verschlimmerungen seiner Gesundheit zeigten; sie trafen mit den neu hinzugetretnen nervösen Störungen zusammen.

Seit seiner jüngsten Kindheit war er von unerklärlichen Abneigungen gemartert worden, von Schauern, die ihm den Rücken kalt hinunterliefen, ihm die Zähne zusammenpreßten, wenn er zum Beispiel nasse Wäsche sah, die von einem Mädchen ausgerungen wurde. Diese Wirkungen waren verblieben; noch heute litt er ganz besonders, wenn er einen Stoff zerreißen oder mit dem Finger auf Kreide reiben hörte, oder wenn er moirierte Seide anfaßte.

Die Ausschweifungen seines Junggesellenlebens, die übertriebnen Anstrengungen seines Gehirns hatten sein ursprüngliches Nervenleiden außerordentlich verschlimmert und das schon von seinen Vorfahren arg verbrauchte gesunde Blut nur noch verringert. In Paris hatte er bereits Kuren der Kaltwasserheilkunst durchmachen müssen, vornehmlich gegen das Zittern der Hände und gegen die entsetzlichen Schmerzen der Neuralgie, die ihm das Gesicht zerrissen, die Schläfen wie mit Hammerschlägen bearbeiteten, ihm die Augenlider wie mit Nadeln zerstachen und ihm Übelkeit erzeugten, die er nicht anders zu bekämpfen vermochte, als dadurch, daß er sich im Dunkeln auf den Rücken legte.

Diese Zufälle waren infolge seines geregeltern, ruhigern Lebens langsam verschwunden. Jetzt machten sie sich aber von neuem in andrer Form geltend, indem sie den ganzen Körper durchliefen; die Schmerzen gingen vom Schädel zum Leib und durchbohrten ihn gleichsam mit einem glühenden Eisen. Dann folgte ein nervös trockner Husten, der zu einer bestimmten Stunde anfing, eine immer gleiche Anzahl von Minuten währte, ihn aufweckte und ihn im Bett fast erstickte. Sein Appetit hörte ebenfalls auf. Nach jedem Versuch zum Essen konnte er kein zugeknöpftes Beinkleid, keine fest zugemachte Weste mehr ertragen.

Er enthielt sich aller geistigen Getränke, des Kaffees und Tees, trank nur noch Milch, nahm seine Zuflucht wieder zu den kalten Abwaschungen, stopfte sich voll Asa fœtida, Baldrian und Chinin, wollte selbst das Haus verlassen, um ein wenig im Freien zu spazieren, als eben die Regentage eintraten, die das Land schweigend und eintönig machten. Als letztes Mittel verzichtete er vorläufig auf jede Lektüre und, von Langeweile verzehrt, entschloß er sich, um sein müßiges Dasein zu ändern, ein Projekt auszuführen, das er aus Bequemlichkeit und Haß gegen jede Störung fortwährend aufgeschoben hatte, seitdem er sich in Fontenay niedergelassen hatte.

Da er sich nicht mehr an den bezaubernden Wirkungen des Stils zu berauschen vermochte, sich nicht mehr an den entzückenden Überraschungen des schönen Pathos aufregen konnte, beschloß er die Ausstattung seiner Wohnung zu vollenden, sich seltne Treibhausblumen anzuschaffen, um sich auf diese Weise eine materielle Beschäftigung zuzugestehn, die ihn zerstreuen, seine Nerven erholen, sein Gehirn ausruhen ließe. Er hoffte, daß der Anblick ihrer seltsamen und prachtvollen Schattierungen ihn etwas entschädigte für die wahrhaft wunderlichen Farben des Stils, den seine literarische Diät ihn momentan vergessen oder verlieren ließ.

Achtes Kapitel.

Von jeher hatte der Herzog für Blumen geschwärmt.

Seit langem schon verachtete er die gewöhnlichen Pflanzen, denen man wohl in den flachen Körben auf den Pariser Märkten in angefeuchteten Töpfen unter den grünen Zelttüchern und roten Schirmen begegnet.

Wie sich sein literarischer Geschmack und sein Kunsturteil verfeinert und sich sein Überdruß an allgemein verbreiteten Ideen verstärkt hatte, so hatte sich auch seine Zärtlichkeit für Blumen von jedem Bodensatz und jeder Hefe losgemacht und geklärt.

Er verglich den Laden eines Gärtners mit einem Mikrokosmus, wo alle Klassen der Gesellschaft vertreten sind: jämmerliche, elende und erbärmliche Blumen, die sich nur auf den Fensterbrettern der Dachkammern wohl befinden, deren Wurzel oft in Milchtöpfe und alte Schalen gesteckt wird, wie zum Beispiel der Goldlack; anspruchsvolle und dumm gefallsüchtige Blumen, wie sie von jungen Mädchen auf Porzellantöpfe, wie zum Beispiel die Rose, gemalt werden; schließlich die Blumen hohen Geschlechts, wie die Orchideen, zart und reizend, zitternd und fröstelnd, exotische Blumen, die, nach Paris verbannt, in warmen Glaspalästen gezüchtet werden, Prinzessinen des Pflanzenreichs, die, für sich lebend, nichts gemein haben mit den Pflanzen der Straße und dem bürgerlichen Blumenflor.

Nichtsdestoweniger fühlte er ein gewisses Mitleid mit den niedern Blumen, die durch die Ausströmungen der Kloaken und Dünste aller Art in den ärmlichen Vierteln entkräftet werden; seine wirkliche Augenfreude waren die vornehmen und seltnen Pflanzen von weither, die mit größter Sorgfalt durch künstliche Ofenwärme erhalten werden.

Dieser entschiedne Vorzug der Treibhausblume hatte sich ebenfalls durch den Einfluß seiner allgemeinen Ideen ausgebildet. Damals in Paris hatte ihn seine natürliche Vorliebe für das Künstliche dahin geführt, die wirkliche Blume gegen ihr treu nachgeahmtes Bild aufzugeben, das dank den Wundern des Gummis, des Drahtes, des Taffets, des Papiers und des Sammts sein buntes Scheinleben führte.

Er besaß eine wunderbare Sammlung künstlicher tropischer Pflanzen, von den Händen tüchtiger Arbeiter angefertigt.

Diese bewunderungswürdige Kunst hatte ihn lange bezaubert, aber er träumte jetzt von der Zusammenstellung einer andern Flora.

Er machte sich daher daran, die Treibhäuser der Avenue de Châtillon und des Dorfes d'Aunay zu besuchen, kam todmüde nach Hause, die Börse leer, aber entzückt über die Tollheiten der Pflanzenwelt, die er gesehn hatte.

Er dachte nur noch an die Sorten, die er erworben hatte, ruhelos verfolgt von dem Gedanken an die prachtvollen und seltsamen Blumenbeete.

Zwei Tage später kamen mehrere Wagen. Mit der Liste in der Hand rief der Herzog seine Einkäufe auf und prüfte einen nach dem andern.

Die Gärtner hoben von ihrem Karren eine Sammlung von Caladien, die an gedunsenen haarigen Stielen enorme schildförmige Blätter trugen. Alle hatten einen Zug von Verwandtschaft miteinander, ohne sich indessen gleich zu sein.

Es waren darunter ganz ungewöhnliche rosenfarbige, solche wie die Virginale, die aus Wachstuch oder englischem Pflaster geschnitten zu sein schien; ganz weiße, wie der Alban, den man aus einer durchsichtigen Schweinsblase hergestellt wähnte; einige, besonders Madame Mama, sahen aus wie Zink, auf dem kleine Stückchen gestanzten Metalls glänzen, in kaisergrüner Farbe, wie mit Tropfen Ölfarbe, rotem Bleioxyd oder Bleiweiß bespritzt; andre, wie der Bosporus, glichen täuschend gestreiftem Kattun, rot und myrtengrün gesprenkelt; wieder andre, wie die Aurora Borealis, breiteten ihre fleischfarbnen Blätter aus, mit purpurroten Rändern und violetten Fäserchen, ein aufgeschwollnes Blatt, das rötlichen Wein und Blut schwitzte.

Die Gärtner brachten neue Varietäten, die einer künstlichen Haut, von roten Adern durchzogen, glichen; und die Mehrzahl, wie zerfressen von Aussatz, spannten ihr bleiches Fleisch aus, gefleckt mit Ausschlag und behaftet mit Flechten; andre hatten den hellen rosa Ton von sich schließenden Wunden, oder die bräunliche Färbung des sich bildenden Schorfes; noch andre waren wie von Ätzmitteln verbrüht und von Brandwunden zerstört; wieder andre zeigten eine haarige Haut wie von Geschwüren ausgehöhlt und vom Krebs zerfressen; noch andre schienen mit Verband belegt, mit quecksilberhaltiger schwarzer Schmiere und grüner Belladonnasalbe bestrichen, mit dem gelben Glimmer des Jodpulvers gesprenkelt.

»Potztausend!« rief er entzückt aus.

Eine neue Pflanze von gleichartigem Modell wie das des Caladium, die Alocasia Metallica begeisterte ihn noch mehr. Sie war wie mit einer Schicht grüner Bronze überstrichen, über die silberne Reflexe hinliefen; es war ein Meisterwerk der Unnatürlichkeit, man möchte sagen, es gliche einem Stück Ofenrohr, von einem Töpfer aus grünem Eisen gefertigt.

Die Leute luden dann rautenförmige, flaschengrüne Blattpflanzen ab, in deren Mitte ein Stäbchen aufstieg, an dessen Ende ein großes Herzas schwankte, gelackt wie die spanische Pfefferschote. Wie um die alltäglichen Erscheinungen der Pflanzen zu verhöhnen, sprang aus der Mitte von scharfem Rot ein fleischiger, faseriger, weiß und gelber Schwanz hervor, aufrecht bei den einen, bei den andern geringelt wie der Schwanz eines Schweines.

Es war das Anthurium, eine Arumart, kürzlich von Kolumbia nach Frankreich eingeführt; sie bildete einen Teil dieser Familie, zu der auch ein Amorphophallus gehörte; eine Pflanze aus Kochinchina mit fischstecherartig geschnittnen Blättern mit langen schwarzen, mit Narben bedeckten Stielen, gleich vernarbten Gliedern eines Negers.

Herzog Jean frohlockte.

Man hob einen neuen Schub von Ungeheuern aus dem Wagen: Echinopsen, deren in Watte gehüllte Blüten das häßliche Rosa eines verstümmelten Gliedes hatten; Nidularium, das in Säbelscheiden eine gähnende Öffnung zeigte; Tillandsia Lindeni, die schartige Messer von dicker, roter Farbe hervorsteckte; Cypripedium, mit wirrigen, zerrissnen Rändern, eine wahnsinnige Hervorbringung der Natur. Sie glichen einer kleinen Schale, einem Holzschuh, über dem sich eine menschliche Zunge aufschürzte mit ausgestrecktem Zungenband, wie man sie wohl in Werken, die Hals- und Mundkrankheiten behandeln, abgebildet findet. Zwei kleine Flügelchen, rot wie Ebereschen, die einer Kindermühle entnommen zu sein schienen, vervollständigten dieses lächerliche Gesamtbild.

Er konnte seine Augen nicht abwenden von dieser unglaublichen aus Indien kommenden Orchidee. Die Gärtner, die sich infolge der Verzögerungen langweilten, fingen jetzt an, mit lauter Stimme die an den Töpfen steckenden Zettel selbst vorzulesen.

Herzog Jean setzte seine Betrachtungen fort; er hörte nahezu bestürzt die rauhen Namen der grünen Pflanzen ankündigen: Encephalartos Horridus, eine riesenhaft eiserne Artischocke, rostfarbig gezeichnet, so, wie man sie auf die Türen der Schloßmauern steckt, um das Übersteigen zu verhindern; Cocos Micania, eine Art Palme, zackig und schlank, allseitig von hohen Blättern gleich indianischen Rudern umgeben; Zamia Lehmanni, eine ungeheure Ananas, wie ein gewaltiger Chesterkäse in Heideland gepflanzt und auf seiner Spitze mit widerhakigen Wurfspießen besät; Cibotium Spectabile, das alle Gattungen durch seine wahnsinnige Form überbietet; aus einem palmigen Blätterwerk schießt der enorme Schwanz eines Orang-Utangs heraus, ein haarig brauner Schwanz, am Ende wie zu einem Bischofsstab abgerundet.

Aber der Herzog beachtete sie kaum und wartete nur mit Ungeduld die Serie von Pflanzen ab, die ihn vor allen bezauberten, die vegetabilischen leichenfressenden Kobolde, die fleischverzehrenden Pflanzen, Gobe-Mouche, der Fliegenfänger der Antillen, mit dem faserigen Rand, der eine Verdauungsflüssigkeit absondert und mit gebognen Stacheln versehn ist, die sich übereinander krümmen und ein Gitter über dem Insekt bilden, das er einschließt; die Drosera des Torflandes, mit drüsenartigen Haaren besetzt; die Sarracena, der Cephalothus mit seinen offnen, gefräßigen Hörnchen, fähig, wirkliches Fleisch zu verdaun und aufzuzehren; schließlich noch Nepenthes, dessen Phantasien alle Grenzen der exzentrischen Form überschreiten.

Er wurde nicht müde, den Topf in seinen Händen zu drehn und umzudrehn, aus dem diese Extravaganz der Flora hervorkam. Die Pflanze erinnerte an den Gummibaum, von dem sie auch die länglichen Blätter hatte, mit ihrem dunkeln metallischen Grün; aber am Ende dieses Blattes hing ein grüner Bindfaden, der sich einer Nabelschnur vergleichen läßt und eine grünliche Urne trägt, violett marmoriert, eine Art deutsche Porzellanpfeife oder sonderbares Vogelnest, das sich ruhig hin und her wiegte und ein mit Haaren besetztes Innre zeigte.

»Die hat es weit gebracht,« murmelte der Herzog.

Er mußte sich seinem Entzücken entreißen, denn die Gärtner, die es eilig hatten, leerten den Boden ihrer Karren und stellten knollige Begonien und schwarze Krebsblumen auf die Erde.

Der Herzog bemerkte, daß noch ein Name auf der Liste blieb. Der Cattleya von Neu-Granada; man bezeichnete ihm eine geflügelte Glocke von verwischtem, fast verblaßtem Lilablau; er ging näher und steckte seine Nase hinein, doch prallte er erschrocken zurück; sie strömte einen Geruch von lackiertem Tannenholz aus, wie der von Spielzeugschachteln, die ihm die Schrecken eines Neujahrstages wachriefen.

Er dachte, daß es gut wäre, ihr zu mißtrauen, bedauerte fast, zwischen den geruchlosen Pflanzen, die er besaß, diese Orchidee zugelassen zu haben, die so unangenehme Erinnerungen erweckte.

Als er allein war, betrachtete er diese Menge von Gewächsen, die sein Vorzimmer füllte; sie mischten sich miteinander, kreuzten ihre Degen, ihre langen Dolche, ihre eisernen Lanzen, sie bildeten eine grüne Gewehrpyramide, über der, gleich barbarischen Lanzenfähnlein, Blumen von blendendem, hartem Ton schwebten.

Die Luft in dem Raum verdünnte sich; bald darauf schlängelte sich ein weißes, sanftes Licht im Dunkel eines Winkels und nahe dem Fußboden.

Er trat hinzu und bemerkte, daß es die Rhizomorphen waren, die beim Atmen gleichsam einen Nachtlampenschimmer ausstrahlen.

»Diese Pflanzen sind geradezu erstaunlich,« sagte er zu sich; dann trat er zurück und warf einen Blick auf den Haufen: sein Zweck war erreicht. Keine einzige machte den Eindruck des Natürlichen; Stoff, Papier, Porzellan, Metall, sie schienen der Natur vom Menschen geliehn zu sein, um solche Extravaganzen hervorzubringen.

»Es ist wahr,« fuhr Herzog Jean fort, »daß in den meisten Fällen die Natur allein unfähig ist, solche ungesunden, verdorbnen Gattungen zu erzeugen; sie liefert den ersten Stoff, den Keim und den Boden, die Nährmutter und die wesentlichen Bestandteile der Pflanze, die der Mensch aufzieht, modelliert, malt und schnitzt je nach seinem Gefallen.

So eigensinnig, so verworren, so beschränkt sie auch ist, sie hat sich schließlich ergeben, und ihr Meister hat es dahin gebracht, durch chemische Gegenwirkungen die Substanzen der Erde zu verändern, lang gereifte Zusammenstellungen, langsam vorbereitete Kreuzungen anzuwenden, sich geschickter Ableger, methodischer Pfropfreiser zu bedienen, und er bildet jetzt auf demselben Zweig Blumen verschiedner Farbe, erfindet für sie neue Nuancen und ändert nach seinem Willen die hundertjährige Form ihrer Pflanzen; er schleift die Blöcke ab, vollendet die Entwürfe, zeichnet sie mit seinem Stempel, drückt ihnen sein Kunstsiegel auf.

»Kein Zweifel,« meinte er und faßte seine Betrachtungen zusammen, »der Mensch kann in wenigen Jahren eine Zuchtwahl herbeiführen, die die faule Natur nur nach Jahrhunderten hervorzubringen vermag; heutzutage sind entschieden die Gärtner allein die wahren Künstler.«

Er fühlte sich etwas angegriffen und erstickte fast in der Atmosphäre der eingeschloßnen Pflanzen; die Wege, die er seit ein paar Tagen gemacht hatte, hatten ihn ermüdet; der Wechsel der freien Luft und der lauwarmen Temperatur seiner Wohnung, die Unbeweglichkeit eines zurückgezognen Lebens und die Bewegung eines freien Daseins waren zu schroff gewesen. Er verließ sein Vorzimmer und legte sich aufs Bett; aber mit einem einzigen Gegenstand beschäftigt, wie durch eine Federkraft in Bewegung gesetzt, fuhr der Geist, obgleich eingeschläfert, fort, seine Kette abzuwickeln; und es dauerte nicht lange, bis er der düstern Macht des Alps verfiel.

Er befand sich in einer Allee mitten im Gehölz. Es dämmerte, er ging an der Seite einer Frau, die er nie gekannt, noch je gesehn hatte. Sie war mager, hatte flachsgelbes Haar, ein Bulldoggengesicht voller Sommersprossen, schiefe Zähne, die unter der Stumpfnase hervorstanden. Sie trug eine große weiße Schürze, ein Tuch aus Büffelleder über die Brust geschlagen, halbhohe preußische Soldatenstiefel und eine schwarze Haube mit Rüschen verziert.

Sie schien eine Fremde und sah aus wie eine dem Jahrmarkt entlaufne Gauklerin.

Er fragte sich, wer dieses Weib sein möge, das er schon seit langem in seiner Intimität fühlte; er suchte vergeblich nach ihrem Ursprung, ihrem Namen, ihrem Gewerbe, ihrem Recht, neben ihm zu sein; ihm kam keine Erinnerung an diese unerklärliche Bekanntschaft, die doch zweifellos war.

Er forschte noch immer in seinem Gedächtnis, als plötzlich vor ihnen eine seltsame Figur zu Pferde erschien, die plötzlich herantrabte und sich dann im Sattel herumdrehte.

Jetzt erstarrte sein Blut vor Schrecken in den Adern, wie gebannt blieb er an seinem Platz. Dieses doppelsinnige Gesicht, ohne Geschlecht, war grün, mit entsetzlichen Augen von kaltem, klarem Blau, die unter violetten Augenlidern hervorsahn; Ausschlag umgab den Mund; außergewöhnlich magre Arme, wie die eines Skeletts, nackt bis zum Ellbogen, staken aus zerrißnen Ärmeln hervor, zitternd vor Fieber, und fleischlose Lenden klapperten in übergroßen Reiterstiefeln.

Der entsetzliche Blick dieser Augen heftete sich auf Herzog Jean, durchdrang ihn, erstarrte ihn bis zum Mark; die Frau mit dem Bulldoggengesicht klammerte sich in wahnsinniger Angst an ihn, stieß ein Todesgeheul aus, den Kopf auf den steifen Hals hintenüber geworfen.

Und sogleich begriff er den Sinn dieser furchtbaren Erscheinung. Er hatte das Bildnis der Lustseuche vor sich.

Außer sich und von Furcht getrieben warf er sich in einen Querweg, erreichte laufend einen Pavillon, der zwischen Ebenholzbäumen stand; dort sank er in einem Korridor auf einen Stuhl nieder.

Nach einigen Minuten, als er anfing wieder zu Atem zu kommen, vernahm er ein Schluchzen neben sich, er richtete den Kopf in die Höhe ... die Frau mit dem Bulldoggenkopf stand vor ihm; und jämmerlich grotesk weinte sie heiße Tränen, jammernd, daß sie während der Flucht ihre Zähne verloren habe, indem sie aus der Tasche ihrer großen weißen Schürze Tonpfeifen hervorzog, die sie zerbrach; und die Stücke der weißen Röhren steckte sie in die Löcher ihres Zahnfleisches.

Teufel, jetzt wird sie ganz verrückt, dachte der Herzog, die Pfeifenrohrstücke werden niemals festsitzen, – und in der Tat, sie fielen auch alle eins nach dem andern wieder aus.

Im selben Augenblick vernahm er den Galopp eines Pferdes. Eine furchtbare Angst erfaßte den Herzog; fast brachen seine Knie unter ihm zusammen; der Galopp kam näher; die Verzweiflung trieb ihn wie mit einem Peitschenhieb in die Höhe. Er warf sich auf das Weib, das auf den zerbrochnen Tonstücken herumtrampelte, und flehte sie an, ruhig zu sein, sie beide nicht zu verraten durch den Lärm ihrer Stiefel. Sie schlug mit Händen und Füßen um sich, er schleifte sie bis zum Ende des Korridors und erwürgte sie fast, um sie am Schreien zu hindern; plötzlich bemerkte er eine Wirtshaustür mit grünem Laden, ohne Klinke; er stieß sie auf, nahm einen Anlauf, blieb aber plötzlich stehn.

Vor sich, mitten in einer weiten Lichtung, sah er riesige, weiße Pierrots bei hellem Mondschein Bocksprünge machen.

Tränen der Entmutigung stiegen ihm in die Augen; niemals, nein niemals könnte er die Schwelle der Tür überschreiten.

Ich würde zertreten werden, dachte er, – und wie um seine Befürchtungen zu rechtfertigen, vervielfältigte sich die Zahl der ungeheuern Hanswürste; ihre Sprünge nahmen jetzt den ganzen Horizont und den ganzen Himmel ein, gegen den sie abwechselnd bald mit ihren Köpfen, bald mit ihren Füßen stießen.

Jetzt hielt das Pferd an. Es war da, ... hinter einem runden Fenster in dem Korridor; mehr tot als lebendig drehte sich der Herzog um und sah durch das Fensterchen hindurch die steifen graden Ohren, die gelben Zähne, die Nasenlöcher, aus denen Dampf strömte, der nach Phenol roch.

Er sank nieder; er verzichtete auf fernern Kampf wie auf die Flucht; er schloß die Augen und machte sich auf alles gefaßt, ersehnte selbst, nur um zu einem Ende zu kommen, den Gnadenstoß. Ein Jahrhundert, das zweifellos nur eine Minute dauerte, verging; zitternd und schaudernd öffnete er wieder die Augen. – Alles war verschwunden; ohne Übergang, wie durch einen Aussichtswechsel, wie durch einen Dekorationstrick sah er eine abscheuliche Landschaft von Gestein in der Ferne verschwinden, eine wüste, bleiche, durchwühlte, tote Landschaft; diese schaurige Gegend war von einem ruhigen weißen Licht erhellt, das an die Strahlen des in Öl aufgelösten Phosphors erinnerte.

Auf dem Boden bewegte sich etwas, das sich als ein sehr blasses, nacktes Weib erwies, dessen Beine mit grünen Strümpfen bekleidet waren.

Er betrachtete sie neugierig; wie mit heißem Eisen gebrannte Pferdehaare kräuselte sich ihr Haar, an der Spitze gespalten; Urnen von Nepenthes hingen an ihren Ohren; wie gekochtes Kalbfleisch glänzte das Innere ihrer weit geöffneten Nasenlöcher. Mit verzückten Augen rief sie ihn leise.

Er hatte nicht Zeit zu antworten, denn schon veränderte sich das Aussehn dieses Weibes; Flammen schossen aus ihren Augen; ihre Lippen färbten sich mit wildem feurigen Rot.

Eine plötzliche Erkenntnis überkam ihn: das ist die Blume, sagte er sich.

Er entdeckte auf der Haut des Körpers schwarzbraune, kupferrote Flecke; er schreckte verstört zurück, aber das Auge des Weibes zog ihn zauberisch an, langsam trat er näher und versuchte, nicht weiter zu gehn, er sank nieder und raffte sich dennoch wieder auf, um sich ihr zu nähern. Schon berührte er sie fast, als plötzlich schwarze Amorphophallen von allen Seiten hervorsprangen und sich auf den Leib des Weibes losstürzten, der sich hob und senkte wie ein wildbewegtes Meer. Er schob sie beiseite, stieß sie zurück und empfand einen grenzenlosen Widerwillen, während er zwischen seinen Fingern diese warmen, aber festen Stengel wimmeln sah; dann waren die abscheulichen Pflanzen plötzlich wieder verschwunden, und zwei Arme suchten ihn zu umschlingen; die Angst machte sein Herz heftig schlagen, denn die Augen, die schrecklichen Augen des Weibes hatten einen kalten grausamen, entsetzlichen Ausdruck angenommen. Er machte eine übermenschliche Anstrengung, um sich ihrer Umarmung zu entwinden, aber mit unwiderstehlicher Gewalt hielt sie ihn zurück, erfaßte ihn, und mit irrem Blick sah er unter dem hochgehobnen Schenkel das wilde Nidularium sich klaffend und blutend entfalten.

Er streifte mit seinem Körper die scheußliche Wunde dieser Pflanze; er fühlte sich dem Tode nahe ... da fuhr er plötzlich aus dem Schlaf auf, halb erstickt, eiskalt, fast wahnsinnig vor Angst, atmete er erleichtert auf und seufzte:

»Gott sei Dank, daß es nur ein Traum war!«

Neuntes Kapitel.

Dieses Alpdrücken wiederholte sich; er fürchtete sich vor dem Einschlafen. Er blieb stundenlang auf seinem Bett ausgestreckt, bald in anhaltender Schlaflosigkeit und fieberhafter Aufregung, bald in schrecklichen Träumen, in denen er den Boden unter den Füßen verlor, eine Treppe hinunterstürzte oder in einen Abgrund fiel, ohne sich festhalten zu können.

Das während einiger Tage eingelullte Nervenleiden gewann wieder die Oberhand und trat heftiger und eigensinniger unter neuen Formen auf.

Jetzt belästigten ihn die Decken; er erstickte unter ihnen, hatte ein Kribbeln im ganzen Körper, Hitze im Blut. Ein Prickeln peinigte ihn am ganzen Leibe. Zu diesen Symptomen kam bald ein dumpfer Schmerz in den Kinnbacken hinzu und das Gefühl, als wenn seine Schläfen in einen Schraubstock gepreßt würden.

Seine Befürchtungen wuchsen; unglücklicherweise fehlten die Mittel, diese hartnäckige Krankheit zu bezwingen.

Ohne Erfolg hatte er Kaltwasserapparate in seinem Ankleidezimmer herrichten zu lassen versucht. Die Unmöglichkeit, das Wasser auf die Höhe, auf der sein Haus lag, hinaufzuleiten, die Schwierigkeit, es sich in genügender Quantität zu verschaffen in einem Dorf, wo die Brunnen aus Sparsamkeit nur zu gewissen Stunden in Betrieb waren, verhinderte die Benutzung; da er sich nicht durch den Wasserstrahl peitschen lassen konnte, der, kräftig auf die Wirbelsäule gerichtet, mächtig genug war, um die Schlaflosigkeit zu bekämpfen und die Ruhe herbeizuführen, mußte er sich mit kurzen Abwaschungen in seiner Badewanne oder mit einfachen Übergießungen begnügen, worauf er sich von seinem Diener mit Pferdehaarhandschuhen frottieren ließ.

Aber dieses schwache Mittel hemmte das Vorschreiten des Nervenleidens keineswegs; höchstens empfand er während einiger Stunden etwas Erleichterung, übrigens teuer genug bezahlt durch die Rückfälle, die sich immer heftiger erneuerten.

Seine Unzufriedenheit nahm mehr und mehr zu; die Freude, einen seltnen Blumenflor zu besitzen, war verflogen; er war schon gegen ihre Farben und Formen abgestumpft; denn trotz aller Sorgfalt, mit der er sie pflegte, verwelkten die meisten seiner Pflanzen. Er ließ sie daher aus seinen Zimmern entfernen.

Jetzt ärgerte ihn wieder bei seiner Reizbarkeit der leere Raum, den sie vorher eingenommen hatten.

Um sich zu zerstreuen und die endlosen Stunden zu töten, nahm er Zuflucht zu seinen Kupferstichen und ordnete seine Goyas. Die ersten Drucke der »Capriccios«, an ihrem rötlichen Ton erkennbar, früher ein mal mit schwerem Gelde erstanden, heiterten ihn auf. Er vertiefte sich in sie und folgte den Phantasien des Künstlers, verliebt in seine phantastischen Szenen, seine auf Katzen reitenden Hexen, seine Weiber, die da versuchen, einem Gehängten die Zähne auszureißen, seine Räuber, seine Dämonen und Zwerge.

Dann durchblätterte er alle andern Serien seiner Radierungen und Aquatintazeichnungen, seine unheimlichen »Sprichwörter«, seine wilden Kriegsskizzen, seinen Kupferstich des Garot, von dem er einen wunderbaren Künstlerabdruck auf dickem Papier, von sichtbaren Wasserstreifen durchzogen, besonders gern hatte.

Das wilde Feuer, das herbe, stürmische Talent von Goya fesselte ihn; aber die allgemeine Bewunderung, die seine Werke erlangt hatten, brachten ihn trotzdem etwas von ihm ab, und er hatte daher davon abgesehn, sie einrahmen zu lassen, aus Furcht, daß, wenn er sie zur Schau stellte, der erste beste Einfaltspinsel es für nötig hielte, Dummheiten darüber loszulassen oder vor Entzücken außer sich zu geraten.

Es ging ihm ebenso mit seinen Rembrandts, die er dann und wann mit heimlichem Entzücken betrachtete; denn wie die schönste Arie der Welt unausstehlich wird, sobald sie der Pöbel summt und die Straßenorgel sich ihrer bemächtigt, so wird das Kunstwerk, das den unselbständigen Künstler zur Nachahmung reizt, das die Dummköpfe loben und das sich nicht damit begnügt, die Begeisterung von wenigen zu erregen, ebenfalls für die Kenner entweiht, banal, ja widerwärtig.

Dieses Schwanken in seiner Bewunderung war übrigens mit sein größter Kummer; äußerliche Erfolge hatten ihm Bilder und Bücher, die ihm ehemals teuer waren, für immer verleidet; infolge des Beifalls der Stimmenmehrheit entdeckte er zuletzt Mängel, die gar nicht da waren, er wies sie zurück, indem er sich fragte, ob sein Scharfsinn sich nicht abstumpfe und ihn betrüge.

Er schloß seine Mappen und verfiel wieder einmal seinen schwankenden Gefühlen und unfruchtbaren Grübeleien. Um den Lauf seiner Gedanken zu ändern, nahm er besänftigende Lektüre zur Hand, versuchte sich das Gehirn abzukühlen. Er las die Romane von Dickens, an denen sich die Genesenden und die Unglücklichen entzücken.

Aber diese Bücher brachten die entgegengesetzten Wirkungen hervor, als er erwartet hatte: er sah nur keusch Liebende, steif gekleidete Heldinnen, die nur beim Sternenlicht lieben und sich begnügen, die Augen zu senken, zu erröten oder vor Glück zu weinen, indem sie sich die Hände drücken. Diese übertriebne Keuschheit führte ihn der entgegengesetzten Übertreibung zu, so daß er von einem Extrem ins andre fiel, sich mächtig bewegter Szenen erinnerte, an die sexuellen Beziehungen zwischen Mann und Weib und an ihre Küsse dachte.

Er unterbrach seine Lektüre und grübelte weiter über die Prüderie Englands. Er wurde von einer seltsamen Aufregung befallen. Die Zeugungsunfähigkeit seines Gehirns und seines Körpers, die er für eine permanente gehalten hatte, verschwand. Die Einsamkeit wirkte belebend auf seine Nerven. Die sinnliche Seite, seit Monaten ganz unempfindlich, war zuerst wieder durch die entnervende fromme Lektüre angeregt, dann durch die englische Ziererei zu einer Nervenkrisis gesteigert und stand jetzt in voller Blüte da; durch die Erregtheit seiner Sinne in die Vergangenheit zurückgeführt, watete er im Schmutz seiner alten Erinnerungen herum.

Er stand auf und öffnete schwermütig eine kleine vergoldete Dose, deren Deckel mit glitzernden Steinen besetzt war.

Sie war voll von violetten Bonbons; er nahm einen heraus, berührte ihn leicht mit den Fingerspitzen und dachte an die seltsamen Eigentümlichkeiten dieses Bonbons. Damals, als er sich seiner Impotenz klar ward, als er noch ohne Bitterkeit, ohne Bedauern, ohne neues Verlangen an das Weib dachte, legte er einen dieser Bonbons auf die Zunge, ließ ihn zergehn, und plötzlich stiegen mit einer unendlichen Sanftheit verwischte Rückerinnerungen an wollüstige Ausschweifungen in ihm auf.

Diese Bonbons, von Siraudin erfunden und mit dem lächerlichen Namen »Perles de Pyrénées« bezeichnet, enthielten einen Tropfen Sarcanthusöl. Sie drangen in die Schleimhäute ein und erinnerten ihn an die Wollust aromatischer Küsse.

Gewöhnlich lächelte er beim Einatmen dieses verliebten Aromas, das ihm ein Teilchen Nacktheit vor das geistige Auge führte und für einen Augenblick wieder das Verlangen nach dem noch vor kurzem angebeteten Geruch bestimmter Frauen in ihm rege machte.

Jetzt wirkten sie nicht mehr heimlich und leise, sie beschränkten sich nicht mehr darauf, das Bild ferner und konfuser Ausschweifungen anzufachen – im Gegenteil, die Schleier zerrissen, und vor seinen Augen entstand die verkörperte, zudringliche, brutale Wirklichkeit.

An der Spitze der Fata Morgana ehemaliger Geliebten, die der Genuß dieses Bonbons in klaren Zügen zeichnen half, befand sich eine mit großen, weißen Zähnen, mit einer Haut wie von rosa Atlas, die Nase wie gemeißelt, mit kleinen Mäuseaugen und kurz abgeschnittnem blonden Haar.

Sie hieß Miß Urania, war Amerikanerin und eine der berühmtesten Akrobatinnen des Zirkus, deren schön proportionierter Körper, kräftige Schenkel und Muskeln von Stahl und Eisen Aufsehn erregt hatten.

Herzog Jean hatte sie während langer Abende aufmerksam beobachtet; die ersten Male war sie ihm, wie sie wirklich war, erschienen, das heißt: kräftig und hübsch, aber der Wunsch, sich ihr zu nähern, packte ihn nicht; sie besaß nichts, was sie der Lüsternheit eines blasierten Menschen begehrlich machen konnte, und doch ging er wieder nach dem Zirkus hin, angelockt, ohne zu wissen wovon, getrieben von einem schwer zu erklärenden Gefühl.

Während er ihre Bewegungen verfolgte, machte er eine sonderbare Beobachtung; in dem Maße, wie er ihre Geschmeidigkeit und ihre Kraft bewunderte, sah er eine Geschlechtsveränderung mit ihr vorgehn: ihre zierlichen und weiblichen Bewegungen verwischten sich mehr und mehr, während sich die gewandten und kräftigen Reize des Mannes dafür vordrängten; kurz, nachdem sie sich zuerst als Weib gezeigt hatte, dann für eine kurze Zeit geschlechtslos gewesen war, schien sie vollständig Mann geworden zu sein. »Diese Akrobatin könnte sich, wie sich ein kräftiger Kerl in ein zartes Mädchen verliebt, auch in einen Schwächling, wie ich es bin, verlieben,« sagte sich der Herzog; und indem er sich betrachtete und Vergleiche zog, wurde es ihm klar, daß er immer femininer wurde; und er sehnte sich nach dem Besitz dieser Frau und begehrte sie, wie sich ein bleichsüchtiges junges Mädchen wohl nach einem robusten Manne sehnt, dessen Liebkosungen sie zu erdrücken drohn.

Dieser Austausch des Geschlechts zwischen der Akrobatin und ihm begeisterte ihn. »Wir sind für einander bestimmt,« überzeugte er sich selbst.

Eines schönen Abends entschloß er sich, die Logenschließerin abzuschicken. Aber Miß Urania hielt es für angemessen, ihm nicht eher Gehör zu schenken, bis er ihr den üblichen Hof gemacht hatte; doch zeigte sie sich wenig grausam, denn durch Hörensagen wußte sie, daß der Herzog des Esseintes reich war und daß sein Name genügte, um eine Frau in Mode zu bringen.

Aber sobald seine Wünsche Erhörung gefunden hatten, übertraf seine Enttäuschung alle bisherige Erfahrung. Er hatte sich die Akrobatin dumm und roh wie einen Jahrmarktsringer vorgestellt, ihre Dummheit war aber unglücklicherweise nur weiblich. Gewiß, es fehlte ihr an Erziehung und an Takt, sie hatte weder Verstand noch Geist, und sie bewies bei Tisch einen tierischen Eifer, anderseits aber waren alle kindlichen Gefühle des Weibes in ihr vorhanden; sie schwatzte auch und kokettierte wie alle von ihren Albernheiten eingenommnen Frauenzimmer.

Dabei bewahrte sie im Bett eine puritanische Zurückhaltung und zeigte keine jener athletischen Roheiten, die er ersehnte, aber auch gleichzeitig fürchtete. Sie war nicht, wie er es einen Augenblick gehofft, den Aufregungen ihres Geschlechts unterworfen. Doch wenn er den Mangel ihrer Sinnlichkeit recht untersucht hätte, so hätte er eine Neigung zu einem zarten, schmächtigen Wesen, zu einem ihm ganz entgegengesetzten Temperament, einem mageren Clown, entdeckt.

Unglücklicherweise trat der junge Herzog wieder in die einen Moment vergessne Männerrolle zurück; seine Eindrücke von weiblicher Natur, von Schwäche, verschwanden; die Illusion war nicht mehr möglich. Miß Urania war eine ganz gewöhnliche Maitresse, die in keiner Weise den neugierigen Erwartungen des Gehirns entsprach, die sie anfangs hervorgerufen hatte.

Obgleich der Reiz ihrer weichen, frischen Haut, ihrer prächtigen Schönheit den Herzog zuerst überrascht und bei ihr zurückgehalten hatte, suchte er dieses Verhältnis schnell wieder zu lösen und den Bruch zu beschleunigen, denn seine frühzeitige Impotenz verschlimmerte sich noch bei den eisigen Liebkosungen, bei dem gezierten Wesen dieses Mädchens.

Und doch war sie die erste, die vor ihm stehn blieb bei dem ununterbrochnen Vorbeimarsch dieser wollüstigen Bilder; wenn sie sich aber schließlich seinem Gedächtnis doch fester eingeprägt hatte als eine Menge andrer, deren Reize weniger trügerisch und deren Genüsse weniger beschränkt gewesen waren, so lag das an dem gesunden und kräftigen Geruch ihres weiblichen Körpers; dieser Überfluß an Gesundheit war das Gegenteil der Blutarmut, die man mit Parfüms auffrischte, deren feinen Geruch er in dem zarten Siraudin-Bonbon wiederfand.

Er gedachte seiner andern Geliebten. Sie drängten sich wie eine Herde in seinem Gehirn zusammen, doch alle überragte ein Weib, dessen eigentümlicher Reiz ihn während mehrerer Monate außergewöhnlich gefesselt hatte.

Es war eine kleine, magre Brünette mit schwarzen Augen und pomadisierten Haaren, die auf dem Kopfe wie mit einem Pinsel angeklebt waren, mit einem Scheitel auf der linken Seite, der ihr das Aussehn eines Jungen gab.

Er hatte sie in einem Café-Konzert kennen gelernt, wo sie Bauchredner-Vorstellungen gab.

Zum Erstaunen der Zuschauer, die sich fast unbehaglich bei diesen Ausführungen fühlten, ließ sie abwechselnd Kinder aus Pappe sprechen, die wie Orgelpfeifen auf Stühlen aufgestellt waren.

Herzog Jean war bezaubert gewesen; eine Menge von Ideen keimten in ihm auf. Zuerst beeilte er sich, die Bauchrednerin mit Haufen von Banknoten zu bändigen, da sie ihm gerade wegen des Kontrastes, den sie zu der Amerikanerin bildete, gefiel. Diese kleine Brünette brannte wie ein Krater; aber trotz all ihrer angewandten künstlichen Mittel erschöpfte sich der Herzog in wenigen Stunden; er fuhr indessen fort, sich willfährig von ihr ausziehn zu lassen, denn mehr als die Geliebte zog ihn das Phänomen an.

Endlich waren die Pläne, die er gemacht hatte, gereift.

Er ließ eines Abends eine Sphinx aus schwarzem Marmor bringen, in der klassischen Stellung mit ausgestreckten Tatzen, mit steifem, gradem Kopf, und eine Chimäre aus buntem Ton, mit gesträubter Mähne, die wilde Blicke warf und mit den Strähnen ihres Schweifes ihre geschwollnen Seiten fächelte. Er stellte die beiden Tiere in seinem Zimmer auf und löschte die Lampen aus. Die glühenden Kohlen im Kamin glommen weiter und vergrößerten alle Gegenstände, die wie im Schatten verschwanden.

Dann streckte er sich auf dem Sofa aus, nahe seiner Geliebten, deren unbewegliches Gesicht von dem Schein der Glut erleuchtet wurde, und wartete.

Mit seltsamen Tönen und Ausdrücken, die er sie lange und geduldig vorher hatte einüben lassen, belebte sie, ohne die Lippen zu bewegen, ohne sie nur anzusehn, die beiden Ungeheuer.

Und in der Stille der Nacht begann jetzt der wunderbare Dialog zwischen der Chimäre und der Sphinx, vorgetragen mit tiefen, rauhen Kehllauten, dann in scharfer, feiner Stimme:

»Hier, Chimäre, halte still.«

»Nie und nimmer.«

Gewiegt von der entzückenden Prosa Flauberts, hörte er schwer atmend das schreckliche Duett, und ein Schauder durchflog ihn vom Nacken bis zur Zehe, als die Chimäre die feierlichen und zauberhaften Worte ausspricht:

»Ich suche neue Wohlgerüche, prächtigere Blumen, unbekannte Genüsse.« –

Ach! es war ihm, als ob diese Stimme zu ihm selbst, geheimnisvoll, wie in einer Beschwörung, sprach.

Das ganze Elend seiner eignen nutzlosen Anstrengungen strömte ihm zum Herzen zurück. Sanft umfaßte er das schweigende Weib wie ein ungetröstetes Kind; nicht einmal das verdrießliche Gesicht der Komödiantin beachtete er, die genötigt war, eine Szene zu spielen und ihr Handwerk noch während ihrer Mußestunden auszuüben.

Ihr Verhältnis dauerte fort, doch bald verschlimmerte sich die Schwäche des Herzogs; die Aufwallungen seines Gehirns schmolzen nicht mehr das Eis seines Körpers; die Nerven gehorchten nicht mehr seinem Willen; die leidenschaftlichen Torheiten der Greise beherrschten ihn. Da er sich mehr und mehr bei seiner Geliebten schwach werden fühlte, nahm er seine Zuflucht zu dem wirksamsten Hilfsmittel der alten und unbeständigen Aufreizung, zu der Furcht.

Während er seine Maitresse in seinen Armen hielt, erscholl hinter der Tür eine rauhe Säuferstimme: »Wirst du gleich öffnen? Ich weiß sehr gut, daß du mit einem reichen Gimpel zusammen bist, na warte nur, du Schlange!«

Wie die Wüstlinge in der Gefahr einen Reiz empfinden und im Freien, auf den Böschungen, im Garten der Tuilerien, im Wald oder auf einer Bank ihre Sinnlichkeit befriedigen, so fand der Herzog vorübergehend seine Kräfte wieder und stürzte sich auf die Bauchrednerin, deren Stimme hinter der Tür tobte, und empfand unerhörte Genüsse in diesem Herumstoßen, in dieser Angst des Mannes, der sich in Gefahr befindet.

Unglücklicherweise waren diese Freuden von kurzer Dauer, denn trotz der enormen Summen, die er der Bauchrednerin bezahlte, verabschiedete ihn diese schließlich und gab sich noch demselben Abend einem strammen Burschen hin, dessen Ansprüche weniger kompliziert, dessen Lenden aber kräftiger waren.

Diese Komödiantin hatte er wirklich bedauert, und bei der Erinnerung an ihre Geschicklichkeit schienen ihm die andern Frauen anmutlos.

Eines Tags, da er allein in der Avenue de Latour- Maubourg spazieren ging, in seine Betrachtungen und seinen Widerwillen gegen das weibliche Geschlecht vertieft, wurde er nahe bei der Esplanade des Invalides von einem jungen Menschen angeredet, der ihn bat, ihm den kürzesten Weg nach der Rue de Babylone zu zeigen.

Herzog Jean bezeichnete ihm den Weg, den er einzuschlagen hatte, und da auch er die Esplanade entlang ging, schritten sie zusammen weiter.

»Sie glauben, daß es, wenn ich links ginge, ein Umweg wäre?« fuhr der junge Mann zu fragen fort, »man hatte mir bedeutet, die Avenue in schräger Richtung zu verfolgen« ... seine Stimme klang leise und schüchtern, fast bittend.

Der Herzog betrachtete ihn näher. Er schien aus dem Gymnasium gekommen zu sein, war ärmlich gekleidet, trug eine kurze Jacke aus Cheviot, eine schwarze enge Hose, niedergeschlagnen Kragen und eine lose dunkelblaue Krawatte mit weißen Punkten.

In der Hand hielt er ein Schulbuch und hatte auf dem Kopf einen runden braunen Hut mit glattem Rand.

Sein Gesicht war beunruhigend; blaß und müde, doch ziemlich regelmäßig und von langem, schwarzem Haar umrahmt; er hatte große feuchte Augen mit blauen Rändern, um die Nase herum einige Sommersprossen und einen kleinen Mund mit starken Lippen, die in der Mitte wie eine Kirsche gespalten waren.

Sie sahen sich eine Weile an, grade ins Gesicht, dann schlug der junge Mensch die Augen nieder und kam näher; sein Arm streifte bald den des Herzogs, der seinen Schritt mäßigte und nachdenklich den wiegenden Gang des Jünglings betrachtete.

Und aus dieser zufälligen Begegnung war eine Freundschaft entstanden, die sich monatelang hinzog.

Der Herzog dachte mit Schaudern an sie zurück, niemals hatte er einen anziehendern und herrischern Pakt ertragen, niemals hatte er solche Gefahren gekannt und niemals noch sich so schmerzhaft befriedigt gefühlt.

Unter allen Erinnerungen, die ihn in seiner Einsamkeit bestürmten, beherrschte dieses Liebesverhältnis alle andern. –

Jetzt erwachte er aus seinen Träumereien, gebrochen, vernichtet, sterbend; er zündete schnell alle Lichte und Lampen an und hoffte in dieser Flut von Licht weniger deutlich das dumpfe, unaufhörliche, unausstehliche Klopfen der Pulsadern zu vernehmen.

Zehntes Kapitel.

Während dieser seltsamen Krankheit, die blutarme Menschen hinwegrafft, traten plötzlich kurze Pausen der Krisen ein. Ohne daß er sich ihren Grund zu erklären vermochte, wachte der Herzog eines Tages ganz kräftig auf. Da war nichts mehr von aufreibendem Husten zu spüren, keine stechenden Schmerzen mehr im Nacken, nur ein unbeschreibliches Gefühl von Wohlbehagen, eine Leichtigkeit des Hirns, dessen Gedanken sich erhellten.

Dieser Zustand währte mehrere Tage; dann plötzlich zeigten sich eines Nachmittags wiederum Halluzinationen des Geruchsinnes.

Sein Zimmer duftete wie von Backwerk und Parfüm; er sah nach, ob nicht ein geöffnetes Flacon umherstand; doch nirgends war eins zu finden. Er lief durch alle seine Gemächer: der Geruch dauerte fort.

Er klingelte seinem Diener:

»Riechen Sie nichts?« fragte er.

Der alte Mann erklärte, daß er keinen Blumengeruch bemerke: es konnte kein Zweifel mehr bestehn, das Nervenleiden zeigte sich wieder unter einer neuen Sinnestäuschung.

Gelangweilt von der Hartnäckigkeit dieses eingebildeten Aromas, beschloß er, sich in wirkliche Parfüms zu tauchen, in der Hoffnung, diese Nasenhomöopathie werde ihn heilen oder wenigstens veranlassen, daß ihn dieser lästige Geruch nicht mehr verfolge.

Er begab sich in sein Ankleidezimmer. Dort standen nahe bei einem antiken Taufbecken, das ihm als Waschgefäß diente, unter einem breiten Spiegel von getriebnem Eisen Flaschen in allen Größen und allen Formen auf Etageren aus Elfenbein übereinander.

Er stellte sie auf einen Tisch und teilte sie in zwei Serien: die eine mit einfachen Parfüms, Extrakten und Spirituosen, die andre mit zusammengesetzten Parfüms, die man mit dem allgemeinen Ausdruck »Bouquets« bezeichnet.

Er drückte sich in seinen Sessel und sammelte sich.

Er war schon seit Jahren in der Wissenschaft des Riechens geübt und war überzeugt, daß man durch den Geruch die gleichen Genüsse empfinden könne wie durch das Gehör und das Gesicht, indem jeder Sinn infolge einer natürlichen Neigung und Angewöhnung genugsam empfindlich sei, neue Eindrücke aufzunehmen, sie zu verzehnfachen und zu verarbeiten.

In der Kunst der Parfümbereitung hatte ihn eine Seite vor allem angezogen, nämlich die der künstlichen Genauigkeit.

Das Parfüm stammt fast niemals von den Blumen, deren Namen es trägt; der Fabrikant, der es wagte, nur einzig der Natur ihre Elemente zu entlehnen, würde doch nur ein unechtes Werk schaffen, ohne Natürlichkeit.

Mit Ausnahme des unnachahmlichen Jasmin, der keine Fälschung zuläßt, sind alle Blumengerüche genau durch Verbindungen mit aromatischem Weingeist und Spiritus darstellbar.

Nach und nach hatten sich die geheimen Operationen dieser so arg vernachlässigten Kunst vor dem Herzog erschlossen, der ihren verborgnen Wegen nachging.

Um dies zu erreichen, hatte er zuerst die Grammatik durchgearbeitet, die Syntax der Gerüche erlernt, wie auch die Regeln, die sie regieren, ergründet. Mit dieser Sprache einmal vertraut, mußte er die Werke der Meister wie Atkinson und Lubin, Chardin und Violet, Legrand und Piesse vergleichen, die Konstruktion ihrer Sätze zerlegen, das Verhältnis ihrer Worte und die Aufstellung ihrer Satzgefüge abwägen.

Die klassische Parfümerie war ziemlich einförmig, fast farblos, vor langer Zeit von Chemikern in eine gleichmäßige Form gegossen.

Ihre Geschichte folgte Schritt für Schritt der Sprache unsrer Zeit.

Der parfümierte Stil Ludwigs XIII., aus teuern Bestandteilen zusammengesetzt, aus Iris, Moschus, Zibethpuder, Myrtenwasser, schon damals unter dem Namen »Eau des Anges« bekannt, war kaum genügend, um die ungezwungnen Reize, die etwas rohen Färbungen jener Zeit auszudrücken, die uns gewisse Sonette von Saint-Armand aufbewahrt haben.

Später, mit der Myrrhe, dem Oliban, einer Art Weihrauch, wurden die mystischen Wohlgerüche kräftig und streng; die pomphafte Art des großen Jahrhunderts, die weitschweifigen Feinheiten der Redekunst, der breite, getragne Stil Bossuets und der Kanzelredner fanden ihren Niederschlag. Noch später fanden die erschlafften, kunstvollen Reize der französischen Gesellschaft unter Ludwig XV. leichter ihren Dolmetscher in dem Frangipan und dem Maréchale, die gleichsam die Synthese dieser Epoche selbst gaben. Dann, nach der Langeweile und Gleichgültigkeit des ersten Kaiserreichs, in dem man die Eaux de Cologne sowie die Präparate von Rosmarin mißbrauchte, stürzte sich die Parfümerie hinter Victor Hugo und Gautier her in das Land der Sonne; sie schuf orientalische Wohlgerüche, scharfwürzige Bouquets, entdeckte neue Zusammenstellungen, bis jetzt nicht gewagte Gegensätze, wählte aus und nahm wieder alte Nuancen auf, die sie steigerte, verfeinerte und passend zusammensetzte. Sie verwarf schließlich energisch diese freiwillige Abgelebtheit, zu der sie Malesherbes, Boileau, Andrieux, Baour-Lormian herabgesetzt hatten, diese niedrigen Destillateure ihrer Gedichte.

Aber auch seit der Periode von 1830 war diese Sprache nicht stehn geblieben. Sie hatte sich noch weiter fortentwickelt, und indem sie sich nach dem Gang des Jahrhunderts geformt hatte, war sie gleichlaufend mit den andern Künsten vorgeschritten, hatte sich auch den Wünschen der Kunstfreunde und Künstler gefügt, sich auf die Chinesen und Japaner gestürzt, duftende Stammbücher erfunden, Blumensträuße von Takéoka nachgeahmt, durch Mischungen von Lavendel und Goldlack den Geruch des Rondeletia, durch eine Verbindung von Patschuli und Kampfer den sonderbaren Duft der chinesischen Tinte, durch die Zusammensetzung von Zitrone, Levkoje und Pomeranzblütessenz die Ausströmung des japanesischen Hovénia erhalten.

Der Herzog studierte und analysierte die Seele dieser Fluida, machte die Exegese dieser Texte; er gefiel sich zu seiner eignen Befriedigung darin, die Rolle eines Psychologen zu spielen, das Räderwerk auseinander zu nehmen und wieder zusammenzustellen, die Stücke abzuschrauben, die die Struktur einer zusammengesetzten Ausströmung bildeten, und bei dieser Ausübung hatte sein Geruchsinn die Sicherheit eines fast unfehlbaren Prüfsteins erlangt.

Wie ein Weinhändler das Gewächs an einem Tropfen, den er schlürft, erkennt, wie ein Hopfenhändler an dem Geruch des Sackes den genauen Wert der Ware bestimmen kann, wie ein chinesischer Kaufmann sofort die Herkunft des Tees, der ihm vorgehalten wird, anzugeben vermag und sagen kann, auf welchen Pachtungen des Berges Bohées, in welchen buddhistischen Klöstern er gezogen ist, und selbst den Zeitpunkt, an dem seine Blätter gepflückt würden, und den Grad des Dörrens zu bezeichnen weiß, sowie den Einfluß, dem er in der Nähe der Pflaumenblüte, der Aglaia, der duftenden Olea, aller dieser Wohlgerüche ausgesetzt gewesen ist, die dazu dienen, seine Natur zu verändern, eine unvermutete Steigerung hervorzurufen und in seinem trocknen Geruch einen Duft ferner frischer Blumen zu erzeugen – ebenso konnte der Herzog auch, wenn er nur ein Tröpfchen Parfüm einatmete, gleich die Dosis seiner Mischung hernennen, die Psychologie seiner Mixtur erklären und den Künstler erkennen, der das Aroma hergestellt und ihm die persönliche Marke seines Stils aufgedrückt hatte.

Es versteht sich von selbst, daß er die Sammlung aller von den Parfümeuren angewendeten Produkte besaß; er hatte selbst das echte Mekkabalsamkraut, dieses seltne Kraut, das nur in gewissen Teilen des steinigen Arabiens wächst und dessen Monopol dem Sultan gehört. –

Und nun saß Herzog Jean in seinem Ankleidezimmer und sann darauf, ein neues Bouquet zu erfinden, er war von dem Augenblick des Zögerns erfaßt, den die Schriftsteller nur zu gut kennen, wenn sie nach Monaten der Ruhe ein neues Werk beginnen.

Ebenso wie Balzac, der von dem unabweislichen Bedürfnis verfolgt war, erst viel Papier zu bekritzeln, ehe er imstande war zu schreiben, so erkannte Herzog Jean die Notwendigkeit, sich erst durch einige leichtre Arbeiten in Gang zu bringen.

Er fing an, die Flaschen mit Mandeln und Vanille zu wägen, um Heliotrop herzustellen, dann besann er sich anders und entschloß sich, mit der Riecherbse zu beginnen.

Die Formel, das Verfahren waren ihm entfallen; er tastete. Im allgemeinen herrscht bei dem Duft dieser Blume die Orange vor; er versuchte mehrere Zusammensetzungen und erreichte schließlich den richtigen Ton, indem er der Orange die Tuberose und die Rose hinzufügte, die er mit einem Tropfen Vanille verband.

Die Ungewißheiten verschwanden; ein leichtes Fieber erfaßte ihn, er fühlte sich zur Arbeit angeregt und beschloß, weiter zu gehn und einen fulminanten Satz loszulassen, dessen stolzes Geprassel das Geflüster dieses arglistigen Parfüms niederwürfe, der noch immer im Zimmer lastete.

Er experimentierte mit dem Amber, dem Tonkin-Moschus, dem Patschuli, dem schärfsten aller vegetabilischen Parfüms, dessen Blume einen Geruch von Schimmel und Rost ausströmt.

Aber was er auch versuchte, die Liebeleien des XVIII. Jahrhunderts verfolgten ihn; die Reifröcke und seidnen Garnierungen schwebten vor seinen Augen, die Erinnerungen der Venusse von Boucher, aus vollem Fleisch, ohne Knochen, in üppigster Gestalt, ließen sich an seinen Wänden nieder; der Rückblick auf den Roman Thermidor, auf die entzückende Rosette mit hochgeschürztem Rock peinigte ihn.

Wütend stand er auf, und um sich frei zu machen, sog er mit aller Kraft die reine Essenz des Spika-Nard ein, der den Orientalen so teuer und den Europäern so unangenehm ist wegen seines zu starken Geruchs von Baldrian. Er war fast betäubt von der Heftigkeit der Erschütterung.

Wie durch einen Hammerschlag zermalmt verschwand das Filigran des zarten Duftes.

Früher hatte er sich gern in Akkorden von Düften gewiegt; er gebrauchte ähnliche Effekte wie die der Poeten, wendete gewissermaßen die vortreffliche Anordnung der Stücke von Baudelaire an, wie zum Beispiel in »L'Irréparable« und »Le Balcon«, wo der letzte der fünf Verse, die die Strophe bilden, das Echo des ersten ist und wie ein Refrain zurückkommt, und die Seele in die Unendlichkeit von Schwermut und Sehnsucht taucht.

Er verlor sich in den Träumen, die diese duftenden Stanzen in ihm hervorriefen; ihn verlangte, in einer wunderbaren und wechselnden Landschaft herumzustreichen, und deshalb fing er mit einem vollen und stattlichen Satz an, der plötzlich einen Durchblick auf eine großartige Landschaft eröffnete.

Mit seinen Vaporisateuren spritzte er im Zimmer eine Essenz, aus Ambrosia, Mitcham-Lavendel, Riecherbse und Bouquet gebildet, umher, eine Essenz, die, wenn sie von einem Künstler destilliert, den Namen verdient, den man ihr zuerkannt hat: »Extrait de Pré fleuri«; in diese blühende Wiese führte er dann eine genaue Fusion von Tuberose, Orangeblüte und Mandel ein; und alsbald entstand künstlicher Flieder, und der Wind schien leise durch blühende Linden zu streichen und drückte ihre zarten Ausströmungen auf den Boden nieder, die dem Extrakt der englischen Tilia ähneln.

Dann ließ er durch einen Ventilator die duftenden Wellen entfliehn und behielt nur die Landschaft bei, die er erneute und deren Dosis er verstärkte, um ihre Rückkehr zu erzwingen.

Bald stiegen Hüttenwerke gen Himmel auf.

Ein starker Geruch von Fabriken, von chemischen Produkten verbreitete sich, und doch hauchte die Natur noch in dieser verpesteten Luft ihre süßen Düfte aus.

Der Herzog bearbeitete und wärmte zwischen sei nen Fingern eine Storax-Kugel, und ein höchst eigentümlicher Geruch verbreitete sich im Zimmer, ein Geruch, widerlich und köstlich zugleich, dem entzückenden Geruch der Jonquille und dem häßlichen Gestank der Guttapercha und dem Steinkohlenöl ähnlich.

Er desinfizierte sich die Hände, legte sein Harz in einen hermetisch verschloßnen Kasten, und die Fabriken verschwanden. Dann schleuderte er zwischen die wieder belebten Linden und Wiesen einige Tropfen New Mown Hay, und mitten in der zauberhaften Landschaft, ihres Flieders beraubt, stiegen Heugarben empor, die eine neue Jahreszeit suggerierten und ihre feinen Ausströmungen aushauchten.

Endlich, als er diesen Anblick genügend genossen hatte, versprengte er eiligst noch einige exotische Parfüms, leerte seine Vaporisateure, verflüchtete seine konzentrierten Spritsorten, ließ all den Balsamen die Zügel schießen, und in dem heißen aufregenden Dunst des Raumes entwickelte sich eine wahnsinnig sublimierte Temperatur, die seinen Atem beschleunigte.

Plötzlich empfand er einen heftigen Schmerz. Es war ihm, als wenn man ihm mit einem Instrument die Schläfen durchbohre. Er öffnete die Augen und befand sich in der Mitte seines Ankleidezimmers, vor seinem Tisch sitzend; mühevoll erhob er sich und schleppte sich zum Fenster, das er halb öffnete. Ein Luftstoß klärte die erstickende Atmosphäre, die ihn einhüllte; er ging im Zimmer auf und ab, die Augen gegen den Plafond gerichtet, wo Krabben und salzgepuderte Algen auf einem gekörnten Grund hell wie der Sand des Meeresufers im Relief aufstiegen. Eine gleiche Dekoration schmückte auch die Fußgesimse, die mit japanesisch wassergrüner, etwas zerdrückter Kreppseide die Wände einfaßten, das Gekräusel eines Flusses, von Wind bewegt, nachahmten, und in diesem leicht fließenden Wasser schwamm das Blatt einer Rose, um das ein Schwarm kleiner Fische wirbelte, mit leichten Federstrichen gezeichnet.

Aber seine Augenlider blieben schwer; das Hin-und Hergehn ermüdete ihn, er lehnte sich an die Fensterbrüstung; allmählich verschwand seine Betäubung. Sorgsam korkte er die Fläschchen wieder zu und benutzte diese Gelegenheit, um die Unordnung in seiner reichen Schminksammlung zu beseitigen. Er hatte seit seiner Ankunft in Fontenay nicht daran gerührt, und er verwunderte sich fast, diese Kollektion jetzt wiederzusehn, die früher von so vielen Frauen besichtigt und bewundert worden war.

Die Kruken und Fläschchen häuften sich auf- und übereinander. Hier war es ein Porzellantopf, der Schnouda enthielt, diesen wunderbaren weißen Creme, der, wenn er auf der Wange aufgerieben wird, unter dem Einfluß der Luft in zartes Rosa, dann in ein so echtes Inkarnat übergeht, daß er die wirklich genaue Täuschung einer durch Blutwallung geröteten Haut hervorbringt. Dort sind es mit Perlmutter eingelegte Lackkasten, die japanesisches Gold und athenisches Grün einschließen, die Farbe des Flügels einer spanischen Fliege, Gold und Grün, das sich in ein tiefes Purpur verwandelt, sobald man es anfeuchtet. Nahe den vollen Kruken mit Pasten von Lambertsnuß, Serkis des Harems, Emulsinen der Kaschmirlilie, Waschwasser von Erdbeeren und Holunder für den Teint und bei den kleinen Flaschen, die mit einer Auflösung von chinesischer Tinte und Rosenwasser zum Gebrauch der Augen bestimmt waren, lagen Utensilien aus Elfenbein, Perlmutter und Silber durcheinander mit Bürsten aus Luzern für das Zahnfleisch: Pinsel, Scheren, Wischer, Schminkläppchen und Puderquasten, Rückenkratzer und Schönheitspflästerchen.

Er betrachtete all diese Toilettengeräte, die er auf die Bitte einer seiner Geliebten gekauft hatte, die unter dem Einfluß gewisser Gerüche, gewisser Balsame vor Entzücken verging.

Er grübelte über die Erinnerungen nach, und es fiel ihm ein Nachmittag ein, den er mit dieser Frau, aus Langeweile und Neugier, in Pantin bei ihrer Schwester zugebracht hatte und der in ihm eine ganze Welt vergeßner Ideen und alter Parfüms wachrief.

Er flüchtete in sein Arbeitszimmer zurück und öffnete das Fenster weit, glücklich, sich in der frischen Luft baden zu können. Aber plötzlich war es ihm, als wenn der Wind ihm einen unbestimmten Geruch von Bergamottenessenz entgegentrieb, mit dem sich der Jasminsprit, die Kassie und das Rosenwasser verband.

Er atmete schwer auf.

Der Geruch wechselte und veränderte sich, ohne zu verschwinden. Ein unbestimmter Duft von Tolutinktur, von Perubalsam, von Safran, verschmolzen mit einigen Tropfen Amber und Moschus, stieg jetzt aus der schlafenden Stadt empor, von dem Fuße der Anhöhe her, und plötzlich vollzog sich eine Metamorphose, die getrennten Gerüche verbanden sich, und von neuem verbreitete sich der Frangipan, dessen Geruch die Elemente und die Analyse herbeigeführt hatten, über das Tal Fontenay bis zum Festungswerk hinauf. Sie erschütterten seine erschöpften und angegriffnen Nerven noch mehr, so daß er ohnmächtig an der Fensterbrüstung niedersank.

Elftes Kapitel.

Die erschrocknen Dienstboten beeilten sich, einen Arzt aus Fontenay herbeizuholen, der absolut nichts von dem Zustand des Herzogs verstand.

Er brummte einige medizinische Ausdrücke, fühlte den Puls, besah die Zunge des Kranken, versuchte, allerdings vergebens, ihn zum Sprechen zu bringen, verordnete lindernde Mittel und große Ruhe und versprach, den andern Tag wieder zu kommen.

Auf ein verneinendes Zeichen des Herzogs, der Kraft genug fand, den Eifer seiner Dienstboten zu mißbilligen und diesen lästigen Eindringling zu verabschieden, ging er fort und machte sich daran, im ganzen Dorf von den Exzentrizitäten dieses Hauses zu erzählen, dessen Einrichtung ihn geradezu mit Verwunderung erfüllt und ihn verblüfft hatte.

Zum größten Erstaunen der beiden alten Diener, die nicht mehr das Dienstzimmer zu verlassen wagten, erholte sich ihr Herr in einigen Tagen wieder. Sie überraschten ihn, wie er an die Scheiben trommelte und den Himmel mit ungeduldiger Miene betrachtete.

Eines Nachmittags klingelte der Herzog mehrere Male hintereinander und befahl dem eintretenden Diener, seine Koffer für eine längere Reise fertig zu machen.

Während das alte Ehepaar auf seine Angaben hin die als notwendig mitzunehmenden Gegenstände wählte, durchschritt er fieberhaft erregt die Kabine seines Eßzimmers, studierte die Abfahrtszeiten der Paketboote, durcheilte hastig sein Arbeitszimmer, wobei er ungeduldig die Wolken mit zufriedener Miene beobachtete.

Das Wetter war schon seit einer Woche abscheulich, dicke Nebel lagerten über der Erde. Starke Regengüsse hatten das Tal in einen schwarzen See verwandelt.

An jenem Tage war der Himmel heller geworden.

Der Regen stürzte nicht mehr wie den Tag vorher in Strömen herab, sondern fiel unablässig fein und durchdringend und schien mit seinen unzähligen Fäden die Erde mit dem Himmel zu verbinden.

Das Licht trübte sich; ein fahler Tag beleuchtete das Dorf, und in dieser Trostlosigkeit der Natur verschwammen alle Farben, und nur die Dächer glänzten in diesem Grau in Grau.

»Welch ein Wetter!« seufzte der alte Diener, der die Kleidungsstücke, die sein Herr verlangt hatte, auf einen Stuhl legte.

Statt jeder Antwort rieb sich der Herzog die Hände und setzte sich vor einen Schrank mit bunten Scheiben, in dem ein Stoß von seidnen Socken in Fächerform aufgehäuft lag. Er war über die Nuancen unschlüssig. Seine Wahl fiel in anbetracht der Trostlosigkeit des Tages und des düstern Graus seines Anzuges, sowie im Hinblick auf sein Ziel auf ein Paar in mattgrüner Seide. Er zog ein Paar Halbstiefel darüber und den mausgrauen karierten Anzug an, setzte sich einen kleinen runden Hut auf und hüllte sich in einen dunkelblauen Wettermantel. Von seinem Diener gefolgt, der unter dem Gewicht eines Koffers, einer Reisetasche, einer Hutschachtel und einer Reisedecke, in die Schirme und Spazierstöcke gewickelt waren, fast zusammenbrach, kam er auf dem Bahnhof an.

Hier erklärte er dem Diener, daß er nicht das Datum seiner Rückkehr bestimmen könne, er würde in einem Jahr, in einem Monat, in einer Woche, vielleicht noch früher zurückkommen, befahl, daß nichts in seiner Wohnung geändert werde, händigte ihm die nötige Summe ein, die zum Unterhalt des Hauses während seiner Abwesenheit nötig war, stieg in den Waggon und ließ den alten Diener ganz verstört mit schlotternden Armen und offnem Mund auf dem Perron zurück.

Er war in seinem Coupé allein. Eine verschwommne, schmutzige Landschaft, wie durch das trübe Wasser eines Aquariums gesehn, flog in größter Eile an dem vom Regen gepeitschten Zug vorbei. In Nachdenken versunken schloß der Herzog die Augen.

Das Schweigen, das ihm bisher wie eine Entschädigung für die Albernheiten, die er jahrelang über sich hatte ergehn lassen müssen, erschienen war, drückte ihn plötzlich mit unerträglicher Schwere.

Eines Morgens nämlich war er aufgewacht, erregt, wie ein Gefangener, der in einer Zelle eingeschlossen ist; seine entnervten Lippen murmelten unzusammenhängende Worte, Tränen stiegen ihm in die Augen, ihm war es, als sollte er ersticken.

Das Verlangen, ein menschliches Gesicht zu sehn, mit einem andern Wesen zu sprechen, sich in das flutende Leben zu stürzen, verzehrte ihn. Es kam sogar dahin, daß er seine Dienstboten unter einem Vorwand zu sich kommen ließ und in Gespräche verwickelte. Aber die Unterhaltung war unmöglich; denn die alten Leute waren durch jahrelanges Schweigen und durch die Gewohnheit der Krankenpflege fast stumm geworden; dann verhinderte auch die Entfernung, in der sie der Herzog immer von sich gehalten hatte, jedes Plaudern.

Übrigens besaßen sie nur ein träges Gehirn und waren fast unfähig, anders als einsilbig auf die Fragen, die man an sie richtete, zu antworten.

Er konnte also auf sie nicht rechnen.

Die Lektüre von Dickens, die er unlängst gepflegt hatte, um seine Nerven zu beruhigen, und die nur die entgegengesetzte Wirkung hervorgebracht hatte, begann langsam in einer unerwarteten Weise zu wirken.

Er vertiefte sich in das englische Leben. Seine Betrachtungen vermischten sich mit den Eindrücken aus der Lektüre.

So hoffte er durch eine Reise den erschlaffenden Ausschweifungen seines Geistes zu entgehn.

Er hielt es nicht länger aus; eines Tages entschloß er sich plötzlich, dem allen ein Ende zu machen. Seine Eile war so groß, daß er lange vor der anberaumten Zeit schon die Flucht ergriff.

Er wollte sich der Gegenwart entziehn und sich herumgestoßen fühlen in dem Straßenlärm und in dem Getöse der Welt.

»Ich atme auf,« murmelte er, als der Zug seine Bewegungen einstellte und in der Pariser Bahnhofshalle anhielt.

Auf dem Boulevard d'Enfer rief er einen Kutscher an, ganz vergnügt, mit seinen Koffern und Decken so ins Gewühl geraten zu sein. Durch ein reichliches Trinkgeld verständigte er sich mit dem Mann in nußbraunem Beinkleid und roter Weste:

»Auf Zeit,« sagte er, »zunächst nach der Rue de Rivoli zu ›Galignanis Messenger‹!«

Er beabsichtigte, vor seiner Abreise einen Führer durch London zu kaufen.

Der Wagen schwankte schwerfällig durch den entsetzlichen Schmutz vorwärts.

Der Regen schlug schräg in den Wagen, so daß der Herzog die Fenster schließen mußte.

Bei dem monotonen Geräusch des auf seine Koffer und den Lederschutz niederströmenden Regens, der sich wie ein Sack geschüttelter Erbsen anhörte, träumte der Herzog von seiner Reise; dies war schon ein Vorspiel von England, das ihm Paris bei diesem schauderhaften Wetter bot. Das regnerische, riesengroße, weite London, das unablässig in Seenebel lag, entrollte sich vor seinen Augen. Lange Reihen Docks breiteten sich unabsehbar vor ihm aus, besät mit Hebemaschinen, Schiffswinden und Ballen; allerwärts wimmelt es von Menschen, die hier an Masten hängen, dort rittlings auf Rahen sitzen.

Alles das lebte und bewegte sich an den Ufern in den riesigen Docks, die von dem grünlichen Wasser der Themse bespült werden, in einem Wald von Masten und Balken.

Es bereitete dem Herzog ein Gruseln, daß er sich in eine Welt von Kaufleuten stürzen sollte, in diesen Nebel, in diese atemlose Tätigkeit, dieses unbarmherzige Räderwerk, das Millionen Enterbter zermalmt.

Dann verschwand diese Vision plötzlich durch einen Stoß des Wagens, der ihn auf seinen Sitz zurückprallen ließ.

Er sah durch das Fenster; es war Nacht geworden. Die Gasflammen blinzelten mitten in einem gelblichen Hofe durch den Nebel, Lichtstreifen schwammen auf den Pfützen.

Er versuchte sich zurechtzufinden; er erblickte das Karussell. Plötzlich, aus seinen Träumen aufgescheucht, fiel ihm ein höchst trivialer Umstand ein: sein Diener hatte beim Kofferpacken eine Zahnbürste vergessen.

Er unterwarf die Liste der eingepackten Gegenstände einer Musterung, alle lagen geordnet in seiner Reisetasche, nur die Bürste fehlte, und sein Ärger darüber dauerte fort, bis ihm das Halten des Wagens ein Ende machte.

Er befand sich in der Rue de Rivoli, vor »Galignanis Messenger«. Neben einer Tür von mattem Glas, die mit Zeitungsausschnitten und Telegrammen beklebt war, hingen zwei große Glaskasten mit Albums und Büchern. Er trat näher, angezogen von den buntfarbigen Büchereinbänden, die in allen Formen und Größen dort ausgestellt waren. Alles hatte einen kaufmännisch antiparisischen Anstrich, die Einbände waren gröber, aber weniger geschmacklos als die schlechten französischen.

Dann öffnete er die Tür und trat in ein großes Bibliothekzimmer, das mit Menschen angefüllt war. Fremde saßen umher und entfalteten Karten und radebrechten in unbekannten Sprachen.

Ein Kommis brachte ihm eine ganze Kollektion von Reisehandbüchern. Er setzte sich nieder und sah sich die Bücher, deren biegsamer Pappband sich unter dem Druck seiner Finger bog, durch. Er durchblätterte sie und blieb bei einer Seite des Bädeker stehn, auf der die Museen Londons beschrieben sind.

Er interessierte sich für die kurzen und graziösen Details des Führers; seine Aufmerksamkeit ging von der alten englischen Malerei zu der neuen über, die ihn mehr reizte. Er erinnerte sich einiger Bilder, die er in internationalen Ausstellungen gesehn hatte, und hoffte, daß er sie vielleicht in London wiederfinden werde, wie die Gemälde von Millais: »die Krankenwache der heiligen Agnes«, mit jenem seltsamen grünlich-silbernen Mondlicht, dann Bilder von Watts, von eigentümlichem Farbengemisch, die von einem kranken Gustav Moreau entworfen und von einem blutarmen Michelangelo ausgeführt sein konnten.

Unter anderm erinnerte er sich einer »Denunziation des Kain« und einer »Ida«.

Alle diese Gemälde traten vor sein Gedächtnis. Der Kommis, erstaunt, diesen Käufer so in Gedanken verloren am Tische sitzen zu sehn, fragte ihn endlich, ob er schon eine Wahl getroffen habe.

Der Herzog starrte ihn ganz verdutzt an, entschuldigte sich, kaufte einen Bädeker und ging hinaus.

Die feuchte Luft machte ihn schaudern, der Wind blies von der Seite her und peitschte den Regen unter die Arkaden.

»Fahrt ein paar Schritte weiter!« rief er dem Kutscher zu, indem er ihm mit dem Finger einen Laden am Ende des Bogenganges bezeichnete, der die Ecke der Rue de Rivoli und der Rue Castiglione bildete und, von innen erhellt, mit seinen weißlichen Scheiben einer riesigen Nachtlampe glich, die in dem Mißbehagen dieses Nebels und in dem Elend dieses abscheulichen Wetters den Spaziergänger lockte.

Es war die »Bodega«.

Der Herzog ging in einen großen Saal, der sich zu einem langen Gang formte und von gußeisernen Pfeilern getragen war. An den Seitenwänden lagerten hohe Fässer, die mit königlichen Wappen bemalt waren und in farbigen Aufschriften den Namen ihres Inhalts bezeichneten.

In dem freigelassenen Raume zwischen den Fässern, unter den summenden Flammen einer abscheulich häßlichen, eisengrau bemalten Gaskrone standen Tische mit Körben voll trocknen oder salzigen Gebäcks, mit Tellern, auf denen Brötchen gehäuft lagen, die mit scharfer, senfhaltiger Butter bestrichen oder mit altem Holländerkäse belegt waren.

Ein Dunst von Alkohol schlug dem Herzog entgegen, als er in dem Saal Platz nahm.

Der Saal war mit Menschen angefüllt; um ihn herum wimmelte es von Engländern: blasse Geistliche von lächerlichem Aussehn, vom Kopf bis zu den Füßen in Schwarz gekleidet, mit weichen Hüten, geschnürten Schuhen, in endlosen Röcken, die auf der Brust mit kleinen Knöpfen besetzt waren, mit glattem Kinn, runden Brillen und glattem, fettigem Haar; aufgedunsne Weingesichter früherer Schweinehändler und Bulldoggengesichter mit Ohren wie Tomaten, blauroten Backen und Nase, blöden, blutunterlaufnen Augen und Bärten, die ihnen ein Pavian-Ansehn gaben.

Eine eigentümliche Erschlaffung befiel den Herzog in dieser Wachtstubenatmosphäre; betäubt von dem Geschwätz der um ihn herumsitzenden Engländer träumte er, und aus dem purpurnen Inhalt seines mit Portwein gefüllten Glases stiegen die Dickensschen Typen herauf, die so gern tranken, und bevölkerten so den Raum mit neuen imaginären Gestalten.

Er sah hier die weißen Haare und den feuerroten Teint Wickfields; dort das phlegmatische und schlaue Gesicht mit dem unversöhnlichen Blick Tulkinghorns, des unheimlichen Sachwalters von Bleak-House.

Ganz klar und bestimmt sonderten sich jetzt alle diese Figuren in seiner Erinnerung ab und ließen sich mit ihren Bewegungen in der Bodega nieder; sein Gedächtnis, durch die kürzliche Lektüre aufgefrischt, vergegenwärtigte ihm alles in den klarsten Farben.

Die Stadt, in der der Romanschreiber gelebt hatte, das hell erleuchtete Haus, schön durchwärmt, gut versorgt und verschlossen, wo der Wein sorgsam eingeschenkt wurde von der kleinen Dorrit, Dora Copperfield und der Schwester des Tom Pinch, erschienen ihm eine wohlige Arche in einer Sintflut von Schmutz.

Er faulenzte in diesem erträumten London, glücklich, in Sicherheit zu sein.

Sein Glas war leer. Trotz des dichten Dunstes, der in dem großen Raum herrschte, erhöht durch den Rauch von Zigarren und Pfeifen, empfand er ein leichtes Frösteln.

Er bestellte ein Glas Amontillado. Dieser herbe, helle Wein zerstörte die sanften Geschichten des englischen Dichters sehr bald, und die aufregend rauhen Phantasien des Edgar Poë tauchten wieder vor ihm auf. Plötzlich bemerkte er, daß er beinahe ganz allein in dem großen Saal war, die Dinerstunde war nahe; er zahlte und erhob sich hastig von seinem Sitz und gewann ganz betäubt die Tür.

Als er hinaustrat, schlug ihm der Regen heftig ins Gesicht, die Flammen der Straßenlaternen flackerten ängstlich hin und her.

Der Herzog betrachtete die Arkaden der Rue de Rivoli, die mit Wasser überschwemmt sich im Schatten verloren, und es war ihm, als wenn er sich im düstern Tunnel unter der Themse befinde; doch eine gewisse Leere im Magen, die sich sehr fühlbar machte, rief ihn in die Wirklichkeit zurück.

Er ging zu seinem Wagen und befahl dem Kutscher, nach einem englischen Restaurant in der Rue d'Amsterdam, nahe dem Bahnhof, zu fahren. Er sah nach der Uhr: es war gerade sieben. Er hatte also noch Zeit zu speisen; der Zug ging erst um acht Uhr fünfzig Minuten; er zählte an seinen Fingern, berechnete ungefähr die Stunden der Überfahrt von Dieppe nach Newhaven und sagte sich:

»Morgen mittag um halb eins werde ich in London sein.«

Der Fiaker hielt vor dem Restaurant still; wiederum stieg der Herzog aus und schritt in einen langen schmucklosen Saal.

Zahlreiche Bierpumpen waren auf dem Schenktisch aufgestellt, daneben lagen Schinken, so stark geräuchert, daß sie wie alte Violinen aussahen, Hummern wie mit rotem Bleioxyd gefärbt, marinierte Makrelen, die in einer trüben Sauce schwammen.

Er nahm in einer der leeren Nischen Platz und rief einen jungen Mann in schwarzem Anzug, der sich verbeugte und ihm etwas in einem unverständlichen Kauderwelsch erzählte.

Während man den Tisch deckte, musterte der Herzog seine Nachbarn. Es waren wie in der Bodega Söhne Albions, mit den bekannten Fayence-Augen, mit karmoisinrotem Teint, die mit bedächtiger und anmaßender Miene auswärtige Zeitungen lasen.

Damen ohne Herrenbegleitung speisten miteinander, robuste Engländerinnen mit männlichen Zügen und Zähnen so breit und groß wie Klaviertasten, mit vorstehenden Backenknochen, langen Händen und noch längern Füßen.

Sie fielen mit wahrem Heißhunger über die gebrachten Gerichte her, die mit überraschender Geschwindigkeit verschwanden.

Da er schon seit langem keinen Appetit mehr verspürt hatte, war er von der Gefräßigkeit dieser Frauenzimmer ganz verblüfft, fühlte aber, daß seine Eßlust dadurch angeregt wurde.

Er bestellte eine Oxtailsuppe und aß mit nicht geringem Behagen diese kräftige Brühe. Darauf wählte er einen Haddock, eine Art geräucherten Stockfisch, der ihm sehr schmackhaft schien, und da er die andern so einhaun sah, aß auch er noch ein Roastbeef mit Kartoffeln und trank zwei Glas Ale dazu, das ihn durch seinen herben, eigentümlichen Geschmack reizte.

Sein Hunger war bald gestillt, doch verarbeitete er noch ein Stück Stiltonkäse und beendete sein Diner mit einer Rhabarbertorte, und um abzuwechseln, befriedigte er seinen Durst noch mit einem Glas Porter.

Er atmete auf; seit Jahren hatte er nicht soviel gegessen und getrunken, diese Veränderung in seinen Gewohnheiten, diese Wahl unvermuteter, schwerer Nahrung hatte seinen Magen seiner schwerfälligen Ruhe entzogen. Er drückte sich tiefer in seinen Stuhl, zündete eine Zigarette an und machte sich daran, eine Tasse Kaffee, in den er Gin goß, zu schlürfen.

Der Regen fiel noch immer in Strömen vom Himmel, er hörte ihn auf das Glasdach prasseln, das den Hintergrund des Saales überdeckte, und wie in Wasserfällen aus den Dachrinnen stürzen. Niemand rührte sich im Saal, alle Gäste waren froh, hier im Trocknen und vor ihren gefüllten Gläsern zu sitzen.

Die Zungen lösten sich, und da fast alle diese Engländer beim Sprechen die Augen in die Höhe hoben, schloß der Herzog daraus, daß sie sich über das schlechte Wetter unterhielten. Nicht einer lachte. Fast alle waren in grauen, gelb und rosa gesprenkelten Cheviot gekleidet.

Er warf einen entzückten Blick auf seinen Anzug, der in Farbe und Schnitt wenig von dem der andern abstach, und es war ihm eine Befriedigung, in ihrer Mitte durchaus nicht aufzufallen.

Da schreckte er plötzlich auf.

»Und die Stunde der Abfahrt?« ...

Er zog rasch seine Uhr, sie zeigte jetzt sieben Uhr fünfzig Minuten.

»Ich habe also noch eine halbe Stunde Zeit, hier zu bleiben,« murmelte er und überdachte nochmals den Plan, den er gemacht hatte.

In seinem zurückgezognen Leben hatten ihn nur zwei Länder angezogen: Holland und England.

Er hatte den ersten seiner Wünsche befriedigt; eines schönen Tages, als er es nicht mehr aushalten konnte, hatte er Paris verlassen und die Städte der Niederlande eine nach der andern besichtigt.

Im ganzen genommen hatte er nur Enttäuschungen auf dieser Reise erlebt. Hatte er sich doch ein Holland nach den Werken von Teniers und Steen, von Rembrandt und Ostade vorgestellt; er hoffte Kirmesse, beständige Schmausereien auf dem Lande und die von den alten Meistern so gepriesne patriarchalische Gutmütigkeit und joviale Liederlichkeit zu finden.

Zwar hatten ihn Haarlem und Amsterdam bezaubert mit dem noch ungehobelten Benehmen des Volkes auf dem Lande. Aber von der ungezügelten Fröhlichkeit und der harmlosen Völlerei hatte er keine Spur bemerkt. Kurz, er mußte zugeben, daß ihn die holländische Schule des Louvre genasführt hatte. Sie war ihm nur ein Sprungbrett zu seinen Träumen gewesen.

Von alledem war nichts zu sehn; Holland war ein Land wie alle andern.

Er sah von neuem nach der Uhr: es fehlten noch zehn Minuten bis zur Abfahrt des Zuges. Es war die höchste Zeit, die Rechnung zu begleichen und hinüberzugehn.

Er verspürte plötzlich eine außerordentliche Schwere im Magen wie im ganzen Körper.

»Mut!« murmelte er, stürzte noch schnell ein Glas Brandy hinunter und verlangte seine Rechnung.

Ein Individuum in schwarzem Frack und einer Serviette unter dem Arm, mit spitzem, kahlem Schädel, steifem grauen Backenbart trat heran, einen Bleistift hinter dem Ohr, stellte ein Bein vor das andre, zog ein Notizbuch aus seiner Tasche und, ohne sein Papier anzusehn, die Augen auf die Gaskrone gerichtet, schrieb er alles auf und berechnete die Zeche.

»Hier,« sagte er, riß das Blatt aus seinem Buche und überreichte es dem Herzog, der ihn neugierig ansah.

»Welch seltsamer John Bull,« dachte er.

In diesem Augenblick öffnete sich die Tür der Kneipe, Leute kamen herein, die einen Geruch wie von durchnäßten Pudeln mitbrachten. Eine süße und wohlige Erschlaffung bemächtigte sich des Herzogs Jean; er fühlte sich unfähig, seine Beine zu bewegen, ja selbst die Hand auszustrecken, um sich eine Zigarre anzuzünden.

»Vorwärts, es ist die höchste Zeit!« sagte er sich, ohne sich zu rühren.

Wozu war es nötig, in größter Eile fortzustürzen, wenn man so bequem und so prächtig auf einem Stuhl reisen konnte?

War er nicht eigentlich schon in London, dessen Geruch, dessen Atmosphäre, dessen Einwohner, dessen Futter, dessen Geräte ihn umgaben?

Was konnte er denn erhoffen, wenn nicht neue Enttäuschungen, wie in Holland?

Er hatte gerade noch so viel Zeit, um nach dem Bahnhof gegenüber zu laufen, doch ein gewaltiger Widerwille gegen die Reise erfaßte ihn, und ein unabweisliches Bedürfnis, ruhig zu sitzen, drängte sich ihm mit Gewalt auf.

Nachdenklich ließ er einige Minuten verstreichen, schnitt sich auf diese Weise den Rückweg ab und sagte sich: »Jetzt würde ich mich in die Billettausgabe stürzen, mich mit meinem Gepäck herumstoßen müssen; wie verdrießlich!« –

Dann wiederholte er sich von neuem: »Im ganzen genommen habe ich gesehn und empfunden, was ich sehn und empfinden wollte. Ich bin mit englischem Leben seit meiner Abreise von Fontenay übersättigt und müßte wahnsinnig sein, wenn ich durch Umherirren meine Eindrücke zerstören sollte.«

»Sieh da,« fuhr er in seinem Monolog fort und sah auf die Uhr, »die Zeit ist da, heimzukehren!«

Jetzt stand er wirklich auf, ging hinaus und befahl seinem Kutscher, ihn nach dem Bahnhof von Sceaux zurückzufahren, und er kam wieder in Fontenay an mit seinen Koffern, Paketen, Reisedecken, Regenschirmen und Spazierstöcken und empfand die körperliche Abgehetzheit, die moralische Ermüdung eines Menschen, der nach einer langen, gefahrvollen Reise endlich wieder zu Hause anlangt.

Zwölftes Kapitel.

Während der Tage, die seiner Rückkehr folgten, betrachtete Herzog Jean mit Wohlgefallen seine Bücher, und bei dem Gedanken, daß er sich lange Zeit von ihnen hatte trennen können, empfand er eine ebenso wirkliche Befriedigung, wie er sie genossen hatte, wenn er sie nach einer ernstlichen Reise wiedergefunden hätte. Unter dem Impuls dieses Gefühls schienen ihm die Gegenstände neu, denn er nahm an ihnen Schönheiten wahr, die er vergessen, seitdem er sie erworben hatte.

Alles: Bücher, Nippsachen, Möbel, nahm in seinen Augen einen neuen Reiz an. Sein Bett schien ihm weicher im Vergleich zu dem Lager, das er in London eingenommen hatte; der diskrete, schweigsame Dienst des alten Ehepaares entzückte ihn, da er sich von dem Gedanken an die lärmende Redseligkeit der Hotelkellner ermüdet fühlte.

Er schöpfte frische Lebenskraft aus dem Bad der Gewohnheit.

Aber seine Bücher beschäftigten ihn hauptsächlich. Er prüfte sie, ordnete sie von neuem auf den Gestellen, sah genau nach, ob seit seiner Ankunft in Fontenay die Hitze und Feuchtigkeit ihre Einbände nicht beschädigt und ihr kostbares Papier nicht zerfressen hätte.

Er fing an, seine ganze lateinische Bibliothek umzuordnen, dann stellte er die Werke von Archelaus, Albert dem Großen, Lullus, Arnold de Villanova, die die Kabbala und geheimen Wissenschaften behandelten, in neuer Ordnung auf. Dann sah er seine modernen Bücher nacheinander durch und stellte mit Vergnügen fest, daß alle trocken und unversehrt geblieben waren.

Diese Sammlung hatte ihn bedeutende Summen gekostet. Denn er hatte sich die von ihm bevorzugten Verfasser in besondern Luxusausgaben angeschafft. In seiner Pariser Zeit hatte er für sich allein bestimmte Bücher herstellen lassen. Er ließ von England und Amerika neue Buchstaben für die Anfertigung von Werken dieses Jahrhunderts kommen; oder wendete sich an ein Geschäft in Lille, das einen ganzen Satz gotischer Typen besaß.

Er hatte es ebenso mit seinem Papier gemacht, denn er war eines Tages der silbernen Chinas, der perlmutternen und goldnen Japans überdrüssig geworden, wie auch der weißen Wathmans, der dunkelbraunen holländischen, der Turkeys und Seychal-Mills in Gemsfarben. Ebenso befriedigte ihn nicht mehr das mit Maschinen angefertigte Papier. Deshalb hatte er besonders gestreiftes Papier in den alten Fabriken von Vire bestellt, wo man sich noch der Stampfe bediente, die man früher anwendete, um Hanf zu verarbeiten.

Um ein wenig Abwechslung in seine Sammlungen zu bringen, hatte er sich verschiedentlich Ripspapier aus London schicken lassen; auch bereitete ihm ein Lübecker Fabrikant ein Preßbalkenpapier, bläulich, kräftig, etwas spröde, in dessen Stoff die Fasern durch Goldblättchen, wie sie in dem Danziger Goldwasser flimmern, ersetzt waren.

Dadurch hatte er sich Bücher einzig in ihrer Art verschafft. Sie waren in ungebräuchlichem Format, die er von Künstlern in antiker Seide, geprägtem Ochsen- und Coyleder artistisch einbinden ließ. Auch besaß er kostbare Einbände aus moirierter Seide und Taffet, und einige sogar mit oxydiertem Silberbeschlag und hellem Email ausgelegt.

So hatte er sich von dem bekannten alten Geschäft Le Clere die Werke von Baudelaire in großem Format wie Meßbücher mit großen steilen Buchstaben auf sehr feinem japanischen Filzpapier drucken lassen.

Der Herzog hatte dieses unvergleichliche Werk aus seinem Bücherschrank herausgezogen; er befühlte es andächtig und las gewisse Stellen wieder durch, die ihm in diesem einfachen, aber unschätzbaren Rahmen ergreifender als gewöhnlich erschienen.

Seine Bewunderung für diesen Schriftsteller war grenzenlos. Seiner Meinung nach hatte man sich bis jetzt in der Literatur darauf beschränkt, das Äußre der Seele zu erforschen. Baudelaire war weiter gegangen; er war bis zum Grund der unerschöpflichen Mine hinabgestiegen, hatte sich weit in die verlaßnen und unbekannten Gänge hineingewagt, war in den Distrikten der Seele angelangt, wo sich die widernatürliche Vegetation der Gedanken verzweigt.

Zu einer Zeit, wo die Literatur fast ausschließlich den Lebensschmerz dem Unglück einer verkannten Liebe oder den Eifersüchteleien des Ehebruchs zuschrieb, hatte Baudelaire diese kindischen Krankheiten überwunden und die unheilbareren, tiefern Schäden untersucht, die durch Übersättigung und Enttäuschung die Gegenwart martern, die Vergangenheit anwidern und die Zukunft erschrecken und beunruhigen.

Und je mehr der Herzog wieder Baudelaire durchlas, desto mehr erkannte er einen unendlichen Zauber in diesem Schriftsteller, der in einer Zeit, wo Verse nur dazu dienten, die äußern Erscheinungen von Wesen und Sachen wiederzugeben, es dahin gebracht hatte, das Unaussprechliche auszudrücken, dank einer kräftigen und vollen Sprache, die mehr als jede andre diese wunderbare Macht besaß, mit einer seltnen Gesundheit von Ausdrücken krankhafte Zustände der flüchtigsten und zitterndsten Art, der erschöpften Geister und traurigen Seelen festzustellen.

Außer Baudelaire waren die französischen Bücher in seiner Bibliothek ziemlich beschränkt. Er war gänzlich unempfänglich für die Werke, vor denen es zum guten Ton gehört, in Entzücken zu geraten.

»Der herzhafte Humor von Rabelais« und »die gesunde Komik Molières« brachten ihn nicht zum Lachen und seine Antipathie gegen diese Possen ging sogar so weit, daß er sich nicht scheute, sie mit Jahrmarktstand zu vergleichen.

Von den alten Dichtern las er nur Villon, dessen melancholische Balladen ihn rührten; hier und da einige Sachen von Aubigné, die durch die unglaubliche Heftigkeit ihrer Ausfälle und durch ihre Flüche sein Blut in Wallung brachten.

Von den Prosaisten beschäftigten ihn Voltaire und Rousseau sehr wenig, noch weniger Diderot, dessen so sehr gerühmte »Salons« ihm ganz besonders mit moralischen Abgeschmacktheiten und einfältigen Bestrebungen angefüllt schienen; aus Haß gegen all diesen Plunder vertiefte er sich fast ausschließlich in die Lektüre der christlichen Beredsamkeit, wie Bourdaloue und Bossuet, deren kräftige und bilderreiche Sprache ihm imponierte. Aber vorzugsweise erquickte er sich an den ernsten und markigen Sätzen, die Nicole und besonders Pascal aufbauten, dessen strenger Pessimismus und schmerzliche Zerknirschung ihm zu Herzen gingen.

Diese wenigen Bücher ausgenommen, fing die französische Literatur in seiner Bibliothek erst mit dem neunzehnten Jahrhundert an.

Sie teilte sich in zwei Gruppen: die eine bestand aus der gewöhnlichen, profanen, die andre aus der Kirchenliteratur.

Aus der Menge seichter Schwätzer, die die Kirchenliteratur auf ihrem Gewissen hatte, ragte besonders Lacordaire hervor, einer der wenigen wirklichen Schriftsteller, den die Kirche seit Jahren hervorgebracht hatte.

Höchstens waren noch einige Seiten seines Schülers, des Abtes Peyreyve, lesbar. Dieser hatte eine rührende Biographie seines Lehrers hinterlassen, einige liebenswürdige Briefe geschrieben, Artikel in klangvoller Rednersprache verfaßt und Lobreden gehalten, in denen aber ein schwülstiger Ton zu sehr vorherrschte.

In Wahrheit aber hatte der Abt Peyreyve weder die Erregung noch die flammende Begeisterung eines Lacordaire.

Der im allgemeinen abgedroschne bischöfliche, von den Prälaten gehandhabte Stil war wieder etwas männlicher geworden. Das zeigte sich besonders bei dem Grafen de Falloux.

Unter dem Schein der Mäßigung schwitzte dieser Akademiker geradezu Galle. Seine im Parlament 1848 gehaltnen Reden waren dagegen weitschweifig und matt, aber seine in dem »Correspondent« veröffentlichten und seitdem in Sammlungen vereinigten Artikel waren beißend und scharf und von einer übertriebnen Höflichkeit in ihrer Form.

Er war ein gefährlicher Polemiker wegen seiner Hinterhalte, ein schlauer Logiker, der seitwärts ging und unvermutet traf.

Etwas geschraubter, gezwungner, ernster war Ozanam, der geliebte Schutzredner der Kirche, der Glaubensrichter der christlichen Sprache.

Obgleich Herzog Jean schwer zu überraschen war, war er dennoch erstaunt über die Dreistigkeit dieses Schriftstellers, der von den unerklärlichen Absichten Gottes redete, als ob er die Beweise der unwahrscheinlichen Behauptungen, die er vorbrachte, hätte beibringen können.

Ein Buch, das sein Interesse in hohem Grade zu erwecken vermocht hatte, war: »Der Mensch« von Ernest Hello.

Dieser war die absolute Antithese seiner religiösen Mitbrüder. Fast isoliert in der gottesfürchtigen Gruppe, die seine Art abschreckte, hatte Ernest Hello schließlich den großen Verbindungsweg, der von der Erde zum Himmel führt, verlassen. Ohne Zweifel angewidert von der langweiligen Einförmigkeit der Straße und von dem Gewühl dieser Schriftpilger, die im Gänsemarsch seit Jahrhunderten hintereinander dieselbe Chaussee gingen, indem einer in des andern Fußstapfen trat und an denselben Orten anhielt, um dieselben Gemeinplätze über die Religion, die Kirchenväter, über ihre gleichen Überzeugungen und ihre gleichen Meister auszutauschen, war er durch die Seitenpfade gegangen und war in der düstern Waldlichtung von Paschalis gemündet, wo er lange gehalten hatte, um Atem zu schöpfen. Dann hatte Hello seinen Weg fortgesetzt und war weiter als der Jansenist vorgedrungen, den er übrigens verspottete.

Gewunden und geziert, pedantisch und verwickelt, wie Hello war, erinnerte er den Herzog durch die eindringlichen Spitzfindigkeiten seiner Analyse an die forschenden, kritischen Studien einiger Psychologen des vergangnen und dieses Jahrhunderts.

In diesem eigentümlich gebildeten Geist existierten wundersame Gedankenverbindungen, unvermutete Annäherungen und Widersprüche. Ihm imponierte Hellos seltsame Art, von der Etymologie der Wörter auf geistreiche Beziehungen zu kommen, die manchmal etwas dünn wurden, aber fast immer blendend waren. –

Zwei Werke von Barbey d'Aurévilly reizten den Herzog ganz besonders: »Le Prêtre marié« und »Les Diaboliques«. In diesen eigentümlichen Büchern hatte der Verfasser beständig zwischen den beiden Extremen der katholischen Religion laviert, die sich vereinigen: Mystizismus und Sadismus.

In diesen zwei Büchern, die der Herzog wieder durchblätterte, hatte Barbey jede Klugheit verloren, seinem Pferde die Zügel schießen lassen und war in gestrecktem Galopp auf Wegen davon geritten, die er bis zu ihrem äußersten Ende verfolgte.

Der ganze Schrecken des Mittelalters schwebte über diesem unwahrscheinlichen Buch des »verheirateten Priesters«: die Magie vermischte sich mit der Religion, und unbarmherziger und grausamer als der Teufel quälte der Gott der Erbsünde die unschuldige Calixte, seine Verstoßne, die er mit einem roten Kreuz auf der Stirne gezeichnet hatte, wie er ehemals von seinem Engel die Häuser der Abtrünnigen, die er verderben wollte, hatte zeichnen lassen.

Nach diesen mystischen Abschweifungen hatte der Schriftsteller eine Periode der Ruhe gehabt; dann aber war ein schrecklicher Rückfall eingetreten.

In dem »verheirateten Priester« wurde das Lob Christi von Barbey d'Aurévilly gesungen; in »den Teuflischen« hatte sich der Verfasser dem Teufel ergeben, den er pries; und jetzt erschien der Sadismus, dieser Bastard des Katholizismus, den die Religion in allen Formen mit Exorzismen und Scheiterhaufen durch alle Jahrhunderte verfolgt hat.

Mit Barbey d'Aurévilly nahm die Serie der religiösen Schriftsteller ein Ende. Eigentlich gehörte dieser Paria in jeder Hinsicht mehr zur weltlichen Literatur als zu jener andern, bei der er einen Platz beanspruchte, den man ihm verweigerte. Seine Sprache war die des wilden Romantismus, voll gewundner Wendungen und übertriebner Vergleiche, und eigentlich erschien d'Aurévilly wie ein Zuchthengst unter diesen Wallachen, die die ultramontanen Ställe füllen.

Dem Herzog kamen diese Betrachtungen beim gelegentlichen Wiederlesen einiger Stellen dieses Schriftstellers, und wenn er diesen nervösen, abwechslungsreichen Stil mit der lymphatischen und unbeweglichen Art seiner Mitbrüder verglich, gedachte er ebenfalls der Fortentwicklung der Sprache, die uns Darwin so klar dargestellt hat.

Mittlerweile kündigte der silberne Ton einer Glocke, die auf den Ton der Angelusglocke abgestimmt war, dem Herzog an, daß das Frühstück aufgetragen sei.

Er ließ seine Bücher liegen, trocknete sich die Stirn und ging nach dem Eßzimmer, indem er sich sagte, daß von all den Büchern, die er soeben geordnet hatte, die Werke von Barbey d'Aurévilly noch die einzigen waren, bei denen Gedanken und Stil an den Hautgout der decadenten lateinischen Schriftsteller der alten Zeit, die ihm so sympathisch waren, erinnerten.

Dreizehntes Kapitel.

Das Wetter war in diesem Jahre ganz ungewöhnlich: nach den Stoßwinden und Nebeln lag ein weißglühender Himmel über der Gegend ausgebreitet.

In zwei Tagen war ohne jeden Übergang der feuchten Kälte und den Regengüssen eine brennende Hitze, eine Luft von entsetzlicher Schwere gefolgt. Wie mit Feuerhaken geschürt strahlte die Sonne, gleich der Öffnung eines Backofens, ein fast weißes Licht aus, das das Auge blendete; ein heißer Staub erhob sich von den kalkigen Chausseen und verdorrte die Bäume und den Rasen. Die Sonne, die auf die weißgetünchten Mauern, die Zinkdächer und die Fensterscheiben niederbrannte, blendete förmlich. Die Glut einer Gießerei lag auf dem Hause des Herzogs Jean.

Halb nackt öffnete er ein Fenster, eine Welle heißer Luft schlug ihm ins Gesicht; in dem Eßsaal, in den er sich flüchtete, war es glühend.

Er setzte sich ganz verzweifelt nieder, denn die Überreizung, die ihn aufrechthielt, solange er beim Ordnen seiner Bücher seinen Träumen nachgehangen hatte, war jetzt vorüber.

Wie alle nervösen Leute wurde er durch die Hitze sehr angegriffen. Die Bleichsucht, durch die Kälte zurückgehalten, machte sich wieder bemerkbar und schwächte den ohnedies schon matten Körper noch mehr durch übermäßigen Schweiß.

Das Hemd klebte auf dem nassen Rücken; die Beine und Arme kraftlos, die Stirn mit Schweiß bedeckt, der in salzigen Tropfen die Backen hinablief, lag der Herzog wie gebrochen in seinem Sessel. Der Anblick des Fleisches, das auf dem Tische stand, widerte ihn in diesem Augenblick an, und er befahl, es fortzutragen; er bestellte sich Eier und versuchte Stückchen Brot, ins weiche Gelbe getunkt, hinunterzuwürgen; aber sie blieben ihm in der Kehle sitzen. Die Neigung zum Erbrechen kam. Er trank einige Tropfen Wein, die ihm wie Feuer im Magen brannten.

Er wischte sich das Gesicht ab; der Schweiß, noch eben warm, floß kalt an den Schläfen entlang. Er sog einige Stückchen Eis langsam auf, um die Übelkeit zu vertreiben. Doch vergeblich.

Eine grenzenlose Mattigkeit drückte ihn nieder; er meinte zu ersticken und stand auf.

Noch nie hatte er sich so beunruhigt, so zerrüttet, so elend gefühlt. Dabei quollen seine Augen, er sah die Gegenstände doppelt, und sie drehten sich um sich selbst. Bald verschwand ihm das Gefühl für die richtigen Entfernungen, sein Glas schien ihm eine Meile von ihm zu stehn. Er verhehlte sich nicht, daß er der Spielball seiner sensationellen Täuschungen war, und unfähig, dagegen zu reagieren, legte er sich auf das Sofa im Salon.

Da aber wiegte ihn ein Schwanken, wie das Schwanken eines Schiffes, und die Übelkeit wurde stärker; er stand wieder auf und entschloß sich, durch ein Verdauungsmittel die Eier, die ihn nahezu erstickten, hinunterzubringen.

Er ging nach dem Eßzimmer zurück und verglich sich in dieser Kabine melancholisch mit einem Seereisenden. Er kam sich wie ein von Seekrankheit befallner Passagier vor.

Schwankenden Schrittes wendete er sich dann zu dem Wandschrank, prüfte seine Mundorgel, doch öffnete er sie nicht, sondern nahm von dem obern Brett eine Flasche mit Benediktiner, die er ihrer Form wegen aufbewahrte.

Aber für den Augenblick war ihm alles gleichgültig; mit mattem Auge betrachtete er die dickbäuchige dunkelgrüne Flasche, die sonst in ihm die Vorstellung eines mittelalterlichen Klosters wachgerufen hätte: mit ihrem antiken Mönchsbauch, ihrem Kopf und Hals, mit einer Pergamentkapuze versehn, ihrem roten Wachssiegel mit den drei silbernen Bischofshüten am Halse, gesiegelt wie eine Bulle, und einer Etikette, auf deren gelblichem Papier in Mönchslatein stand: »Liquor Monachorum Benedictinorum Abbatiae Fiscanensis.«

Diese klösterliche Hülle barg einen safrangelben Likör von entzückender Zartheit.

Er trank einige Tropfen von diesem Likör und fühlte während eines Augenblicks etwas Erleichterung, aber bald brannte das Feuer wieder von neuem in seinen Eingeweiden.

Er warf verzweifelt seine Serviette hin und begab sich wieder in sein Arbeitszimmer, wo er langsam auf und ab ging.

Es war ihm, als sei er unter einer Luftglocke, in der ihm die Luft nach und nach entzogen wurde, und eine wonnige grausame Schwäche bemächtigte sich seiner, die vom Rückenmark durch alle Glieder ging. Er sträubte sich dagegen, und da er es nicht mehr aushalten konnte, flüchtete er sich, vielleicht zum erstenmal seit seiner Ankunft in Fontenay, in seinen Garten und suchte Schutz unter einem Baum, der einen runden Schatten warf.

Er saß auf dem Rasen und sah mit stumpfer Miene auf die viereckigen Gartenbeete, auf denen seine alten Dienstboten Gemüse gepflanzt hatten.

Er sah sie wohl an, aber erst nach Verlauf einer Stunde bemerkte er sie, denn ein gräulicher Nebel schwebte vor seinen Augen und ließ ihn nichts unterscheiden, ähnlich wie auf dem Meeresgrund, wo man nur unbestimmte Bilder gewahrt.

Schließlich fand er sein geistiges Gleichgewicht wieder und unterschied deutlich Zwiebeln vom Kohl, sowie etwas weiter ein Feld mit Kopfsalat und im Hintergrunde die ganze Hecke entlang eine Reihe weißer Lilien, die unbeweglich in der schweren Luft ihren Duft ausströmten.

Er durchstöberte den Garten und interessierte sich für die in der Hitze verwelkten Pflanzen und den heißen Erdboden, der in dem glühenden Staub der Luft dampfte. Dann bemerkte er oberhalb der Hecke, die den tiefer gelegnen Garten von der erhöhten Straße, die nach dem Vorwerke führte, trennte, einige Jungen, die sich in vollem Sonnenbrand im Staube wälzten.

Er konzentrierte seine Aufmerksamkeit eben auf sie, als ein andrer, kleinerer erschien; er sah schmutzig aus, hatte Haar wie Seegras und war voll von Sand; zwei grüne Blasen hatte er unter der Nase, widerliche Lippen, weiß beschmiert mit weichem Käse, der auf Brot gestrichen und mit gehackten Zwiebeln bestreut war.

Der Herzog sog den Geruch davon ein; ein krankhaftes Gelüst bemächtigte sich seiner. Die schmutzigen Brotschnitte ließen ihm das Wasser in den Mund treten. Es schien ihm, als wenn sein Magen, der jede Nahrung verweigerte, dies abscheuliche Essen verdauen und sich sein Gaumen wie an einem Leckerbissen daran laben könne.

Er sprang auf, lief nach der Küche, befahl, aus dem Dorf einen Laib Brot, weißen Käse und Zwiebeln zu holen, bestimmte, wie man ihm die Brotschnitte bereiten solle, genau wie die, an denen der Junge herumwürgte, und ging zu seinem Baum zurück, unter dem er sich wieder niederließ.

Jetzt schlugen sich die Jungen. Sie entrissen sich Stücke Brot, die sie sich in die Backen stopften, wobei sie sich die Finger ableckten. Es hagelte dabei Fußtritte, Faustschläge, und die Schwächsten, die zur Erde geworfen wurden, schlugen mit den Beinen um sich und heulten.

Dieses Schauspiel belebte den Herzog; das Interesse, das er an dem Kampf nahm, wendete seine Gedanken von seinem Übel ab; bei der Erbittrung der Bengel dachte er an das grausame Gesetz vom Kampf ums Dasein, und obgleich diese Jungen nur aus niedrigem Stande waren, konnte er sich doch nicht erwehren, sich für ihr Los zu interessieren und zu glauben, daß es besser für sie gewesen wäre, wenn ihre Mütter sie nicht in die Welt gesetzt hätten.

»Welcher Wahnsinn,« dachte der Herzog, »Kinder zu zeugen!«

Der Diener unterbrach die wohlgemeinten Betrachtungen, über die der Herzog nachgrübelte, und überreichte ihm auf einem silbernen Teller das gewünschte Käsebrot.

Eine Übelkeit überkam ihn; er hatte nicht den Mut, dieses Butterbrot zu essen, denn die krankhafte Überreizung seines Magens war vergangen. Ein Gefühl entsetzlicher Zerrüttung befiel ihn von neuem; er mußte aufstehn. Die Sonne drehte sich und nahm nach und nach seinen Platz ein, die Hitze wurde noch drückender und lästiger. – »Werfen Sie das Butterbrot den Jungens hin,« sagte der Herzog zu dem alten Diener, »mögen die sich darum schlagen; mögen sich die Schwächern verkrüppeln und keinen Teil an den Leckerbissen haben; mögen sie obendrein von ihren Eltern tüchtig durchgeprügelt werden, wenn sie mit zerrißnen Hosen und blauen Augen nach Hause kommen; das wird ihnen einen Vorgeschmack von dem Leben, das ihrer wartet, geben!«

Mit diesen Worten ging er langsam seinem Hause zu und sank halb ohnmächtig auf einem Sessel nieder.

»Ich muß indessen versuchen, etwas zu essen,« murmelte er, und er tunkte einen Zwieback in einen alten Constantia, von dem er noch einige Flaschen im Keller hatte.

Dieser Wein, in der Farbe leicht angebrannter Zwiebelschale, der die Mitte zwischen Malaga und Portwein hält, doch mit einem besonders zuckrigen Bukett und einem Nachgeschmack von Weintrauben, hatte ihn oft gestärkt und manchmal sogar seinem durch gezwungnes Fasten geschwächten Magen neue Kraft eingeflößt. Aber diese Herzstärkung, sonst treu und zuverlässig, verfehlte heut ihre Wirkung.

Nun hoffte er, daß ein linderndes Mittel die glühenden Eisen, die ihm gleichsam den Magen zerrissen, vielleicht abkühlen werde, und er nahm seine Zuflucht zu dem Nalifka, einem russischen Likör in einer mattgolden glasierten Flasche. Aber dieser ölige und himbeerartige Saft war ebenfalls wirkungslos.

Leider! Die Zeit war fern, wo der Herzog sich noch einer guten Gesundheit erfreute, wo er in voller Hundstagshitze auf seinem Besitztum einen Schlitten bestieg und da, eingewickelt in Pelze, die er bis zur Brust hinaufzog, zu frösteln versuchte und sich sagte, indem er sich mit den Zähnen zu klappern bemühte: »Ah! dieser Wind ist eisig, man erfriert fast, man erstarrt wirklich!« bis es ihm fast gelang, sich zu überzeugen, daß es recht bitterlich kalt sei!

Unglücklicherweise wirkten diese Mittel nicht mehr, seit seine Leiden tatsächlich überhandgenommen hatten.

Dabei blieb ihm nicht einmal die Zuflucht, zur Opiumtinktur zu greifen; denn anstatt ihn zu beruhigen, regte ihn dies schmerzstillende Mittel derartig auf, daß es ihm die Ruhe raubte.

Früher hatte er sich mit Opium und Haschisch Visionen erzeugen wollen, aber diese beiden Substanzen hatten Erbrechen und heftige nervöse Aufregungen herbeigeführt, er hatte sofort darauf verzichtet und ohne Hilfe dieser derben Reizmittel von seinem Gehirn allein verlangt, ihn weit von dem Leben ab ins Reich der Träume zu führen.

»Welch ein Tag!« seufzte der Herzog; er trocknete sich den Hals und fühlte, daß das, was ihm noch an Kräften geblieben war, sich in neuem Schweiß auflöste. Eine fieberhafte Erregung verhinderte ihn, still zu sitzen. Von neuem irrte er durch alle Zimmer und versuchte alle Sitze nacheinander.

Des Kampfes müde sank er endlich vor seinem Schreibtisch nieder. Den Ellbogen auf die Platte gestützt, bewegte er mechanisch, ohne an etwas zu denken, einen Sternhöhenmesser, der anstatt eines Briefbeschwerers auf einem Haufen Bücher und Notizen stand.

Er hatte dieses Instrument aus graviertem, vergoldetem Kupfer, das aus Deutschland stammte und im siebzehnten Jahrhundert gearbeitet worden war, bei einem Trödler in Paris gekauft, nach einem Besuch des Cluny-Museum, wo er lange in Entzücken vor einem wunderbaren Astrolabium aus geschnitztem Elfenbein gestanden hatte, dessen kabbalistische Art ihn geradezu bezauberte.

Dieser Briefbeschwerer rief einen ganzen Schwarm Erinnerungen in ihm wach. Der Anblick dieser Seltenheit ließ ihn vergessen, wo er sich befand, seine Gedanken schweiften zurück zu dem Trödler in Paris, der ihm das Instrument verkauft hatte.

Er sah sich im Geist wieder im Museum vor dem Astrolabium aus Elfenbein, während seine Augen fortfuhren, den Sternhöhenmesser aus Kupfer vor sich auf dem Tische zu betrachten, ohne ihn zu sehn.

Vierzehntes Kapitel.

Einige Tage lang war sein Zustand erträglich, durch die Mittel, die er seinem Magen anbot. Aber eines Morgens wollte er die marinierten Gerichte nicht mehr annehmen, und der Herzog fragte sich beunruhigt, ob seine große Schwäche nicht noch zunehmen und ihn nötigen werde, das Bett zu hüten.

Es fiel ihm plötzlich ein, daß einer seiner Freunde es mit Hilfe eines gewissen Nahrungsmittels erreicht hatte, seiner Blutarmut Einhalt zu tun und sich das bißchen Kraft zu erhalten.

Er schickte schnell seinen Diener nach Paris, um sich dieses kostbare Mittel zu verschaffen; nach dem Prospekt, den der Fabrikant beigelegt hatte, unterrichtete er selbst seine Köchin, wie das Rindfleisch in kleine Stücke zu schneiden und zuzubereiten sei.

Den durch diese Prozedur gewonnenen Saft nahm er löffelweise ein.

Durch diese Kur wurde das Nervenleiden aufgehalten, und der Herzog sagte sich:

»Das hätten wir immerhin erreicht; vielleicht daß die Temperatur sich ändert und der Himmel etwas Asche auf diese abscheuliche Sonne wirft, die mich völlig erschöpft, und daß ich mich ohne große Schwierigkeit bis zur ersten Kälte durchschlagen werde.«

In dieser Erschlaffung und müßigen Langeweile, in die er versunken war, ärgerte ihn seine Bibliothek, deren Ordnung unvollendet geblieben war; da er nicht mehr aus seinem Lehnstuhl aufstehn konnte, hatte er unaufhörlich seine profanen Bücher vor sich, die wie Kraut und Rüben in den Fächern standen und lagen. Die Unordnung verletzte ihn um so mehr, da sie zu der sorgfältigen Ordnung der religiösen Bibliothek in schreiendem Widerspruch stand.

Er versuchte dieser Verwirrung ein wenig abzuhelfen, aber nachdem er zehn Minuten gearbeitet hatte, war er wie in Schweiß gebadet; die Anstrengung erschöpfte ihn. Wie gebrochen legte er sich aufs Sofa und klingelte seinem Diener.

Auf seine Angabe hin machte sich der alte Mann ans Werk, ihm einzeln die Bücher zuzutragen, die er prüfte und deren Platz er bezeichnete.

Diese Arbeit war von kurzer Dauer, denn die Bibliothek des Herzogs Jean schloß nur eine außerordentlich kleine Zahl moderner weltlicher Werke ein.

Er war nämlich zu dem Resultat gelangt, daß er nicht mehr ein Buch entdecken könne, das seinen geheimen Wünschen entsprach; und seine Bewunderung ließ sogar für die Bücher nach, die dazu beigetragen hatten, seinen Geist zu schärfen und ihn so argwöhnisch und so wählerisch zu machen.

In der Kunst waren seine Ideen von dem eigentlich selbständigen Standpunkt ausgegangen: für ihn existierten keine Schulen, das Temperament des Schriftstellers allein war für ihn maßgebend. Die Arbeit seines Gehirns interessierte ihn, welches Thema er sich auch gestellt haben mochte.

Leider war in Wahrheit diese Schätzung, eines La Palisse würdig, beinahe undurchführbar, und zwar aus dem einfachen Grunde, weil jeder, wenn er es auch wünscht, sich von allen Vorurteilen loszumachen, und sich jeder Parteinahme zu enthalten sucht, sich aber doch mit Vorzug zu den Werken hingezogen fühlt, die mit seinem Temperament am meisten übereinstimmen.

Dieser Prozeß der Auswahl hatte sich langsam in ihm vollzogen; er hatte vor kurzem noch den großen Balzac angebetet, aber zur selben Zeit, als sein Organismus aus dem Gleichgewicht geriet und seine Nerven die Herrschaft übernahmen, hatten sich auch seine Neigungen modifiziert und seine Bewunderungen vermindert.

Seit kurzem sogar, und obwohl er sich Rechenschaft von seiner Ungerechtigkeit gegen den trefflichen Verfasser der »menschlichen Komödie« ablegte, war er dahin gekommen, seine Werke nicht mehr zu öffnen. Andre Wünsche bewegten ihn jetzt, die kaum definierbar waren.

Er sah bei einiger Prüfung zwar ein, daß ein Werk, das ihn anziehn sollte, den Stempel der Seltsamkeit tragen müsse, wie zum Beispiel Edgar Poës Kunst; aber er wagte sich häufig noch weiter vor auf diesem Wege.

Er wollte durchaus ein Kunstwerk, das für sich Bedeutung hatte. Er wollte ihm folgen, wie gestützt und getragen von einem freundlichen Helfer, in eine Sphäre, in der ihm die erhabnen Empfindungen eine ungeahnte Sensation einflößten, bei denen er lange nach der Ursache forschen konnte.

Er entfernte sich mehr und mehr von der Wirklichkeit und besonders von der heutigen Gesellschaft, gegen die er einen wachsenden Abscheu empfand. Dieser Haß hatte notgedrungen auf seinen literarischen und künstlerischen Geschmack gewirkt, und er wandte sich soviel wie möglich von den Bildern und Büchern ab, deren in der Stoffwahl eng begrenzte Themata sich auf das moderne Leben beschränkten.

Somit verlor er die Fähigkeit, die Schönheit, unter welcher Form sie sich auch darbot, gleichgültig zu bewundern, und zog bei Flaubert »die Versuchung des heiligen Antonius« der »sentimentalen Erziehung«, bei Goncourt »die Faustina« der »Germinie Lacerteux«, bei Zola »die Schuld des Abbés Mouret« dem »Assommoir« vor.

Dieser Gesichtspunkt schien ihm logisch. Diese weniger unmittelbar wirkenden, aber so mächtigen, so menschlichen Werke ließen ihn tiefer in den Schacht des Temperamentes dieser Meister eindringen, die mit aufrichtiger Ungezwungenheit die geheimnisvollsten Erregungen ihres Wesens offenbarten.

Und so trat er in vollständige Ideenübereinstimmung zu ihren Verfassern, weil sie sich wohl in einer gleichen Geistesverfassung wie er befunden haben mochten.

Bei Flaubert waren es die feierlichen, ungeheuern Gemälde, großartiger Prunk in barbarisch prachtvoller Umrahmung, auf denen entzückend zarte, geheimnisvolle und stolze Wesen Leben annahmen: Frauen in höchster Vollendung ihrer Schönheit, mit kranken Seelen, in ihrem Innern schreckliche Verwüstungen und wahnsinnige Wünsche.

Das ganze Temperament des großen Künstlers zeigte sich in den unvergleichlichen Seiten der »Versuchung des heiligen Antonius« und in »Salambo«, wo er weitab von unserm armseligen Leben den Glanz der alten Zeiten heraufbeschwor mit ihren mystischen Gebeten, ihrem Verfall und ihren Grausamkeiten.

Bei Edmond de Goncourt war es das Heimweh nach dem vorigen Jahrhundert, eine Rückkehr zu der Eleganz einer für immer verschwundnen Gesellschaft; der begeisterte Lobgesang auf das Meer, das sich an den Hafendämmen bricht. Die Wüsten, die sich in endloser Ferne unter dem heißen Himmel verlieren, existierten nicht in seinem Heimweh-Werk, das sich in einen königlichen Park oder in ein Boudoir zurückzog, das durch die wollüstigen Ausströmungen eines Weibes mit müdem Lächeln, lüsternem Mund und sinnenden Augen erwärmt wird. Die Seele, mit denen Goncourt seine Menschen belebte, war nicht die Seele, die Flaubert seinen Geschöpfen eingab.

Obgleich sie unter uns gelebt hatte, obgleich sie ganz Leben und Körper unsrer Zeit war, war die Faustina dennoch durch erbliche Einflüsse ein Wesen des vergangnen Jahrhunderts, von dem sie die Würze der Seele, die geistige Müdigkeit und die sinnliche Ausschweifung hatte.

Dieses Buch von Goncourt war eins der Lieblingsbücher des Herzogs. Sein Verlangen, über einem Werke träumen zu können, wurde in diesem Werke gestillt, wo man überall zwischen den Zeilen lesen konnte.

Es war nicht die Sprache Flauberts, diese Sprache unnachahmlicher Pracht, sondern es war ein durchsichtig-krankhaft-nervöser Stil, ein Stil, der fähig war, die komplizierten Nuancen einer Epoche auszudrücken, die an und für sich schon außerordentlich verwickelt waren.

In Paris war das in der Literaturgeschichte beinahe Unglaubliche geschehn: die mit dem Tode ringende Gesellschaft des achtzehnten Jahrhunderts, das Maler, Bildhauer, Musiker, Architekten in Fülle hervorgebracht hatte, die von seinem Stil durchdrungen und seinen Doktrinen erfüllt waren, hatte nicht einen wirklichen Schriftsteller gehabt, der seine morbide Grazie darzustellen verstand. Man hatte das Auftreten Goncourts abwarten müssen, dessen Kunst aus Erinnerungen bestand, aus wieder aufgefrischten Klagen über den leidigen Anblick des geistigen Elends und des niedrigen Trachtens seiner Zeit, damit er, nicht nur in seinen Geschichtsbüchern, sondern auch in seinem Heimweh-Werk, wie die »Faustina«, die Seele dieser Epoche wieder auferwecken, ihre nervösen Zartheiten in dieser Künstlerin verkörpern konnte.

Bei Zola war das Heimweh nach dem Jenseits anders geartet.

In ihm war nicht der Wunsch nach Auswandrung in verschwundne Regionen, nicht das Bedürfnis, in vergangne Zeiten zu flüchten. Sein mächtiges zielbewußtes Temperament, verliebt in die Üppigkeiten des Lebens, in die sanguinischen Kräfte und moralische Gesundheit, ließ ihn sich von den künstlichen Reizen und der geschminkten Blutarmut des vergangnen Jahrhunderts fern halten, wie auch von der hierarischen Feierlichkeit, der brutalen Grausamkeit und den verweichlichten, zweideutigen Träumerein des alten Orients.

An dem Tage, an dem auch er von diesem Heimweh, von dem Bedürfnis und Sehnen erfaßt worden war, das im Grunde die Poesie selbst ist, da hatte er sich in ein ideales Gefilde gestürzt, wo der Saft in voller Sonne schäumte; er hatte von der phantastischen Brunst des Himmels, von dem berauschenden Entzücken der Erde, von dem befruchtenden Regen des Blütenstaubes, der in die lechzenden Organe der Blumen fällt, geträumt. So war er zu einem riesenhaften Pantheismus gekommen, hatte, gegen seinen Willen vielleicht, mit diesem paradiesischen Milieu, in das er seinen Adam und seine Eva stellte, eine wunderbare indische Dichtung geschaffen, in einem Stil, dessen kühne, roh aufgetragne Farbe einen seltsamen Glanz, wie die der indischen Malerei hatte, indem er die Hymne der Fleischeslust anstimmte, das belebte und lebende Sinnliche feierte und durch das Betonen des Fortpflanzungsdranges der menschlichen Kreatur die verbotne Frucht der Liebe, ihre instinktiven Liebkosungen, ihre natürliche Stellung offenbarte.

Mit Baudelaire waren diese drei Meister in der französischen modernen profanen Literatur die, die den Geist des Herzogs am meisten gefesselt hatten; aber dadurch, daß er sie zu oft gelesen hatte, war er von diesen Werken übersättigt.

Er kannte sie auswendig, und um sich noch wieder in sie versenken zu können, hatte er sich bemüht, sie zu vergessen und sie einige Zeit in ihren Fächern ruhen zu lassen.

Deshalb öffnete er sie auch kaum, als der Diener sie ihm jetzt hinhielt. Er begnügte sich, den Platz zu bezeichnen, den sie einnehmen sollten, und beachtete nur, daß sie auch richtig und gut geordnet wurden.

Der Diener brachte ihm einen neuen Stoß Bücher. Es waren dies zwar weniger bedeutende Werke, zu denen er aber doch nach und nach eine Neigung gefaßt hatte.

Gerade ihre Unvollkommenheiten gefielen ihm, vorausgesetzt, daß sie nicht unselbständig waren; und vielleicht enthält die Behauptung eine Dosis Wahrheit, die meint, daß uns der Schriftsteller zweiten Ranges, der wohl eine Individualität darstellt, aber seiner Selbständigkeit noch nicht bewußt geworden ist, einen noch kräftigern Trank zumutet, als der Künstler derselben Zeit, der wirklich groß und wirklich vollkommen ist.

Daher wendete er sich notgedrungen von den Meistern ab und den Schriftstellern zu, die ihm dadurch noch teurer wurden, daß sie das Publikum, das sie nicht verstand, verachtete.

Einer von ihnen, Paul Verlaine, hatte mit einem Band Verse »Poèmes Saturniens« debütiert, einem ziemlich schwachen Werk, in dem sich die Nachahmungen von Leconte de Lisle und romantische Rhetorik berührten, aber in dem schon in gewissen Teilen, wie in dem Sonett: »Rêve familier« die wirkliche Persönlichkeit des Poeten durchschimmerte.

Beim Studium seiner frühen Gedichte erkannte der Herzog unter seinen unselbständigen Versuchen ein Talent, das schon von Baudelaire tief durchdrungen war, dessen Einfluß sich später noch mehr geltend machte, ohne das er erdrückend geworden wäre.

Seine spätern Bücher, die »Bonne Chanson«, die »Fêtes galantes«, die »Romances sans paroles«, schließlich sein letzter Band »Sagesse« enthielten Gedichte, in denen sich der originelle Schriftsteller offenbarte und sich von dem großen Haufen seiner Kollegen glänzend abhob.

Im Gegensatz zu Verlaine, der direkt von Baudelaire abstammte und besonders durch die psychologische Seite, durch die köstliche Färbung des Gedankens, durch die gelehrte Quintessenz des Gefühls mit ihm verwandt war, näherte sich Théodore Hannon besonders dem Meister in der plastischen Form, in der äußerlichen Erscheinung der Wesen und Dinge.

Seine entzückende Korruption stimmte merkwürdig mit den Neigungen des Herzogs überein, der bei Nebel und Regentagen sich in den von dem Poeten erdachten Schmollwinkel einschloß und seine Augen an dem Schillern seiner Stoffe, an dem Funkeln seiner Edelsteine, an der ausschließlich materiellen Pracht berauschte, die zu den Aufreizungen des Gehirns beitrugen.

Mit Ausnahme dieses Poeten und Stéphane Mallarmés, die er seinem Diener beiseite zu legen befahl, um sie abseits aufzustellen, fühlte sich der Herzog nur wenig von den Dichtern angezogen.

Trotz ihrer prächtigen Form, trotz der imposanten Wendung seiner Verse, die sich mit solchem Glanz ausbreiteten, daß die Hexameter von Hugo sogar im Vergleich düster und klanglos schienen, konnte ihn Leconte de Lisle jetzt nicht mehr befriedigen.

Das Altertum, das Flaubert so wunderbar wieder belebt hatte, blieb unter seinen Händen leblos und kalt. Es war kein Blut in diesen Versen, alles war nur Außenseite; nichts atmete in diesen öden Gedichten, dessen kaltblütige Mythologien ihn schließlich erstarrten.

Auch an Gautiers Werken fand er kein Interesse mehr, nachdem er ihn lange gern gehabt hatte; seine Bewunderung für einen so unvergleichlichen Maler, wie dieser Mann es war, war von Tag zu Tag mehr verschwunden, und jetzt war er erstaunter als entzückt über diese indifferenten Beschreibungen.

Zweifellos liebte der Herzog die Werke dieser beiden Poeten, wie er seltne und kostbare Steine liebte, aber keine der Variationen dieser vollkommnen Instrumentisten konnte ihn mehr entzücken, denn keine war dem Träumen zugänglich, keine zeigte, wenigstens nicht für ihn, einen jener lebhaften Durchblicke, die ihm erlaubten, den langsamen Flug der Stunden zu beschleunigen.

Er ging hungrig von diesen Büchern weg; ähnlich erging es ihm bei Victor Hugo.

Die psychologischen Labyrinthe Stendhals, die analytischen Irrgänge Durantys lockten ihn, aber ihre farblose, steife Sprache, gut genug für die gewöhnlichen Theaterstücke, stieß ihn anderseits ab.

Um sich an einem Werk zu erfreun, das nach seinem Geschmack einen prägnanten Stil mit einer scharfsinnig-katzenhaften Beweisführung verband, mußte er auf Edgar Poë zurückgreifen, für den seine Liebe nur gewachsen war, seitdem er sich öfter mit ihm beschäftigt hatte.

Mehr als jeder andre entsprach gerade dieser durch eine geistige Verwandtschaft den Träumerein des Herzogs.

Dem Tod, den alle Dramatiker so sehr gemißbraucht hatten, hatte er ein andres Aussehn gegeben; es war eigentlich weniger der wirkliche Todeskampf eines Sterbenden, den er beschrieb, sondern der moralische Todeskampf des Überlebenden, der vor dem elenden Bett von gräßlichen Hirngebilden, die der Schmerz und die Ermüdung erzeugt hatten, erfaßt wird. Mit grausamem Zauber hob er besonders die Handlungen des Entsetzens, den Zusammenbruch des Willens hervor, begründete sie kaltblütig, schnürte nach und nach die Kehle des keuchenden, erstickenden Lesers vor diesem künstlich zurechtgemachten Alpdrücken des heißen Fiebers zu. Von erblichem Nervenleiden krampfhaft verzerrt, halb wahnsinnig von dem moralischen Veitstanz, lebten seine Kreaturen nur durch die Nerven; seine Frauengestalten, wie Morella, Ligeia, besaßen eine ungeheure Gelehrsamkeit, durchdrungen von dem Nebel der deutschen Philosophie und den kabbalistischen Geheimnissen des alten Orients, und alle hatten sie Knabenbrüste und waren geschlechtslos.

Baudelaire und Poë, diese beiden Geister, die man oft zusammengestellt hatte wegen ihrer poetischen Berührungspunkte, ihrer gleichen Neigung in dem Vorwurfe geistiger Krankheiten, waren vollständig verschieden durch ihre Auffassungen vom Gemüt, das in ihren Werken einen so großen Platz einnahm. Baudelaire mit seiner gierigen Liebe, deren grausame Lust an die Verfolgungen einer Inquisition erinnert; Poë mit seinen keuschen ätherischen Leidenschaften, in denen keine Sinnlichkeit lebte, in denen das Gehirn allein Geltung hatte, ohne Zusammenhang mit den Organen, die, wenn sie überhaupt vorhanden waren, nur kalt und jungfräulich blieben.

Diese Klinik, in der der geistreiche Chirurg in einer bedrückenden Atmosphäre Gehirne zerlegte, war für den Herzog eine Quelle unermüdlichen Nachdenkens; aber seitdem sein Nervenleiden zugenommen hatte, gab es Tage, wo diese Lektüre ihn vollständig niederwarf, Tage, wo er mit zitternden Händen ängstlich lauschend dasaß und sich, wie der verzweifelte Usher, von einer unsinnigen Todesangst, einem dumpfen Schrecken erfaßt fühlte.

Notgedrungen mußte er sich schonen und diese fürchterlichen Reizmittel vermeiden. Ebenso vermochte er nicht mehr ungestraft sein rotes Vorzimmer zu besichtigen und sich an dem Anblick der Unheimlichkeiten Odilon Redons und den Martern Jan Luykens zu berauschen.

Und doch schien ihm, wenn er in dieser Geistesverfassung war, jede Literatur ungenießbar nach diesem amerikanischen Poeten.

Er wendete sich dann wohl zu Villiers de l'Isle-Adam, in dessen zerfahrnem Werke er wohl noch Anreizendes fand, das ihn jedoch nicht mehr wirklich packte, mit Ausnahme allerdings seiner Claire Lenoir, einem wahrhaft beunruhigenden Scheusal.

Es existierte wohl kein andres Buch in Frankreich in diesem Stil des ernsten und zugleich herben Spottes, außer der Novelle von Charles Cros: »la science de l'amour«. Diese konnte noch durch ihren stichelnden Humor und ihre kalt spaßhaften Beobachtungen auffallen, aber das Vergnügen war nur relativ, denn die Ausführung ließ alles zu wünschen übrig.

»Mein Gott! mein Gott! gibt es doch wenig Bücher, die man zweimal lesen kann,« seufzte der Herzog, der seinem Diener zusah, wie er vom Schemel herunterstieg, indem er zur Seite ging, damit der Herzog alle Fächer überblicken könnte.

Herzog Jean nickte Genehmigung mit dem Kopfe. Es blieben nur noch zwei dünne Einbände auf dem Tische. Eine Handbewegung verabschiedete den alten Diener. Er ergriff eins der Bücher, das in Eselshaut gebunden war, eingehüllt in eine Schutzdecke aus altem chinesischen Seidenstoff, der verblaßt war und den Reiz verblaßter Stoffe hatte, wie sie Mallarmé in einem entzückenden Gedichte rühmte.

Das Buch bestand nur aus neun Seiten und enthielt Auszüge aus Mallarmés ersten beiden Büchern. Sie waren auf Pergament gedruckt und unter dem Titel: »Einige Verse von Mallarmé« vereinigt. Sie waren von einem geschickten Kalligraphen in goldnen und farbigen Buchstaben mit der Hand im Stil der alten Handschriften gemalt.

Einige dieser Stücke interessierten ihn, aber besonders ein Bruchstück der Herodias wußte ihn in gewissen Stunden wie durch einen Zauber zu bannen.

Wie oft hatte er sich nicht des Abends unter der Lampe, die mit ihrem gedämpften Licht das stille Zimmer beleuchtete, hingerissen gefühlt von dieser Herodias, die in dem Bilde Gustav Moreaus, das jetzt im Schatten hing, nur noch die undeutlichen Umrisse ihres Körpers durch ihren Behang von Edelsteinen durchblicken ließ.

Die Dunkelheit unterdrückte das Leben, dämpfte die Reflexe und den goldigen Hintergrund, warf Schatten auf den Tempel, bedeckte die Nebenpersonen, begrub sie in ihren toten Farben, und nun das Weiße des Bildes verschwand, ließ sie das Weib aus ihrem Juwelenbehang noch leuchtender heraustreten und sie noch nackter erscheinen.

Unwillkürlich hob er zu ihr das Auge empor, erkannte sie in ihren unvergeßlichen Umrissen, und sie wurde wieder lebendig und rief auf ihren Lippen die seltsamen und süßen Verse wach, die ihr Mallarmé eingibt.

Er liebte diese Verse, wie er die Werke dieses Dichters liebte, der im Jahrhundert des allgemeinen Wahlrechts und in einer Zeit der Geldgier abseits vom literarischen Wege lebte, geschützt durch seine Verachtung vor der ihn umgebenden Dummheit. Er gefiel sich, fern von dem Treiben der Welt in dem wechselnden Spiel des Verstandes, in den Visionen des Gehirns, indem er noch mit den schon an sich gekünstelten Gedanken jonglierte und ihnen byzantinische Lichterchen aufsetzte.

Von allen Formen der Literatur war die des Gedichts in Prosa die, die der Herzog am meisten liebte. Von einem Genie gehandhabt, mußte sie in ihrem kleinen Raum die Gewalt eines Romans, dessen zergliederte Längen und beschreibende unnütze Wiederholungen sie wegließ, einschließen.

Schon oft hatte der Herzog über das große Problem nachgegrübelt, einen Roman in wenige Sätze zusammengedrängt zu schreiben, die die kondensierte Last von Hunderten von Seiten enthielten. Dann würden die gewählten Worte an ihrem richtigen Platze stehn, so, daß man keins umstellen könnte.

Der auf diese Weise abgefaßte Roman, in eine oder zwei Seiten zusammengedrängt, wäre eine Gedankenübereinstimmung zwischen dem Dichter und dem idealen Leser, eine geistige Zusammenarbeit zwischen wenigen auserwählten Personen, die in der Welt zerstreut sind, ein nur wenigen Feinsinnigen zugänglicher Genuß.

Mit einem Wort, das Gedicht in Prosa stellte für den Herzog den Extrakt der Literatur, das Rückgrat der Kunst vor.

Dieser auf ein Minimum kondensierte Extrakt existierte schon bei Baudelaire und ebenfalls in den Gedichten von Mallarmé, den er mit tiefem Entzücken in sich sog.

Als er dieses letzte Buch zuklappte, sagte sich der Herzog, daß sich jetzt wohl seine Bibliothek nie mehr vermehren werde.

Fünfzehntes Kapitel.

Die nervöse Verdauungsschwäche zeigte sich von neuem. Das neue Mittel brachte eine solche Reizung in seinem Magen hervor, daß der Herzog so schnell wie möglich mit seinem Gebrauch aufhören mußte.

Die Krankheit nahm ihren gewöhnlichen Verlauf; unbekannte Erscheinungen begleiteten sie. Nach den Alpdrücken, den Geruchseinbildungen, Gesichtsstörungen, dem harten, hartnäckigen Husten, dem Klopfen der Pulsadern und des Herzens, dem kalten Schweiß traten Täuschungen des Gehörs ein, Verschlimmerungen, die sich nur in der letzten Periode des Übels zu zeigen pflegen.

Von einem hitzigen Fieber verzehrt, hörte der Herzog plötzlich ein Wasserrauschen, das Summen von Bienenschwärmen; dann verschmolzen diese Geräusche zu einem einzigen zusammen, das dem Schnarren einer Drehbank ähnelte. Dieses Schnarren wurde nach und nach schwächer und löste sich in hellen Glockenklängen auf.

Bald fühlte er sein fieberndes Hirn wie emporgetragen in musikalischen Wellen, eingehüllt in den mystischen Taumel seiner Kindheit.

Die bei den Jesuiten erlernten Gesänge fielen ihm wieder ein, durch sie wieder das Pensionat und die Kapelle, in dem sie erklangen.

Bei den Patern wurden die religiösen Feierlichkeiten mit großer Pracht ausgeführt; ein vortrefflicher Organist und ein ausgezeichneter Chorknabengesang machten diese religiösen Übungen zu einem künstlerischen Genuß, der dem Kultus zugute kam.

Der Organist war in die alten Meister verliebt und bei hohen Festtagen spielte er Messen von Palestrina und Orlando Lasso, Psalmen von Marcello, Oratorien von Händel, Motetten von Sebastian Bach und trug gerne des Paters Lambilottes weiche und leichte Kompositionen vor, wie auch die »Laudi spirituali« des sechzehnten Jahrhunderts, deren priesterliche Weihe den jungen Herzog oft entzückt hatte.

Besonders aber empfand er eine unbeschreibliche Wonne beim Hören des einstimmigen Kirchengesangs, den der Organist beibehalten hatte.

Die jetzt für veraltet und altertümelnd geltende Liturgie war das Wort und der Geist der antiken Kirche, die Seele des Mittelalters; es war das ewig gesungne Gebet, nach den Begeisterungen der Seele harmonisiert, eine beständige Hymne, die seit Jahrhunderten zu dem Allerhöchsten hinaufgesandt wurde.

Diese traditionelle Melodie war die einzige, die sich mit ihrem mächtigen Gleichklang, ihren feierlich massiven Harmonien den Quadersteinen der alten Basiliken anpaßte und die römischen Gewölbe ausfüllte.

Wie oft war der Herzog nicht ergriffen und niedergedrückt gewesen von dem unwiderstehlichen Hauch, als der »Christus factus est« des gregorianischen Gesanges zu dem Kirchenschiff emporstieg, dessen Pfeiler unter den schwebenden Wolken des Weihrauchkessels zu zittern schienen; oder wenn die einförmige Melodie des »De profundis« klagend ertönte, traurig wie ein Schluchzen, durchdringend wie der verzweifelte Ruf der Menschheit, die ihr sterbliches Schicksal beweint, die rührende Barmherzigkeit ihres Erlösers anfleht!

Im Vergleich zu diesem prachtvollen Gesang, den kein einzelner, sondern der Genius der Kirche geschaffen hatte, unpersönlich, namenlos wie die Orgel selbst, deren Erfinder unbekannt ist, schien ihm jede religiöse Musik profan.

Dagegen war in allen den Werken Jomellis und Porporas, Carissimis und Durantes, in den bewundernswürdigsten geistigen Schöpfungen von Händel und Bach keine Verzichtleistung auf einen öffentlichen Erfolg, keine Aufopferung einer Kunstwirkung, keine Entsagung des menschlichen Stolzes zu finden.

Höchstens in der imposanten Hochamtsmusik von Lesueur bestätigte sich der religiöse Stil ernst und streng und näherte sich der erhabnen Majestät des alten Chorals.

Übrigens waren die Ideen des Herzogs in absolutem Widerspruch mit den Theorien, die er in bezug auf alle andern Künste bekannte. Was die religiöse Musik anbelangte, billigte er eigentlich nur die klösterliche Musik des Mittelalters, diese abgezehrte Musik, die instinktmäßig auf die Nerven wirkt. Dann gestand er auch selbst zu, daß er unfähig war, die Schliche zu verstehn, die die Meister der Gegenwart in der katholischen Kunst eingeführt hatten; auch hatte er die Musik nicht mit derselben Leidenschaft studiert, mit der er sich zur Malerei und zu den literarischen Wissenschaften hingezogen fühlte.

Er spielte wie der erste beste Klavier, war nach längerm Studium imstande, eine Partitur zu entziffern, aber er verstand nichts von der Harmonie und der nötigen Technik, um wirklich eine Feinheit zu schätzen und mit Sachverständnis zu genießen.

Mit der profanen Orchestermusik konnte er sich nicht befreunden, weil man sie nicht bei sich allein hören kann, wie man ein Buch zu lesen pflegt. Um sie zu genießen, hätte er sich unter dieses immer gleiche Publikum mischen müssen, das die Theater füllt und den Winterzirkus belagert, wo man in einer Waschhausatmosphäre einen Menschen bewundert, der in der Luft herumfuchtelt und aus Wagner herausgerißne Episoden zur ungeheuern Freude eines unwissenden Haufens grausam zu Tode hetzt.

Er hatte nicht den Mut gehabt, sich in dieses Volksbad zu tauchen, um Berlioz zu hören, von dem ihn indessen einige Bruchstücke durch ihre leidenschaftliche Begeisterung und ihr schwungvolles Feuer gefangen genommen hatten; und er sah auch ein, daß keine Szene, ja selbst nicht einmal ein Satz einer Oper des wunderbaren Wagner aus ihrem Gefüge ungestraft losgelöst werden durfte.

Und deshalb war der Herzog auch der Meinung, daß von diesem Haufen von Musikfreunden, die des Sonntags außer sich gerieten, kaum zwanzig die Partitur kannten, die man verhunzte.

Die bekanntre, leichtre Musik und die unabhängigen Stücke der alten Opern fesselten ihn sehr wenig; die leichten Piecen von Auber und Boïeldieu, Adam und Flotow und die Banalitäten eines Ambroise Thomas und Bazin widerten ihn in gleichem Maße an, wie die veralteten Ziererein und die pöbelhaften Reize der Italiener.

Er hatte sich deshalb von der Musik fern zu halten entschlossen und seit den Jahren dieser seiner Enthaltung erinnerte er sich nur gewisser Kammermusiksoireen, in denen er Beethoven und besonders Schumann und Schubert gehört hatte, die seine Nerven derart zermürbt hatten wie die innigsten und qualvollsten Dichtungen Edgar Poës.

Gewisse Partien für Violoncello von Schumann hatten ihn ganz atemlos gelassen; es waren besonders die Lieder von Schubert, die ihn vor Entzücken außer sich gebracht hatten.

Diese Musik drang in sein tiefstes Innre und machte sein Herz erbeben wie von vergeßnen Leiden alter Melancholie; und er fühlte sich ganz betäubt, plötzlich soviel wirres Elend und unbestimmten Schmerz zu empfinden.

Diese Musik der Verzweiflung, die aus dem Tiefsten des Seins aufschrie, entsetzte und entzückte ihn zugleich. Niemals hatte er »des Mädchens Klage« hören können, ohne daß ihm nicht nervöse Tränen in die Augen stiegen, denn es war in diesem Klagelied mehr als Betrübnis, etwas Entrißnes, das ihm das Herz zerwühlte, wie das Sterben eines Lieben in einer düstern, öden Landschaft.

Und immer wieder, wenn ihm diese entzückend traurigen Klagen über die Lippen kamen, riefen sie in ihm diese einsame Landschaft wach, in der geräuschlos in der Ferne vom Leben abgehetzte Menschen in der Dämmerung verschwanden. Er fühlte sich dann in dieser trostlosen Natur so allein, durch Herzeleid und Widerwillen verbittert, von einer namenlosen Melancholie erdrückt, von einer tödlichen Herzensangst erfaßt, deren geheimnisvolle Macht jeden Trost, jedes Mitleid, jede Ruhe ausschloß.

Gleich einem Totengeläute verfolgte ihn dieser verzweiflungsvolle Gesang, jetzt, wo er durch Fieber vernichtet daniederlag, von toller Angst erregt, die zu beschwichtigen ihm um so weniger gelang, als er deren Ursache nicht erkannte.

Er überließ sich schließlich dem Spiel der Wellen. Des Kampfes müde, ließ er sich von dem Strom der Angst hin und her werfen, der sich in klagenden Tönen durch seinen schmerzenden Kopf und seine stechende Schläfe ergoß.

Eines Morgens hörte aber dieses Singen und Klingen auf; der Herzog war wieder seiner mächtig und ersuchte den Diener, ihm einen Spiegel zu bringen. Vor Entsetzen glitt ihm der Spiegel fast aus der Hand; er erkannte sich kaum wieder.

Sein Gesicht hatte eine Erdfarbe angenommen, die Lippen waren aufgedunsen und trocken, die Zunge welk, die Haut runzlig. Sein Haar und Bart, seit seiner Krankheit nicht geschnitten, erhöhten noch das Entsetzliche seines eingefallnen Gesichtes mit den hohlen, verschwommnen Augen, die im Fieberglanz in seinem borstigen Schädel brannten.

Mehr als seine Schwäche, als seine Erbrechungen, die jeden Versuch von Nahrung zurückwiesen, mehr als dieser Marasmus, in dem er steckte, erschreckte ihn diese Veränderung seines Äußern.

Er glaubte sich verloren; doch trotz der Ermattung, die ihn niederdrückte, richtete ihn die Energie eines gehetzten Menschen plötzlich auf und gab ihm die Kraft, einen Brief an seinen Arzt in Paris zu schreiben und seinem Diener zu befehlen, ihn auf der Stelle aufzusuchen und ihn um jeden Preis sofort herzuschaffen.

Sein vollständiges Sichgehnlassen ging in plötzliche Hoffnung über; denn dieser Arzt war ein berühmter Spezialist, ein Doktor, bekannt durch seine Kuren nervöser Krankheiten.

»Er hat sicher schon eigensinnigere und gefährlichere Fälle als den meinen behandelt,« sagte sich der Herzog; »er wird mich zweifellos in einigen Tagen wieder auf die Beine bringen.«

Dann aber folgte diesem Vertrauen eine vollständige Hoffnungslosigkeit.

»So gelehrt, so geschickt sie auch sein mögen, von Nervenleiden verstehn die Ärzte nichts, ja sie kennen nicht einmal ihren Ursprung. Wie alle andern wird auch dieser mir das ewige Zinkoxyd, Chinarinde, Bromkali und Baldrian verschreiben.«

»Aber wer weiß,« fuhr er dann fort, und klammerte sich an eine letzte Hoffnung, »wenn mir diese Mittel bis jetzt nicht geholfen haben, kommt es vielleicht daher, daß ich sie nicht in richtiger Dosis gebraucht habe.«

Trotz alledem aber gab ihm die Erwartung einer möglichen Linderung schon neuen Lebensmut.

Dann befiel ihn die neue Befürchtung, ob sich der Arzt in Paris befände und sich hierher bemühen werde. Und wieder überwältigte ihn die Furcht, daß der Diener ihn nicht antreffen könnte.

Er fühlte aufs neue seine Kräfte schwinden, er ging von einer Sekunde zur andern von tollster Hoffnung zur wahnsinnigsten Angst über, übertrieb die Aussichten plötzlicher Heilung, wie die Befürchtungen einer nahen Gefahr. So verflossen die Stunden, und der Augenblick kam, wo es zu Ende war mit seiner Kraft, wo er an dem Kommen des Arztes verzweifelte und sich wütend sagte, daß er sicherlich gerettet würde, wenn ihm rechtzeitig beigestanden worden wäre. Dann wieder verflog sein Zorn gegen den Diener und den Arzt, die er beschuldigte, ihn sterben zu lassen, und schließlich raste er gegen sich selbst und warf sich vor, so lange gewartet zu haben, um Hilfe zu holen, und bildete sich ein, daß er jetzt geheilt wäre, wenn er nur einen Tag früher kräftige Arznein und vernünftige Pflege gehabt hätte.

Nach und nach besänftigte sich dieser Wechsel von Beunruhigungen und neuen Hoffnungen, die sich in seinem leeren Hirn jagten. Diese Widersprüche rieben ihn vollends auf. Er verfiel in einen Schlaf der Ermattung, den unzusammenhängende Träume durchzogen, in eine Art von Ohnmacht, die von bewußtlosem Erwachen unterbrochen wurde. Er hatte den Begriff seiner Wünsche und Befürchtungen derart verloren, daß er ganz apathisch war und kein Erstaunen und keine Freude empfand, als der Arzt plötzlich ins Zimmer trat.

Der Diener hatte ihn jedenfalls von der Lebensweise des Herzogs unterrichtet und auch von den verschiednen Symptomen, die er selbst beobachtet hatte seit dem Tage, als er seinen Herrn nahe dem Fenster, von der Heftigkeit der Parfüms ohnmächtig, aufgehoben hatte; denn der Arzt stellte nur wenige Fragen an den Kranken, dessen Verhältnisse er übrigens seit Jahren kannte. Er untersuchte ihn, klopfte und horchte an ihm herum und prüfte aufmerksam den Urin, in dem ihm gewisse weiße Streifen eine der ausgesprochensten Ursachen des Nervenleidens offenbarten.

Er schrieb ein Rezept, und ohne noch etwas hinzuzufügen, ging er fort; seine baldige Rückkehr sagte er zu.

Dieser Besuch tröstete den Herzog, den jedoch das Schweigen sehr befremdete, und er beschwor seinen Diener, ihm nicht länger die Wahrheit vorzuenthalten. Dieser bestätigte ihm, daß der Arzt keinerlei Beunruhigung an den Tag gelegt hätte, und so mißtrauisch auch Herzog Jean war, er fand kein Anzeichen, das eine Lüge auf dem ruhigen Gesicht des alten Mannes verriet.

Bald heiterten sich seine Gedanken auf; überdies waren seine Leiden verstummt und zu der Schwäche, die er in allen Gliedern verspürte, gesellte sich eine gewisse Sanftheit, eine gewisse Wohligkeit, leise und unbestimmt. Und endlich war er ganz zufrieden, nicht mit Arznein und Flaschen überbürdet zu sein. Ein schwaches Lächeln glitt um seine blassen Lippen, als der Diener ein mit Pepton gemischtes Klistier brachte und ihm bedeutete, daß er es dreimal in vierundzwanzig Stunden wiederholen müsse.

Es müßte köstlich sein, dachte er, wenn man bei voller Gesundheit dieses einfache Mittel fortsetzen könnte! Welch eine Ersparnis an Zeit, welch eine radikale Erlösung der Abneigung, die das Fleisch den Leuten ohne Appetit einflößt! Welch endgültige Befreiung des Überdrusses, der sich immer aus der notgedrungen beschränkten Wahl der Speisen ergibt! Welch energische Verwahrung gegen die gemeine Sünde der Gefräßigkeit!

Einige Tage darauf brachte der Diener ein Klistier, dessen Farbe und Geruch anders war als das von Pepton.

»Aber das ist ja nicht dasselbe!« rief der Herzog aus, der sehr aufgeregt war über die in das Instrument gegoßne Flüssigkeit.

Er verlangte wie in einem Restaurant die Karte, und das Rezept des Arztes entfaltend las er:


Lebertran20 Gramm

Kraftbouillon200 Gramm

Burgunderwein200 Gramm

Eigelb1 Gramm.


Aber er brauchte bald nicht mehr über die nährenden Flüssigkeiten nachzudenken, denn es gelang dem Arzt, nach und nach die Erbrechungen zu bezwingen und ihm auf gewöhnlichem Wege einen süßlichen Punsch mit Fleischpulver gemischt beizubringen, dessen unbestimmtes Aroma von Kakao seinem Mund zusagte.

Wochen vergingen, und sein Magen entschloß sich endlich wieder zu arbeiten; zu gewissen Zeiten kam die Übelkeit noch wieder, die indessen durch das Ingwerbier und durch eine Arznei von der Riviera eingeschränkt wurde.

Schließlich kräftigten sich auch nach und nach die Organe wieder, und mit Hilfe der Pepsine konnte er wirkliches Fleisch verdaun.

Die Kräfte nahmen zu, und bald konnte der Herzog schon in seinem Zimmer aufrecht stehn und versuchen zu gehn, indem er sich auf einen Stock stützte und an den Ecken der Möbel festhielt. Anstatt sich dieses Erfolges zu freun, vergaß er seine vergangnen Leiden, wurde gereizt über die Länge der Rekonvaleszenz und warf dem Arzt vor, daß er seine Genesung hinauszögre.

Endlich war er so weit wieder hergestellt, daß er während ganzer Nachmittage aufbleiben konnte und ohne Hilfe in seinem Zimmer umherzugehn vermochte.

Jetzt ärgerte ihn sein Arbeitszimmer; Fehler, an die er sich durch die Länge der Zeit gewöhnt hatte, fielen ihm in die Augen, als er nach langer Zwischenzeit wieder dorthin kam.

Die Farben, die gewählt waren, um bei Licht gesehn zu werden, erschienen ihm bei Tageslicht unharmonisch. Er dachte daran, sie zu ändern, und stellte stundenlang künstliche Farbenharmonien zusammen.

Es ist kein Zweifel, ich bin auf dem Wege der Besserung, dachte er, da er die Rückkehr zu seinen frühern Beschäftigungen und alten Liebhaberein wahrnahm.

Eines Morgens, während er seine orange-gelben und blauen Wände betrachtete und dabei von den idealen Wandbekleidungen träumte, die aus griechischen Kirchenstolas, russischen Meßgewändern in Goldstoff, Chormänteln aus Brokat, mit slavonischen Buchstaben gemustert, aus Edelsteinen des Ural und aus Reihen Perlen gebildet waren, trat der Arzt ins Zimmer, beobachtete die Blicke seines Kranken und erkundigte sich nach seinem Befinden.

Der Herzog teilte ihm seine unausführbaren Wünsche mit und fing an, neue Farbenmischungen vor ihm zu entwickeln, von Paarungen und Auflösungen der Nuancen zu sprechen, als ihm der Arzt einen energischen Dämpfer aufsetzte und ihm in einer keinen Widerspruch duldenden Art erklärte, daß er jedenfalls nicht in dieser Wohnung seine Pläne zur Ausführung bringen werde.

Und ohne ihm die Zeit zu einer Entgegnung zu lassen, setzte er ihm auseinander, daß er zuerst zum Wichtigsten geschritten sei, indem er die Verdauungsfunktionen wiederhergestellt habe, und daß er jetzt das Nervenleiden selbst in Behandlung nehmen müsse, das keineswegs geheilt sei und Jahre der Schonung und Pflege erfordre.

Er fügte hinzu, daß, bevor er irgendein Mittel versuchen oder eine Kaltwasserkur anfangen könne, was außerdem in Fontenay unmöglich sei, er diese Zurückgezogenheit aufgeben, nach Paris zurückkehren, in das allgemeine Leben wieder eintreten und endlich versuchen müsse, sich wie jeder andre Mensch zu zerstreun.

»Aber die Vergnügungen der andern zerstreun mich nicht!« rief der Herzog empört aus.

Ohne sich in eine Diskussion einzulassen, versicherte der Arzt einfach, daß die gänzliche Lebensveränderung in seinen Augen eine Lebensfrage wäre.

»Das heißt also der Tod oder die Galeerenstrafe!« rief der Herzog erbittert aus.

Der Arzt, von allen Vorurteilen eines Weltmanns durchdrungen, lächelte und schritt ohne zu antworten der Türe zu.

Sechzehntes Kapitel.

Der Herzog hatte sich in seinem Schlafzimmer eingeschlossen und sich die Ohren verstopft, um nicht die Hammerschläge zu hören, die vom Zunageln der Packkisten, die die beiden alten Diener fertig machten, herüberhallten. Jeder Schlag traf sein Herz und schlug ihm eine tiefe Wunde ins volle Fleisch.

Der Ausspruch des Arztes verwirklichte sich. Die Furcht, nochmals die Schmerzen, die er ertragen hatte, durchmachen zu müssen, und die Angst vor einem gräßlichen Todeskampf hatten mächtiger auf den Herzog gewirkt, als der Haß auf die niederträchtige Existenz, zu der ihn das Urteil des Arztes verdammte.

»Und doch gibt es Leute,« murmelte er, »die zurückgezogen leben, ohne mit jemandem zu sprechen, die sich fern von der Welt verzehren, so wie die Zuchthäusler und die Trappisten, und nichts beweist, daß diese Unglücklichen, wie auch die Weisen wahnsinnig oder schwindsüchtig werden.«

Er hatte diese Beispiele dem Doktor ohne Erfolg angeführt. Dieser hatte ihm in trocknem Ton wiederholt, der keine Einrede zuließ, daß seine Ansicht, die übrigens durch die Ansicht aller Krankheitsbeschreiber des Nervenleidens bestätigt wurde, daß allein Zerstreuung, Vergnügen, Freude auf die Krankheit Ein fluß haben könnte, die richtige wäre. Ungeduldig gemacht durch die Gegenklagen seines Kranken, hatte er ein für allemal erklärt, daß er sich weigre, seine Behandlung fortzusetzen, wenn er nicht einwillige, die Luft zu wechseln und nach den neuen Vorschriften der Gesundheitslehre zu leben.

Herzog Jean hatte sich nach Paris begeben und andre Spezialisten zu Rate gezogen, ihnen unparteiisch seinen Fall vorgelegt, und nachdem alle ohne Zögern die Verschreibungen ihres Fachgenossen gebilligt hatten, hatte er eine leere Wohnung in einem neuen Hause gemietet, war nach Fontenay zurückgekehrt und hatte, außer sich vor Wut, den alten Dienern befohlen, die Koffer zu packen.

Tief in seinen Sessel gedrückt, grübelte er jetzt über die Wandlung nach, die seine Pläne umstürzte, die die Neigungen seines jetzigen Lebens zerstörte, seine zukünftigen Projekte begrub. Er mußte diesen Hafen, der ihn schützte, verlassen, wieder von neuem in den Sturm von Albernheiten hinaustreten, der ihn früher niedergeworfen hatte!

Die Ärzte sprachen von Vergnügungen, Zerstreuungen; ja aber mit wem und womit sollte er sich denn erheitern und zerstreun?

Hatte er sich nicht selbst aus der Gesellschaft gestoßen? Kannte er einen Menschen, der es versuchen möchte, so wie er sich in Betrachtungen zu verbannen, sich in Träumerein zu verlieren? Kannte er auch nur einen Menschen, der imstande war, den Scharfsinn eines Satzes, die Feinheit einer Malerei, die Quintessenz eines Gedankens zu schätzen, einen Menschen, dessen Seele fein genug war, einen Mallarmé zu verstehn, einen Verlaine zu lieben?

Wo, wann und in welcher Gesellschaft sollte er suchen, einen Geistesgenossen zu finden, einen Geist, abgesondert von allen Gemeinplätzen, der das Schweigen wie eine Wohltat, den Undank wie eine Erleichterung, das Mißtraun wie einen Schutz, wie einen Hafen segnete? In der Welt, in der er vor seiner Abreise nach Fontenay gelebt hatte? – Die meisten dieser Junker, mit denen er verkehrt, waren seit jener Zeit noch mehr in den Salons verdummt, waren noch mehr an den Spieltischen versumpft, an den Küssen der Dirnen noch mehr verliedert. Die meisten mochten sogar verheiratet sein.

»Welch hübscher Wechsel, welch schöner Tausch war doch diese von der sonst so prüden Gesellschaft angenommne Gewohnheit!« träumte der Herzog vor sich hin.

War denn nicht auch der alte Adel in Fäulnis geraten? War die Aristokratie nicht dem Stumpfsinn und der Versumpfung anheimgefallen? Sie erlosch in der Herabgekommenheit ihrer Nachkommen, deren Fähigkeiten bei jeder Generation schwächer wurden und deren Gorillainstinkte eines Stallknechts und Jockeis würdig waren.

Die Klöster waren in Apotheken und Likörfabriken verwandelt. Sie verkauften Rezepte oder machten sie selbst: der Orden der Zisterzienser zum Beispiel Schokolade; Trappisten Nudeln und aromatische Weingeistarnika; die Dominikanermönche fabrizierten gegen den Schlagfluß wirkende Elixiere; die Jünger des heiligen Benedikt Benediktinerlikör; die Mönche des heiligen Bruno Chartreuse.

Der Handel hatte die Klöster überschwemmt: statt der Chorbücher standen große Handelsregister auf den Kirchenpulten. Dem Aussatze gleich zerstörte die Gier die Kirche, sie beugte die Mönche über die Inventuren und Rechnungen, verwandelte die Kirchenväter in Zuckerbäcker und Quacksalber, die Laienbrüder und Klosterdiener in gewöhnliche Packer und Krukenverschließer.

Und dennoch waren es nur noch die Geistlichen, bei denen der Herzog Verbindungen erhoffen konnte, die bis auf einen gewissen Grad seinem Geschmack gleichkamen. In der Gesellschaft der Stiftsherren, im allgemeinen gelehrt und wohlerzogen, könnte er einige angenehme und interessante Abende verbringen. Aber dazu war es nötig, daß er ihren Glauben teilte, daß er nicht zwischen skeptischen Ideen und Überzeugungssprüngen schwankte, die von Zeit zu Zeit, durch die Erinnerungen seiner Kindheit unterstützt, auftauchten.

Er hätte identische Meinungen hegen müssen und nicht, wie er es gern in den Augenblicken der Erregung tat, einen mit etwas Magie gesalznen Katholizismus anerkennen dürfen.

Dieser besondre Klerikalismus, dieser verderbte und künstlich lasterhafte Mystizismus, auf den er in gewissen Stunden lossteuerte, konnte sogar mit einem Priester nicht besprochen werden, der ihn nicht begriffen und ihn sofort mit Entsetzen verbannt hätte.

Zum zwanzigstenmal erregte ihn dies unlösliche Rätsel. Er hätte gewünscht, daß dieser argwöhnische Zustand, gegen den er vergeblich in Fontenay gekämpft hatte, ein Ende nähme, jetzt, wo er aus sich herausgehn sollte; er hätte sich zwingen mögen, den wahren Glauben zu besitzen, sich ihn tief einzuprägen, sobald er ihn hielte, ihn mit Klammern in seiner Seele zu befestigen, ihn endlich in Sicherheit zu bringen vor allen Grübelein, die ihn schwankend machten.

»Könnte man doch jedes Grübeln aufgeben!« murmelte der Herzog mit einem schmerzlichen Seufzer; »man müßte die Augen schließen können, sich durch die Strömung forttreiben lassen und diese verfluchten Entdeckungen vergessen können, die das religiöse Gebäude seit zwei Jahrhunderten von oben bis unten erschüttert haben.«

»Und noch dazu sind es nicht einmal die Ungläubigen, noch die Physiologen,« seufzte er, »die den Katholizismus niederreißen; es sind die Priester selbst, deren ungeschickte Werke die hartnäckigsten Überzeugungen ausrotten können.

Hatte sich nicht ein Doktor der Theologie, ein Predigerbruder, der hochwürdige Pater Rouard de Card, erdreistet, in einer Broschüre: ›Die Fälschungen der sakramentalen Substanzen‹ unumstößlich zu beweisen, daß der größte Teil der Messen aus dem Grunde nicht gültig war, weil die dem Kultus dienenden Stoffe durch die Verkäufer gefälscht waren?«

Seit Jahren waren die heiligen Öle mit Hühnerfett, das Wachs mit verkalkten Knochen, der Weihrauch mit gewöhnlichem und altem Benzoeharz verfälscht worden.

Aber noch schlimmer war, daß Substanzen, die dem heiligen Opfer unentbehrlich waren, verfälscht wurden; der Wein durch mannigfaltiges Verschneiden, durch unerlaubte Einführung von Fernambukoholz, Attichbeeren, Alkohol, Alaun, Salizylsäure, Bleiglätte; das Brot, dies Brot des heiligen Abendmahls, das aus dem feinsten Weizen geknetet werden soll, durch Erbsenmehl, Pottasche und Pfeifenerde.

Ja man war noch weiter gegangen, man hatte gewagt, das Korn vollständig wegzulassen, und schamlose Händler fabrizierten fast alle Hostien aus Kartoffelmehl!

Ach! die Zeit war fern, wo Radegonde, Königin von Frankreich, selbst das für den Altar bestimmte Brot bereitete, wo nach den Gebräuchen von Cluny drei Priester oder drei Diakonen, nüchtern, mit weißem Chorhemd und Achseltüchern bekleidet, sich das Gesicht und die Hände, wuschen und den Weizen Korn für Korn aussuchten, ihn unter dem Mühlstein zermalmten, den Teig in kaltem reinen Wasser kneteten und ihn selbst auf einem hellen Feuer buken und Psalme dabei sangen!

Diese Betrachtungen verdüsterten noch mehr die Aussicht auf sein künftiges Leben und färbten seinen Horizont noch drohender und dunkler.

Wahrlich, ihm blieb keine Reede, kein Ufer offen! Was würde aus ihm werden in diesem Paris, wo er weder Familie noch Freunde besaß? Kein Band verknüpfte ihn mehr mit dem Faubourg Saint-Germain, das vor Altersschwäche zitterte, sich im Staub des Verfalls abbröckelte und in einer neuen Gesellschaft wie eine zerbrochne, leere Schale dalag!

Und welch eine Verbindung konnte zwischen ihm und der bürgerlichen Klasse existieren, die nach und nach emporgestiegen war, die Vorteil aus allen Mißgeschicken zog, um sich zu bereichern?

Nach der Aristokratie der Geburt war es jetzt die Geldaristokratie, der Despotismus des Handels mit feilen und engherzigen Ideen, eiteln und schurkischen Instinkten.

Gemeiner, ruchloser als der entartete Adel und die gesunkne Geistlickeit war das Bürgertum, das ihnen ihre eitlen Prahlereien, ihre einfältige Ruhmredigkeit entlehnte, die es durch seinen Mangel an Lebensart erniedrigte, während es ihre Fehler in heuchlerische Laster verwandelte. Und wie herrisch und tückisch, wie niedrig und feige schoß es mitleidslos auf seinen ewigen und doch unentbehrlichen Geprellten, den Pöbel, seine Kartätschen ab, dem es selbst den Maulkorb abgenommen und entmündigt hatte, um den alten Ständen den Garaus zu machen.

Das war jetzt eine abgemachte Tatsache. Nun, wo seine Arbeit getan war, hatte man gesundheitshalber den Pöbel bis aufs Blut geschröpft; und der nun beruhigte Bürger herrschte vergnügt durch die Macht des Geldes und die Ansteckung seiner Dummheit.

Die Folge seiner Erhebung war die Vernichtung aller Intelligenz, die Verneinung aller Rechtschaffenheit, der Tod jeder Kunst. So lagen die verächtlichen Künstler auf den Knien und küßten inbrünstig die Füße der hohen Pferdehändler und gemeinen Satrapen, deren Almosen sie ernährte!

Es war über die Malerei eine Sintflut von kraftlosen Albernheiten, in der eine Völlerei glatten Stils und feiger Ideen herrschte, hereingebrochen. Denn der Geschäftsintrigant will Rechtschaffenheit; der Freibeuter will Tugend; wer nach einer Mitgift für seinen Sohn jagt, sträubt sich, sie für seine Tochter zu zahlen; der Anhänger Voltaires sucht keusche Liebe; wer die Geistlichkeit der Notzucht beschuldigt, treibt sich dumm und heuchlerisch in den unordentlichen Zimmern der Dirnen herum.

Es war die große Galeere Amerikas, die nach Europa verschlagen war. Es war die ungeheure und unerhörte Anmaßung des Geldmenschen und Emporkömmlings, die wie eine gemeine Sonne über die götzendienerische Stadt strahlte, die im Staube vor dem ruchlosen Tabernakel der Bankhäuser zotige Gesänge ausstößt.

»Stürze doch zusammen, Gesellschaft! Stirb doch, alte Welt!« rief der Herzog empört über das gemeine Schauspiel, das er heraufbeschwor; dieser Schrei brach den Alp, der ihn bedrückte.

»Ach!« seufzte er, »und sich sagen zu müssen, daß dies alles kein Traum ist! Daß ich wieder in das schändlich gemeine Gewühl des Jahrhunderts hineingeworfen werde«! Um sich zu beschwichtigen, rief er die tröstenden Lebensregeln Schopenhauers zu Hilfe; er wiederholte sich den schmerzlichen Grundsatz Pascals: »Die Seele sieht nichts, was sie nicht betrübt, wenn sie daran denkt.« Aber die Worte hallten in seinem Gehirn wider wie Laute ohne Sinn; sein Verdruß zersplitterte sie, entzog ihnen jede Bedeutung, jede beruhigende Wirkung, jede wirkliche und sanfte Kraft.

Er sah schließlich ein, daß die Beweisgründe des Pessimismus ohnmächtig waren, ihn zu erleichtern, daß der unmögliche Glaube an ein zukünftiges Leben allein beruhigend wirkte.

Ein Wutausbruch fegte gleich einem Orkan seine Versuche der Entsagung und der Gleichgültigkeit hinweg. Er konnte es sich nicht mehr verhehlen, es gab nichts, gar nichts mehr. Alles war vernichtet!

Zeigte der schreckliche Gott der Schöpfung und der blasse Losgenagelte von Golgatha nicht einmal wirklich, daß er existierte, erneuerte er nicht wieder die Sintfluten, zündete er nicht wieder die Flammenregen an, die einst die verdammten und toten Städte verzehrt hatten!?

Fuhr dieser Schlamm fort, zu fließen und mit seinem Pesthauch die alte Welt zu vergiften, wo nur noch Saaten von Freveltaten und Ernten von Schande aufgingen!? – – –

Plötzlich ging die Tür auf. In der Ferne, von den Türpfosten umrahmt, sah man kräftige Männer in Arbeitstracht, die große Kisten und Möbel auf den breiten Nacken hinaustrugen. Dann schloß sich die Türe wieder hinter dem alten Diener, der Pakete mit Büchern geholt hatte.

Der Herzog fiel vernichtet auf einen Stuhl.

»In zwei Tagen werde ich in Paris sein,« murmelte er, »nun ist alles zu Ende! Wie eine Springflut steigen die Wogen der menschlichen Mittelmäßigkeit bis zum Himmel, und sie werden den Zufluchtsort verschlingen, dessen Dämme ich wider meinen Willen öffnen muß. Ach! Mir fehlt der Mut!

Jesus Christus habe Mitleid mit dem Christen, der zweifelt, mit dem Ungläubigen, der glauben möchte, dem Sklaven des Lebens, der allein hinaussteuert in die Nacht, unter einen Himmel, an dem keine tröstenden Sterne alter Hoffnungen mehr leuchten.«




Gabriel Zachmann
Last modified: Mon Nov 01 19:50:21 MET 2010